Bundesliga-Kommentar

Kein Platz für kleine Tiere

Von Peter Heß

12. Mai 2008 Auf Wiedersehen, Rostock und Duisburg, Willkommen, Mönchengladbach und Köln. Die Bundesliga steuert in der nächsten Saison auf einen neuen Zuschauerrekord zu. Kleine Klubs mit kleinen Stadien verlassen die Eliteklasse, Traditionsvereine mit Arenen, die über 50.000 Zuschauern Platz bieten, stoßen hinzu. Die Bundesliga wird noch größer, bunter, attraktiver, und langsam kriecht der Gedanke in den Kopf – sie ist mittlerweile so groß geworden, dass sie kleinen Vereinen keinen Platz mehr bietet, zumindest über das Aufstiegsjahr hinaus.

Die ausgeglichenste Liga der Welt, dieses Prädikat gilt für das deutsche Oberhaus längst nicht mehr. Nicht nur die Spitze hat sich immer weiter abgesetzt, auch Unter- und Mittelschicht trennt mittlerweile ein Graben, der kaum noch überbrückbar scheint. Die Zentralvermarktung funktioniert nur noch als kosmetisches Mittel, Klassenunterschiede kann sie nicht mehr ausgleichen.

Die Wahrscheinlichkeitsrechnung spricht gegen Cottbus

Dass Duisburg und Rostock abgestiegen sind, erscheint beinahe zwangsläufig, dass Cottbus die Liga halten konnte, wirkt wie ein Wunder. Bei der finanziellen Potenz der Aufsteiger sieht es so aus, als hätten die Lausitzer das Unvermeidliche nur um ein Jahr hinausgeschoben. Falls Bielefeld doch noch absteigen muss und Hoffenheim nach oben kommt, dann kämpft Energie in der kommenden Saison nur noch mit zwei Vereinen, die über einen einigermaßen vergleichbar niedrigen Etat verfügen: Karlsruhe und Bochum.

Zwar gelingt es immer wieder Bundesligaklubs, Geld sinnlos zu verprassen, zwar leiden immer wieder Vereine unter einer Pech- und/oder Verletzungssträhne: Aber die Wahrscheinlichkeitsrechnung spricht gegen Cottbus, wie sie noch nie gegen Cottbus gesprochen hat.

Der Osten ist abgestiegen

Welche Chancen bleiben Energie oder Vereinen vergleichbarer Couleur? Keine, nur das Prinzip Hoffnung. Dass die Nachwuchsarbeit außergewöhnliche Talente hervorbringt. Dass eine Trainerpersönlichkeit die Mannschaft hinter sich schart und ihr Stärke einflößt, die sie nicht hat. Dass sich unter den Schnäppchen auf dem Transfermarkt eine bisher unentdeckte Fußballgröße befindet. Dass drei Konkurrenten eine verkorkste Saison haben. Das alles kann geschehen, wahrscheinlich ist es nicht.

Es gibt keinen Königsweg, was vor einem Jahr richtig war, kann im nächsten falsch sein. Beispiel Petrik Sander: in der vergangenen Spielzeit Trainerheld, in dieser der erste entlassene Coach der Liga. Oder Hansa: in der Vorrunde bewundert für den Mut zum Jugendstil, in der Rückrunde bemitleidet für so viel Starrsinn, daran festzuhalten. In den Jahren nach der Wiedervereinigung haben die Vereine aus dem Osten ihre Chancen verschludert. Jetzt kann man ihnen keinen Vorwurf machen, gegen die Standortnachteile nicht mehr anzukommen. Dass Aue und Jena in die dritte Liga müssen, passt ins Bild der real existierenden Verhältnisse. Der Osten ist abgestiegen.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ddp

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