18. Februar 2007 Der neue Bielefelder Cheftrainer Frank Geideck im Interview vor dem Abstiegsduell gegen den VfL Bochum über die sanfte Art, seine Überzeugungen durchzusetzen und darüber, warum er nicht von der Bank kippt.
Sie waren zehn Jahre Co-Trainer. Warum hat es so lange gedauert, bis Arminia Bielefeld Sie zum Cheftrainer ernannt hat?
Ich habe nie mit allen Mitteln darauf hingearbeitet. Jetzt hat es sich eben so ergeben. Das hat auch mit der faszinierenden Spielphilosophie zu tun, die Uwe Rapolder hier angestoßen hat und die Thomas von Heesen fortgeführt hat. Wenn der Verein sich für eine andere Art, Fußball zu spielen, entschieden hätte, wäre ich sicher nicht gefragt worden. Auch das wäre für mich kein Problem gewesen. Ich verfolge keinen Lebens- oder Karriereplan, den ich Punkt für Punkt abhake.
Sie haben unter fünf verschiedenen Cheftrainern gearbeitet. Wollen Sie behaupten, dass Sie sich nie übergangen fühlten?
So zu denken ist nicht einmal im Ansatz meine Art. Ich habe nie gedacht, jetzt bin ich aber mal an der Reihe. Dass der Verein mich jetzt gefragt hat, hängt hauptsächlich mit dem erfolgreichen Konzept zusammen, das ich weiterverfolgen will.
Ihr Vorgänger war von diesem Konzept nicht mehr überzeugt. Stört es Sie nicht, dass Bielefeld immer nur gegen Abstieg spielt?
Ich bin mir ziemlich sicher, dass Thomas von Heesen nicht das Spielkonzept gemeint hat. Was den Abstiegskampf angeht: Die Bundesliga ist für Bielefeld jedes Jahr ein Geschenk, für die Spieler, für den Trainer, für die Fans, für den Verein.
Ist es für einen neuen Chef nicht besonders schwierig, Autorität auszustrahlen, wenn er als Co-Trainer quasi zum Inventar gehört?
Ich bin seit langem schon für den körperlichen Zustand der Mannschaft verantwortlich. Wenn ich nicht imstande wäre, die Spieler in manchmal quälenden Einheiten zum Laufen zu bringen, wenn ich die Autorität dazu nicht hätte, wäre ich vermutlich gar nicht in die Position gekommen, das jetzt zu machen.
Aber vielleicht nehmen die Spieler Sie unterbewusst als Kumpel wahr, der ihnen letztlich nicht weh tun kann?
Dass ich als freundlich gelte, heißt noch lange nicht, dass ich mich nicht durchsetzen kann. Zum Vergleich: Wenn ich einem Spieler sage, er soll ruhig bleiben, heißt das nicht, er soll langsam spielen. Genauso wenig darf man freundlich gleichsetzen mit: nicht durchsetzungsfähig. Ich habe schon gezeigt, dass ich mich gegenüber den Spielern durchsetzen kann. Mit durchsetzen meine ich in erster Linie: überzeugen. Das ist besser, als gegen Widerstände etwas durchzuprügeln. Natürlich gibt es auch die Möglichkeit, Dinge über Macht und Geld zu regeln, auch im Verhältnis zwischen Mannschaft und Trainer. Manchmal geht es nicht anders. Aber auf Dauer funktioniert es nicht über Geldstrafen und die Androhung von Auswechslungen. Um langfristig Erfolg zu haben, braucht ein Trainer das Vertrauen der Spieler.
Profis mit ihrem ausgeprägten Hang zum Egoismus überzeugen zu wollen, ist dieser Anspruch nicht ein wenig naiv?
Der Begriff Naivität ist für mich nicht negativ besetzt. Ich habe mir ganz bewusst vorgenommen, im Umgang mit den Leuten eine gewisse Naivität zu behalten. Übrigens auch im Umgang mit den Medien, obwohl ich da teilweise schon schlechte Erfahrungen gemacht habe in der kurzen Zeit.
Welche?
Ich leide seit einigen Jahren an Diabetes. Auf dem Boulevard liest es sich manchmal so, als würde ich von der Bank kippen, wenn der Stress zunimmt. Aber so ist es nicht. Die Krankheit beeinträchtigt mich weder in meinem Lebensstil noch in meinem Job.
Sind Sie vor dem Abstiegsduell an diesem Sonntag gegen Bochum stärker angespannt als sonst?
Ja, natürlich. Ich trage jetzt die Verantwortung. Außerdem ist es meine erste Station als Cheftrainer. Wer da scheitert, bekommt meistens keine zweite Chance mehr. Da macht man sich natürlich seine Gedanken.
Sie haben Angst zu scheitern?
Nein. Dass ich so lange in Bielefeld bin, hat auch Vorteile. Ich kenne den Charakter der Mannschaft. Ich weiß, dass sie die Stabilität und die Klasse besitzt, in der Bundesliga zu bleiben, selbst dann, wenn wir gegen Bochum kein gutes Ergebnis erzielen sollten.
Sie sind seit mehr als dreißig Jahren im Verein. Träumen Sie nie von einer anderen, größeren Fußballwelt?
Die Frage stellt sich doch jetzt gar nicht. Bevor ich an andere Vereine denke, sollte man mich doch, bitte, erst mal ein paar Spiele als Cheftrainer absolvieren lassen. Ich gebe hier schon wieder ein Interview, ohne ein einziges Spiel gemacht zu haben; ohne irgendwas richtig oder falsch gemacht zu haben. Ich habe noch nichts vorzuweisen. Deshalb bin ich dankbar für jeden Artikel, der nicht über mich geschrieben wird. Ich gehe auch nicht in Fernsehstudios, muss aber auch sagen, dass ich nicht mit Anfragen überhäuft werde.
Sie besitzen bislang keine Fußballlehrer-Lizenz. Haben Sie nicht mehr an Ihre Chance geglaubt?
Das hatte andere Gründe. Mir fehlte die Zeit dafür. Ich habe immer mehrere Dinge parallel gemacht: Ich war Spieler, Co-Trainer, Student und Sporttherapeut, zeitweise alles gleichzeitig. Das war zu viel. Deswegen habe ich mit 27 oder 28 Jahren aufgehört zu spielen. Aber um ehrlich zu sein: auch, weil ich nicht so stark war, dass ich nach dem Aufstieg die erste Liga auseinandergenommen hätte.
Das Gespräch führte Richard Leipold.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 18.02.2007, Nr. 7 / Seite 18
Bildmaterial: AP