Zweite Fußball-Bundesliga

Entsetzen in Koblenz nach Abzug von acht Punkten

Von Christian Kamp

24. April 2008 Bis zum Donnerstag konnte man sich bei der TuS Koblenz noch an einem beruhigenden Tabellenbild erfreuen: Mit 40 Punkten lag der Verein auf Platz acht der Zweiten Bundesliga, im gesicherten Mittelfeld also. Dann, um 15.25 Uhr, kam der unheilvolle Anruf aus der Frankfurter Zentrale der Deutschen Fußball Liga (DFL), der die Koblenzer mit einem Mal in den Abstiegskampf zurückbeförderte. Wegen Täuschung im Lizenzierungsverfahren werden den Rheinland-Pfälzern in der laufenden Saison acht Punkte abgezogen.

Wirksam würde die Strafe - noch ist das Urteil nicht rechtskräftig - zwar erst zum Saisonende, doch nach aktuellem Stand läge Koblenz damit nur noch drei Punkte vor dem 1. FC Kaiserslautern, der derzeit den ersten Abstiegsplatz einnimmt. Darüber hinaus verhängte die DFL eine Geldstrafe in Höhe von 200.000 Euro. Es wäre somit eine der härtesten Sanktionen in der Geschichte des deutschen Profifußballs. „Wir halten das für sehr drastisch“, sagte der Koblenzer Geschäftsführer Wolfgang Loos, nachdem er die 16-seitige Urteilsbegründung studiert hatte. „Die Strafe steht in keinem Verhältnis zu dem, was geschehen ist.“

Zwei Millionen Euro gingen nach Belgrad - der DFL zeigte die TuS an, die serbischen Verteidiger seien ablösefrei

Konkret geht es um die Transfers der Defensivspieler Branimir Bajic und Marko Lomic, die im vergangenen Sommer von Partizan Belgrad nach Koblenz kamen. Während es damals hieß, die Spieler seien ablösefrei, überwies Koblenz nach Loos' Angaben tatsächlich rund zwei Millionen Euro nach Belgrad. Die entsprechenden Verträge wurden der DFL bei der Lizenzierung für die laufende Saison nicht vorgelegt. Verantwortlich für die Transfers war der damalige Geschäftsführer Hermann Gläsner, der im vergangenen Dezember zurückgetreten ist. „Natürlich hat mein Vorgänger da einen gravierenden Fehler gemacht“, sagte Loos am Donnerstag. „Ich weiß nicht, warum die Verträge bei der DFL nicht angezeigt worden sind.“

Für den Ligaverband war das Versäumnis jedenfalls so schwerwiegend, dass er zu diesem - selbst angesichts der für Zweitliga-Verhältnisse hohen Summen - drastischen Urteil kam. Die Verträge seien „von erheblicher wirtschaftlicher Relevanz im Lizenzierungsverfahren für die aktuelle Spielzeit gewesen“, argumentierte die DFL - deshalb auch die Strafe für die laufende Saison.

Geschäftsführer Loos: „Der Wettbewerb ist gewaltig auf den Kopf gestellt“

Trainer Rapolder war gerade mit der Mannschaft auf dem Weg zum Auswärtsspiel in Paderborn, als ihn die böse Kunde erreichte. Seine erste Reaktion fiel entsprechend heftig aus: „Das ist ein Drama“, sagte er. „Natürlich bedeuten acht Punkte einen Erdrutsch.“ Bitter ist vor allem auch der Zeitpunkt, weil die Koblenzer Spieler erst am vergangenen Mittwoch nach dem 3:2-Sieg gegen Freiburg das Erreichen der 40-Punkte-Marke und damit den vermeintlichen Klassenerhalt gefeiert hatten. „Innerhalb einer Minute ist eine Situation gegeben, die den Wettbewerb gewaltig auf den Kopf gestellt hat“, sagte Geschäftsführer Loos. Gleichwohl traf die Nachricht den Klub nicht unvorbereitet. Schon am Mittwoch, bei der Tagung des Ligaverbandes in Frankfurt, war durchgesickert, was da auf die Koblenzer zukommen könnte. Im schlimmsten Falle war sogar mit einem Abzug von neun Punkten spekuliert worden - was der Realität letztlich unangenehm nahe kam.

Zuvor war der Klub in dieser Saison schon wegen Zahlungsschwierigkeiten sowie durch staatsanwaltschaftliche Ermittlungen wegen des Verdachts von Steuerhinterziehung und Schwarzgeldzahlungen negativ in die Schlagzeilen geraten. Dass diese Probleme sich jetzt in der Höhe des Strafmaßes niedergeschlagen habe, glaubt Loos nicht. „Zumindest war davon in der Urteilsbegründung nichts zu lesen“, sagte er. „Aber ausschließen kann ich nichts.“

Zwei Instanzen bleiben Koblenz für Beschwerden - der Anwalt ist eingeschaltet

Wie soll es nun weitergehen? Laut Loos ist es wahrscheinlich, dass der Klub Beschwerde bei der DFL einlegen wird; Rechtsanwalt Christoph Schickhardt hatte er bereits für die Konsultationen mit der DFL in dieser Woche eingeschaltet. Bei einem Scheitern kann der Verein noch den Vorstand des Ligaverbands als zweite Instanz anrufen. Natürlich wäre ein längerer Weg durch die Instanzen eine denkbar schlechte Voraussetzung für eine vernünftige Planung für die kommende Saison. Von viel größerer Brisanz ist freilich die aktuelle sportliche Lage: Während Koblenz an diesem Freitag in Paderborn antreten muss, hat der 1. FC Kaiserslautern am selben Abend Heimrecht gegen Alemannia Aachen - ein echtes Fernduell auf den Klassenverbleib also.

In Kaiserslautern reagierte man verhalten auf die Entscheidung der DFL. „Irgendwie kann ich mich darüber nicht freuen, denn das ist bitter für einen Klub“, sagte Stefan Kuntz. Der neue Vorstandschef des FCK war bis April 2006 selbst in Koblenz als Manager tätig (und auch der Lauterer Trainer Milan Sasic hat eine Koblenzer Vergangenheit). In der Sache aber wollte Kuntz sich nicht äußern. „Wir haben volles Vertrauen in die Urteilskraft der DFL“, sagte er.

DFB-Sanktionen: Punktabzug eine von vier möglichen Strafen

Dem Lizenzierungs-Ausschuss der Deutschen Fußball Liga (DFL) bieten sich vier verschiedene Möglichkeiten, Klubs zu bestrafen, die gegen die Richtlinien des Lizenzierungsverfahrens verstoßen.

Neben dem Verhängen von Geldstrafe und Punktabzug kann der Ausschuss einem Klub auch die Lizenz für die kommende Saison verweigern oder für die laufende Spielzeit entziehen. Eine Lizenzverweigerung wird ausgesprochen, wenn die DFL dem Verein das wirtschaftliche Überleben in der folgenden Saison nicht zutraut. Geldstrafe, Punktabzug und Lizenzentzug sind sogenannte Vertragsstrafen und werden ausgesprochen, wenn ein Verein im Laufe einer Spielzeit gegen Auflagen der DFL verstößt. Die TuS Koblenz ist der neunte Verein, dem Zähler abgezogen werden.

Bislang bestraften DFB oder DFL den SSV Reutlingen, den 1. FC Nürnberg (je sechs Zähler), Dynamo Dresden (4), Hertha BSC Berlin, den FC Gütersloh, den 1. FC Kaiserslautern (je 3), Kickers Offenbach und Eintracht Frankfurt (je 2) mit einem Punktabzug. Während Geldstrafen nahezu jedes Jahr verhängt wurden, hat bislang noch kein Klub während einer Saison die Lizenz aberkannt bekommen. Zehnmal wurde Vereinen die Teilnahme an der kommenden Spielzeit verweigert. Zuletzt waren 1995 der 1. FC Saarbrücken und Dynamo Dresden von einer Lizenzverweigerung betroffen.



Text: FAZ.NET
Bildmaterial: F.A.Z., picture-alliance/ dpa

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