Löw über Klinsmann

„Es gibt eine wöchentliche Abrechnung“

14. Januar 2008 Kaum jemand kennt Jürgen Klinsmann und seine Arbeitsweise so gut wie Joachim Löw. Im Interview mit der F.A.Z. spricht der Bundestrainer über das Risiko des Scheiterns seines einstigen Weggefährten bei den Bayern.

Waren Sie am Freitag auch so überrascht wie alle Fußballfans in Deutschland?

Ich wusste schon einen Tag früher, dass Jürgen Klinsmann zur kommenden Saison Trainer beim FC Bayern München wird.

Sie waren jahrelang Vereinstrainer und sind seit 2004 Verbandstrainer. Klinsmann, dessen erster Helfer Sie waren, geht nun den umgekehrten Weg: Ist die Arbeit des Klubtrainers, wie immer wieder behauptet wird, mit der eines Nationaltrainers nicht zu vergleichen?

Es gibt im Arbeitsalltag schon Unterschiede, das ist klar. Aber die eigenen Arbeitsinhalte und Arbeitskonzepte kann man sogar verstärkt und noch intensiver auf Vereinsebene durchsetzen. Wenn du klare Vorstellungen hast und dazu die Möglichkeit, einen Mitarbeiterstab zusammenzustellen, ist es doch hervorragend, die eigenen Ansprüche jeden Tag umsetzen zu können. Bei der Nationalmannschaft standen wir ja oft vor der Frage, wie können wir unsere Spieler permanent erreichen, obwohl wir sie manchmal vier, sechs, acht Wochen nicht gesehen haben und deshalb immer wieder eine räumliche Distanz da war.

Wie, glauben Sie, wird sich Klinsmann auf seine neue Herausforderung vorbereiten?

Sehr akkurat auf jeden Fall. Die lange Vorlaufzeit, die er bis zum Amtsantritt beim FC Bayern am 1. Juli hat, ist ein zusätzlicher Vorteil. Wenn man bei einem Spitzenverein mit solchen Ambitionen mittendrin einstiege, wäre es wohl schwieriger. Für einen konzeptionellen Arbeiter wie Jürgen ist es nur gut, dass er sich jetzt noch einmal fernab von München gründlich mit seiner künftigen Mannschaft, seinem neuen, alten Verein und dessen Umfeld auseinandersetzen kann. Im Laufe der nächsten Wochen wird er dann seine Entscheidungen treffen, mit welchem Stab er in die neue Saison geht.

Braucht er noch einmal einen starken Trainer, wie Sie es auch als Klinsmanns Assistent waren, an seiner Seite, um die Ziele seines neuen Projekts erreichen zu können?

Ich glaube, der Jürgen ist eine Führungspersönlichkeit, die sich von den Fachleuten, die er in sein Team holt, beraten lässt. Eigentlich brauchte jeder Trainer auf höchstem Niveau einen Stab mit Experten um sich herum. Jürgen muss zwar immer die letzte Entscheidung treffen, hat aber die große Stärke, diesen Leuten Verantwortung zu übergeben und auf sie zu hören.

Wie hoch ist denn das Risiko, das Klinsmann bei den Bayern, einem Klub mit ausgeprägten, eigenwilligen Persönlichkeiten an der Spitze, eingeht?

Wer bei einem Spitzenklub in Europa oder bei einer Nationalmannschaft auf höchster Ebene arbeitet, geht immer ein Risiko ein. Es wird auch Jürgen Klinsmann bewusst sein, dass es schwierige Phasen geben kann, dass es Durchhaltevermögen, Geradlinigkeit, einen langen Atem braucht. Natürlich gibt es bei einem Verein wie den Bayern eine wöchentliche Abrechnung, orientiert an den Ergebnissen, die eingespielt werden. Damit aber muss man umgehen können. Für mich steht fest, dass er sich mit seinen Vorstellungen durchsetzen wird. Es wird von Anfang an klar sein, dass er die Entscheidungsgewalt im sportlichen Bereich hat. Ihn wird man nicht übergehen können.

Das Wort Reformprojekt hat er bei seiner Antrittsvorstellung am Freitag nicht in den Mund genommen. Hätten Sie das erwartet?

2004 war es notwendig, neue Wege in vielen Bereichen zu gehen. Bei Bayern München gibt es sicher auch Ansätze, alte Pfade im sportlichen Bereich zu verlassen. Doch der Verein steht ja insgesamt glänzend da und hat, ehe Jürgen kommt, in Ottmar Hitzfeld einen Klassetrainer, der die Spieler wunderbar geführt hat. Da funktioniert sehr viel. Für die Bayern und die Spieler ist es aber gut, wenn da jemand einen etwas anderen Schwung, einen offensiv geprägten anderen Fußballstil reinbringt, die Persönlichkeitsentwicklung der jungen Spieler vorantreibt. Er wird sich mit seinem Stab die ganze Zeit um jeden Einzelnen kümmern. Das wird den Spielern guttun.

Wie gut tut der Vereinstrainer Klinsmann dem Nationaltrainer Löw bei seiner Arbeit?

Ich weiß, dass er für meine Belange ein ganz besonderes Verständnis hat. Der Austausch zwischen uns wird sicher sehr intensiv sein.

Die Fragen stellte Roland Zorn.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa

 
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