Im Gespräch: Jürgen Klinsmann über Abhängigkeit

„Alle müssen sich verändern - auch ich“

“Unabhängig war ich in Kalifornien und ich bin es auch in Deutschland“

"Unabhängig war ich in Kalifornien und ich bin es auch in Deutschland"

13. Dezember 2008 Jürgen Klinsmann erfindet sich immer wieder neu. Mit seiner Rückkehr hat sich der 44 Jahre alte Weltmeister für den Weg als Vereinstrainer entschieden. Aber Reformer brauchen Freiheit. Distanz und Unabhängigkeit, die er sich vor der Weltmeisterschaft 2006 durch seinen kalifornischen Wohnort für seine Arbeit als Bundestrainer erhalten wollte, sucht er sich bei Bayern auf andere Weise. Doch Trainer leben in ständiger Abhängigkeit vom kurzfristigen Erfolg - vor allem beim FC Bayern. Jürgen Klinsmann spricht über seinen Balanceakt und den Kampf um die innere Unabhängigkeit auch seiner Spieler.

Vermissen Sie Kalifornien?

Mir persönlich fehlt Kalifornien überhaupt nicht. Seit wir mit der Familie in München sind, gehe ich in meiner Arbeit auf. Aber für die Familie ist der Wohnortwechsel natürlich schon eine größere Umstellung. Es ist ein Schritt mit Fragezeichen, wenn man als Familie gemeinsam an einen anderen Ort geht. Aber wir haben uns gut eingelebt. Nach dem Spiel gegen Stuttgart fliegen wir zurück nach Kalifornien, um dort Weihnachten zu feiern. Die Kinder haben dort ihre Wurzeln.

Mit Kalifornien verbindet sich noch immer der Traum von Freiheit und Unabhängigkeit. Haben Sie nicht ein Stück Unabhängigkeit zurücklassen müssen?

Unabhängig war ich in Kalifornien, und ich bin es auch in Deutschland.

Sie könnten aber jetzt nicht mehr so einfach zurück in ihr altes Leben wie nach der WM. Das macht abhängiger.

Als Trainer ist man immer an den Erfolg gebunden. Ich habe einkalkuliert, dass man seinen Job verlieren kann, wenn eine negative Serie kommt – ob nun bei der Nationalelf oder bei Bayern. Aber eines ist auch klar: Ich habe in München den Wunsch, längerfristig zu arbeiten und zu leben. Ich bin auch überzeugt, dass mir das gelingen wird. Aber das Risiko bleibt, dass nach Niederlagen schnell in Frage gestellt wird, was ich tue.

Sind Sie abhängig von immer neuen Herausforderungen?

Dass ich einen der größten Klubs der Welt trainieren darf, gibt mir enorm viel Energie und stachelt meinen Ehrgeiz wahnsinnig an. Das sind Dinge, die mir liegen. Je größer der Berg vor mir ist, desto lieber fange ich an zu klettern. Mir war sehr wohl bewusst, dass nach meiner Unterschrift beim FC Bayern viele Skeptiker kommen werden. Es stimmt schon: Je komplizierter eine Sache ist, desto mehr Spaß habe ich daran, sie zu lösen. Außerdem bin ich ein schlechter Verlierer.

Ist nach der Aufholjagd in der Liga und den Erfolgen in der Champions League Ihre persönliche Unabhängigkeit gewachsen – Sie wollen ja langjährig in München arbeiten und leben? Davon waren Sie vor zwei Monaten deutlich weiter entfernt.

Als Vereinstrainer trägt man eine konstante Spannung in sich. Man arbeitet zielstrebig darauf hin, die Erwartungen, die mit dem Job verbunden sind, auch zu erfüllen. Davon ist man immer abhängig. Auch wenn wir zehn Spiele in Folge gewinnen, ist das für mich auch kein Zustand, um durchzuatmen und loszulassen. Es zählt die Konstanz, bis die deutsche Meisterschaft endgültig eingefahren ist – und dass wir im DFB-Pokal und der Champions League nie lockerlassen. Ich habe keine Lust darauf, dass die Luft aus einer Sache rausgeht, nur weil man ein Ziel erreicht hat. Ich will diese Spannung bei uns halten, jeden Tag. Und dabei ist es für mich sehr interessant zu sehen: Wer kann das mit dir durchziehen? Welcher Spieler ist dafür geeignet? Man wird nicht alle Spieler gleichzeitig weiterbringen. Mir ist ganz klar, dass wir mit der Zeit den einen oder anderen Spieler verlieren werden. Denn wer diese Spannung nicht über ein ganzes Jahr halten kann, mit dem werden wir nicht weiterarbeiten. Dieselbe Frage stellt sich auch beim Team hinter dem Team: Wer kann bei dieser Denkweise mitgehen?

Sie kamen einst als unabhängiger Bundestrainer – nun sind Sie abhängig vom täglichen Erfolg, aber auch vom Umfeld. Wie gehen Sie mit dieser Abhängigkeit um?

Bei den Top Ten in Europa – AC und Inter Mailand, Juventus Turin, Manchester United, Chelsea, Liverpool, Arsenal, Barcelona, Real Madrid und Bayern München – wird das Umfeld-Management immer wichtiger. Die Frage heißt: Wie führe ich das Team und das Team hinter dem Team? Man muss mehr Konstanz schaffen, um alle Ressourcen zu heben und alle Energie rauszuholen. Diese Frage macht am Ende den Unterschied aus.

Und wie macht man das?

Durch qualitative Arbeit mit den Spielern. Wir können und sollten im Fußball mehr Geist und Geld für Dinge einsetzen, die den Spieler in seiner Entwicklung direkt betreffen. Es ist besser, einen Kader von 20 Spielern zu haben als von 30. Denn mit 20 Spielern kann ich hochqualitativ arbeiten. Dann spare ich mir lieber das Geld für die zehn anderen Spieler und investiere es in das Umfeld – wie wir das zum Teil auch schon gemacht haben mit einem hochmodernen Leistungszentrum, mit Fitnesstrainern und einem Sportpsychologen. Das direkte Umfeld bringt einen Spieler qualitativ weiter, nicht mehr Gehalt.

Sie sind auch mit dem Anspruch angetreten, die Persönlichkeit von Spielern zu entwickeln: Sollen aus Bayern-Profis im besten Fall unabhängige Profis werden?

Ich würde es mir wünschen. In den wenigen Monaten haben wir schon viel erreicht. Die Spieler gehen viel intensiver mit ihrem Beruf um. Das gelingt ihnen unter anderem deshalb, weil sie sich allmählich vom Urteil der Außenwelt lösen. Wir leben ja in einem Zwiespalt: Ich muss den Spielern immer wieder sagen, dass die Dinge, die außerhalb über sie gesagt werden, in unserem inneren Bereich überhaupt keine Rolle spielen. Für die Spieler ist es natürlich oft schwer, das richtig einzustufen: In der Öffentlichkeit werde ich so bewertet – intern werde ich aber ganz anders gemessen. Da geht es auch um eine Vertrauensfrage zwischen Trainerstab und Spielern. Wir sind weitergekommen, aber noch lange nicht am Ziel.

Wie gelingt es, die Abhängigkeit von öffentlichen Urteilen bei Profis zu reduzieren, die so in der Öffentlichkeit stehen?

Dafür braucht man Leute, die an den gleichen Zielen arbeiten, innerlich gefestigt sind, die realistisch auf die Dinge blicken und sich durch die Fußball-Verkaufswelt der Medien nicht großartig beeinflussen lassen. Was auf einen Spieler an Einflüssen einströmt, ist enorm, und deswegen ist es umso wichtiger, einen Trainerstab zu haben, der davon relativ frei ist. Sie müssen wissen, wie wir sie sehen und wo wir sie hinbringen wollen. Das ist es, was zählt.

Woran merken Sie, dass Spieler von öffentlichen Urteilen weniger abhängig sind?

Es hilft natürlich im Überzeugungsprozess, wenn ein Spieler weiß, dass diese Maßstäbe auch in den kommenden Jahren gelten. Aber der Spieler reagiert schon dann positiv, wenn er merkt, dass er Fortschrittsbeweise durch die intensive Arbeit bekommt. Bei der Fitness zum Beispiel: Die Spieler merken, dass sie gut drauf sind. Dass sie in der 90. Minuten noch Sprints anziehen können. Dass sie über 90 Minuten gehen können. Dass sie den Rhythmus hoch halten können. Und dass sie in der Champions League erlebt haben: Wir können mit diesen Mannschaften mithalten. Und sie lassen sich überzeugen, weil das nicht irgendwie eine Idee nur von mir ist. Sondern weil diese Fähigkeiten und Anforderungen auf internationalem Niveau absolut notwendig sind. Es funktioniert, wenn die Jungs merken: Der Jürgen ist nicht hier, um sein Ding zu machen. Er ist hier, um uns weiterzubringen, damit wir mit den Besten mithalten können – und noch einen Tick besser werden. Dieser Prozess schafft Überzeugung, aber er braucht seine Zeit.

Das geht mit Nationalspielern, die sportlich ihre Grenzen aufgezeigt bekamen, doch viel leichter als mit Profis des erfolgreichsten deutschen Klubs.

Es hat ja auch bei einigen Spielern einige Monate gedauert. Nicht bei den deutschen Nationalspielern, die kannten ja schon meine Arbeitsweise. Bei dem Tempo, das international vorgegeben ist, braucht man zweieinhalb bis drei Monate Minimum an Aufbauarbeit. Noch schwieriger ist das nach einem großen Wettbewerb wie der Europameisterschaft. Ich wusste, dass es eine schwere Zeit werden würde. Ich habe aber auch einige ausländische Nationalspieler aus ihrem früheren Rhythmus rausgerissen und andere Anforderungen gestellt, damit wir international besser aufgestellt sind, damit wir schnelleren und dominanteren Fußball spielen. In den letzten zwei Monaten hat man gesehen, dass wir dazu in der Lage sind.

Wenn Franck Ribéry oder Luca Toni mit den neuen Methoden eines neuen Trainers nichts anfangen können – dann haben doch Sie und die Bayern ein Problem, nicht die unabhängigen Stars.

Sie sind viel freier. Sie haben sich eine sehr starke Position in ihrer Karriere erarbeitet. Man kann sie nur überzeugen, wenn man ihnen aufzeigt, dass auch in ihrer persönlichen Karriere weitere Entwicklungsschritte möglich sind. Das geht nur durch permanentes Miteinanderreden – und durch die Arbeit. Mir war sehr wohl bewusst, dass die ersten beiden Monate im Umstellungsprozess sehr, sehr schwer werden würden. Und das waren sie auch. Ich wusste aber, dass wir sie überzeugen können, weil wir ihnen immer wieder erklären konnten, warum wir das tun, wie es bei anderen internationalen Topklubs läuft, und weil sie selbst die Ergebnisse an sich sehen. Es hilft auch, dass ich ihnen sagen kann: Ich war sportlich schon da, wo ihr hin wollt. Ich rede nicht über etwas, was ich nicht selbst schon erlebt habe. Gerade bei Leuten auf diesem Niveau ist es wichtig, dass man in dieser Frage Glaubwürdigkeit mitbringt. Das spielt eine sehr große Rolle.

Der Aufschwung bei Bayern wird vor allem mit einem Namen in Verbindung gebracht: Ribéry. Ist es Ihr Ziel, die Abhängigkeit der Mannschaft von Ribéry zu verringern?

Für mich gibt es diese Abhängigkeit nicht. Es geht darum: Wie kann ich aus Franck Ribéry den besten Spieler machen, der er sein kann. Ich kann ihn in diese Rolle bringen. Er weiß, ich habe immer ein offenes Ohr. Er weiß, dass ich ihm, wenn es sein muss, in den Hintern trete. Aber vor allem: Ich kann ihm ein Umfeld geben, in dem er sein Maximum abrufen kann, mit diesen Dribblings, mit dieser Freude, mit dieser Verspieltheit. Aber das geht eben nur, wenn hinter ihm ein Zé Roberto und ein Philipp Lahm den Laden zumachen. Aber parallel dazu muss ich auch allen anderen Wertschätzung und Anerkennung zukommen lassen. Die Spieler müssen wissen: Da ist ein Trainerstab, der keinen vergisst. Auch Andy Ottl und Christian Lell hauen richtig rein. Das können sie aber nur, wenn sie wissen, dass der Trainer sie auch beobachtet – und nicht nur Ribéry. Deswegen ist es besser, nur mit 20 oder 22 Spielern zu arbeiten, sonst geht zu viel Qualität verloren.

Wie kann ein Spieler Unabhängigkeit lernen, sich für seine Entwicklung selbst verantwortlich zu fühlen?

Die Grundlage ist, dass die Spieler eine offene Einstellung haben. Sie müssen dazulernen wollen. Sie müssen sich öffnen. Sie müssen im Training leiden können. Jeder Spieler ist verschieden. Der eine kommt schneller in dieses Spannungsfeld, um den Wettbewerb aufzunehmen. Bei einem anderen kann es ein, zwei oder drei Jahre dauern. Was Philipp Lahm seit Monaten zeigt, ist unglaublich. Bastian Schweinsteiger hat sich stabilisiert. Wir arbeiten an diesem konstanten Prozess: Junge, du musst das Woche für Woche abrufen. Natürlich kommt mal wieder ein schlechtes Spiel, das ist kein Problem. Aber die Spieler müssen von dieser Achterbahn runter. Wir arbeiten daran, dass die Spieler eine andere Zeitperspektive einnehmen. Wenn ich über langjährige Entwicklungsarbeit rede, heißt das nicht, dass wir bis dahin keine Titel gewinnen. Titel gehören beim FC Bayern ganz selbstverständlich dazu. Aber die individuelle Entwicklung der Spieler muss anders bewertet werden. Es gibt so viele Komponenten im Leben eines Spielers, die auch unsere Arbeit als Trainer beeinflussen können. Wir können da nur Hinweise geben. Der eine merkt es früher, der andere später. Wie kann man sich von Medienbeurteilung befreien, von falschen Freunden? Wie stabil sind die Spieler in ihrem Umfeld? Das betrifft auch Finanzberatung, Steuerberatung, Rechtsberatung. Mit anderen Worten: Haben sie ihr Leben im Griff – oder sind sie anderen Menschen ausgeliefert und von ihnen abhängig?

Woran merken Sie nach einem halben Jahr, ob die Abhängigkeit von Spielern von ihrem Umfeld geringer geworden ist?

Ich kann nicht beurteilen, inwieweit ihre Abhängigkeit gesunken ist. Was ich aber feststelle, ist, dass sie jetzt mehr Energie in ihre Arbeit legen können. Man sieht echte Fortschritte.

Hierarchisch haben Sie sich in Abhängigkeiten begeben. Vom Vorstandsvorsitzenden der Nationalelf zum Bereichsleiter Sport beim FC Bayern – was ist so reizvoll an dieser Abhängigkeit von Hoeneß und Rummenigge?

Ja, es stimmt: Hierarchisch scheint es ein Abstieg. Aber Hierarchien sind mir nicht wichtig. Ich bin absolut der Überzeugung, wenn ein „Cheftrainer“ mit Leuten arbeiten kann, die in ihren Bereichen erstklassig sind und viel Fachwissen und Erfahrung mit reinbringen, desto mehr profitiere ich selbst davon. Ich muss und soll mehr Verantwortung übergeben – im Sinne des Erfolgs. Genauso wichtig aber ist es, dass der Spieler weiß, dass es in dem Moment, wo wichtige Entscheidungen anstehen, der „Cheftrainer“ sagt, wo es langgeht. Gerade wenn es unangenehm wird.

Man hat oft gehört: Klinsmann drosselt seine Reformen, er setzt wieder auf Bewährtes. Wie weit darf man sich mit Maßnahmen vom Alltag abhängig machen, um sein langfristiges Ziel dennoch weiter glaubwürdig vertreten zu können?

Wir kamen mit vielen Ideen und Forderungen. In dem Moment aber, wenn man merkt, dass es der Mannschaft guttut, wenn man das eine oder andere drosselt oder ändert – dann muss das ein Trainer tun. Veränderung ist ein Prozess, an dem wir alle beteiligt sind. Es kann ja nicht sein, dass ich sage: Alle müssen sich verändern – nur ich nicht. Es ist ganz wichtig, dass in so einer Findungsphase beide Seiten sehen, dass alle veränderungsfähig sind – Spieler und Trainerstab. Wenn ich merke, dass ein Spieler mehr Zeit braucht, dann muss ich sagen: Jetzt gehe ich weg von meinem Weg, um dem Spieler die Zeit zu geben, die er braucht. Auch wenn es dann eben etwas länger dauert. Aber jetzt haben wir ein Fundament errichtet, das es uns erlaubt, mit breiter Brust ins neue Jahr zu gehen. Wir müssen uns vor keiner Mannschaft in Europa mehr verstecken. Wir sind nicht abhängig von Glück.

Das Gespräch führte Michael Horeni



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, ddp, dpa, REUTERS

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