Im Gespräch: Fabian Hambüchen

„Das Gefühl zu fliegen ist das Größte“

20. Juni 2008 Er ist ein Mann der Gegensätze: Fabian Hambüchen liebt die Herausforderung, im Privatleben will er Ruhe und Harmonie. Er diskutiert schon mal mit seinen Eltern. Das war früher anders. „Da galt einfach ihr Wort - fertig, aus.“ Der 20 Jahre alte Turner aus Wetzlar ist Weltmeister und seit Anfang Mai dreimaliger Europameister am Reck. Bei den deutschen Meisterschaften zuletzt holte er sich fünf Titel - darunter den am Barren mit einer Übung, die selbst seinen Vater und Trainer Wolfgang überraschte. Im Gespräch redet Fabian Hambüchen im siebzehnten Teil der FAZ.NET-Serie „SOLO - Ein Thema, ein Interview“ über - Grenzen.

Wann sind Sie zum ersten Mal mit Ihren Eltern aneinandergeraten, weil Sie sich nicht an Abmachungen gehalten haben, vielleicht zu spät nach Hause kamen?

Das gab es nie, ich habe nie eine Frist überschritten. Ich war auch immer mit Leuten unterwegs, die sehr zuverlässig waren. Wenn, dann hatte ich nur mit einem Elternteil Stress - mit meinem Vater im Training, nicht zu Hause, weil mir jemand was verbieten wollte. Ich war nicht einer, der unbedingt irgendetwas haben wollte. Ich habe höchstens mal vorsichtig ein bisschen gebettelt - aber das wirkt bei Mutter Hambüchen überhaupt nicht. Als ich mit 15 oder 16 der Meinung war, ich müsste unbedingt den Roller-Führerschein haben, kam die klare Ansage: nein. Und das musste geschluckt werden.

Haben Ihre Eltern Ihnen so viel Freiheiten gelassen, dass Sie sich nicht auflehnen mussten, oder haben Sie die Grenzen schnell akzeptiert?

Die mussten schnell akzeptiert werden, da gab es gar keine Diskussion. Es war von Anfang an klar: Wenn meine Eltern etwas festgelegt hatten, dann war es so. Jetzt, wo ich älter bin, kann ich schon mal diskutieren, in meiner Kindheit galt einfach ihr Wort - fertig, aus. Und da sowieso der ganze Alltag neben der Schule mit Turnen ausgefüllt war, blieb keine Zeit für irgendetwas, wo sie hätten sagen können: Nein, das darfst du nicht. Deshalb habe ich mich nie eingegrenzt gefühlt.

Sie haben schon als Kleinkind schwierige Übungsteile versucht. Wie hat Ihr Vater da reagiert?

Er hat mir keine Grenze gesetzt, aber irgendwo war sie natürlich da. Im Nachhinein war er aber wohl froh, wenn ich diese unsichtbare Grenze überschritten hatte. Ich erinnere mich noch daran, dass wir Riesenfelgen am Reck geübt haben - ohne die Schutz-Lederriemchen, weil meine Hände noch zu klein waren. Mit Hilfe konnte ich das gut. Wenn mein Vater dann in einem anderen Hallenteil war, hat es mir zu lange gedauert, und ich habe einfach weitergeturnt. Als er zurückkam, war er begeistert, dass ich es auch alleine gemacht hatte. Das hat sich geändert. Wenn er merkt, dass es gefährlich werden könnte, macht er sofort einen Stopp.

Kennen Sie Grenzen im Turnen?

Ich lerne gerade Grenzen kennen. Bis vor kurzem war es so, dass ich sie nicht gespürt habe. Ich bin immer volles Risiko gegangen, habe volles Programm trainiert, auch wenn ich mich nicht gut gefühlt habe. Aber mittlerweile, auch nach den Erfahrungen in der Vorbereitung auf die Europameisterschaft, als ich mich am Finger und am Fuß verletzt habe, muss ich eben gewisse Grenzen berücksichtigen.

Was hält ein Turner-Körper überhaupt aus?

Es hängt zum einen davon ab, in welcher Form ich bin. Wenn ich es auf das vergangene Wochenende mit den deutschen Meisterschaften beziehe, da war es schon am zweiten Tag Unterkante Oberlippe. Am letzten Gerät, dem Reck, war ich ziemlich platt, und ich habe es auch die ganze Woche danach im Training gespürt. Auch bei der Weltmeisterschaft im vergangenen Jahr war das so. Im Training steuert und dosiert mein Vater das gut. Einen Rhythmus wie jetzt - knapp vier Wochen bis zum nächsten Länderkampf, dann drei bis zum folgenden und wieder drei bis zu den Olympischen Spielen - hält mein Körper gut aus.

Sie bewegen sich mit Ihrer Leistung am Reck in Bereichen, in die noch kein Turner der Welt vorher gestoßen ist. Kann es da noch eine Steigerung geben?

Vom Ausgangswert (der Summe der Schwierigkeiten) geht es vielleicht bis 7,7. Wenn ich überlege, was es vielleicht noch für Kombinationen von Übungsteilen geben könnte, da kommt nicht mehr viel, höchstens noch 7,8. Die 7,3, die ich momentan turne, ist okay, aber ich könnte im Notfall auch eine 7,5 turnen. Künftig ist da wohl noch mehr drin.

Müssen Sie eine psychische Grenze überschreiten, um in diese Bereiche zu gelangen?

Nein. Ich denke direkt an die oberste Grenze, ich versuche, mich sofort dahin zu orientieren und darauf hinzuarbeiten. Allerdings war zum Beispiel jetzt bei meiner Barrenübung bei den deutschen Meisterschaften ein Moment, wo ich innerlich das Gefühl hatte, dass ich eine Grenze überschreiten musste - so sehr ich diese Übung auch turnen wollte. Ich hatte mir nachts überlegt, was ich machen könnte - und musste mich schon erst einmal überwinden. Aber ich muss auch bei meinem Vater überzeugend wirken, wenn ich neue Übungen turnen will, sonst funktioniert das nicht.

Sicherlich empfinden Sie manchmal Schmerzen im Training oder Wettkampf. Wie überwinden Sie sich dann?

Ich muss unterscheiden, ob es gefährlich werde könnte oder ob es einfach die „normalen“ Schmerzen sind. Da muss man sich einfach überwinden, etwa wenn die Hände brennen. Bundestrainer Andreas Hirsch hat einmal zu mir gesagt: „Nach drei Felgen merkst du nichts mehr“ - was ich erst nicht glauben wollte. Aber nach der dritten Riesenfelge habe ich nichts mehr gespürt. Wenn ich bei jedem kleinen Wehwehchen aufhören wollte, könnte ich den Sport vergessen.

Als Ihr Mannschaftskamerad Ronny Ziesmer verunglückte, der seither gelähmt ist - haben Sie da an Ihrem Sport gezweifelt?

Jein. Im Fall Ronny sicherlich, aber auf mich bezogen nicht. Ronny hatte immer mal wieder seine Mühe und Not mit dem Sprung. Und unsere Einstellung, auch die meines Vaters, ist eindeutig, dass wir nur turnen, was wir hundertprozentig beherrschen.

Kann ein Turner Grenzen verschieben, indem er seinen Körper durch Doping manipuliert?

Eigentlich nur an den Ringen, da hilft es, wenn man viel Muskulatur hat.

Gibt es für Sie beim Thema Doping eine eindeutige Grenze?

Die heißt: sauber sein. Da kommt nichts an mich ran. Alles, was illegal ist, ist gar kein Thema für mich. Egal, wie sehr ich manche Sportler bewundert habe, Carl Lewis oder Maurice Greene, die dann einen positiven Test abgeliefert haben - das ist für mich kein Sport mehr, das ist für mich Schwachsinn. So etwas käme mir nicht in den Sinn, dann würde ich den Sport eben sein lassen. Sport heißt für mich fairer Sport. Ich möchte nicht in die Leute hineingucken, die dopen - die müssen wohl einen psychischen Knacks haben.

Ihre Erfolge haben das öffentliche Interesse enorm gesteigert. Gibt es einen Punkt, an dem Sie den Preis für diese Popularität nicht zahlen würden?

Sicher. Alles, was mein Privatleben angeht mit meiner Freundin, darüber spreche ich nur selten, und wenn, dann auch nur oberflächlich. Wir haben einmal einen Film gemacht in unserem Urlaub, damit das Interesse bedient ist. Kürzlich wurden in einer Zeitung Nachrichten zitiert, die ich meiner Freundin in einem privaten Internetforum geschrieben habe - das ist eine Frechheit, denn das geht niemanden etwas an. Bei solchen Gelegenheiten fällt mir auf, wie sehr ich mich einschränken muss, wie sehr ich aufpassen muss. Das sind Dinge, auf die ich gerne verzichten möchte - auf der anderen Seite wäre ich ohne dies alles nicht da, wo ich jetzt bin.

Brauchen Sie außerhalb des Sports einen Kick, der Sie an Grenzen bringt?

Ich fahre gern schnell Auto, aber nur, wenn die Straße frei ist und ich mich nicht in Gefahr bringe. Ich gehe auch gerne in Freizeitparks, auf Achterbahnen oder einen Free-Fall-Tower - aber ich brauche das nicht unbedingt. Und im Privatleben will ich sowieso Ruhe und Harmonie haben.

Sie haben schon in Japan trainiert, bestreiten Wettkämpfe in der ganzen Welt. Gibt es für Sie kulturelle Barrieren?

Über den Sport lernt man Menschen aus der ganzen Welt kennen - und da ist es egal, welche Kultur, welche Religion sie haben. Der andere ist eben ein Sportler wie ich. Allerdings sehe ich solche politischen Verhältnisse wie in China schon kritisch. Aber bei den Olympischen Spielen werde ich einfach nur an meinen Wettkampf denken. Davon träumt jeder Sportler, darauf wartet er vier Jahre - und in dem Moment kann ich mir keine anderen Gedanken machen.

Können Sie die Meinung anderer akzeptieren?

Das muss ich ja schon - bei meinem Vater. Nein, ernsthaft: Ich bin sehr tolerant. Ich bin kein großer Sturkopf, der seine Meinung durchsetzen muss.

Wenn Sie im Wettkampf stehen - grenzen Sie sich da bewusst von den Gegnern ab?

Man hat schon eine gewisse Distanz. Wir haben zwar eine gewisse Lockerheit, aber grundsätzlich wird etwa in einem Finale jeder in Ruhe gelassen - man klatscht sich eben einfach nur ab. Und man versucht auch nicht, den anderen psychisch zu manipulieren.

Sie sind 1,64 Meter groß - für einen Mann eher klein. Stört Sie das?

Ich wollte nie größer werden, weil die guten Turner fast alle klein sind. Meiner Freundin ist es auch egal, wie groß ich bin. Allerdings möchte ich nicht immer als „Turnfloh“ bezeichnet werden. Ich bin zwar der kleine Turner, aber das Kind-Image ist weg - auch wenn manche das nicht verstehen wollen.

Gibt es für Sie überhaupt Grenzen?

No risk, no fun - es war noch nie in meinem Kopf, dass es eine Grenze geben könnte. Als ich für das Abitur gelernt habe und gleichzeitig trainiert habe, war manchmal ein leichtes Gefühl da, dass ich nicht alles gleichzeitig machen könnte. Ich will im nächsten Jahr ein Studium beginnen - und dann werde ich sehen, ob das beides geht. Allerdings werde ich nicht noch sieben Jahre lang turnen und nebenbei nichts machen, das kommt für mich nicht in Frage.

Sieben Jahre - das würde bedeuten, dass London 2012 Ihre letzten Olympischen Spiele wären ...

Na ja, so direkt kann man das nicht sagen. Ich liebe das Turnen und möchte es so lange betreiben wie möglich, aber das entscheide ich alles „step by step“. Es hängt von meiner körperlichen Verfassung und der Entwicklung des Turnsports ab. Wenn ich nicht mehr mithalten kann, dann ziehe ich mich raus.

Was treibt Sie überhaupt an zu turnen?

Eine kleine Rolle spielt sicherlich, dass man etwas kann, was andere nicht können. Im Schulsport war es das Gefühl, einen Handstand zu können, als andere ihn noch nicht beherrschten. Vor allem aber habe ich Spaß. Gerade gestern wieder im Training am Reck, wenn ich einfach ein bisschen zaubern, spielen kann, dann habe ich einen Riesenspaß. Und mein Ehrgeiz hilft mir, mich durchzukämpfen, wenn es einmal nicht klappt. Letztlich ist aber das Feeling bei Drehungen oder dem Abgang am Reck das Größte - dieses Gefühl zu fliegen, die Zeit, die man in der Luft ist, die Geschwindigkeit, die auftritt, zum Beispiel auch im Schwimmbad beim Sprung vom Zehn-Meter-Turm. Das ist eine grenzenlose Freiheit.

Das Gespräch führte Christiane Moravetz.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa

 

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