Gewalt im Fußball

Der DFB schaut endlich hin

Von Michael Horeni

Die Fans von Dynamo Dresden sind gefürchtet

Die Fans von Dynamo Dresden sind gefürchtet

05. November 2006 Der Kampf gegen die Gewalt im deutschen Fußball ist seit dieser Woche Chefsache. DFB-Präsident Theo Zwanziger hat diese von den höchsten Sachwaltern des Fußballs immer wieder verharmloste oder verdrängte Wirklichkeit im Namen des Sechs-Millionen-Verbandes endlich akzeptiert. Der DFB steht damit, wenn auch viel zu spät angesichts einer seit Jahren traurigen Realität vor allem auf den vielen kleinen Plätzen der Republik, zu seiner gesellschaftlichen Verantwortung auch für jene Teile seines Milieus, das die Sonntagsreden der Funktionäre vom verbindenen Charakter des Fußballs buchstäblich mit Füßen tritt. Zwanziger hat mit dem Frankfurter Gipfel am Dienstag die Initiative ergriffen und damit wohl auch das Thema seiner Präsidentschaft gefunden: Fußball und Integration.

Vieles von dem, was der DFB-Präsident in diesen Tagen an Einsichten und Aussichten vermittelt, ist überfällig. Nun soll nach Jahren der ideologischen Wahrnehmungsschwäche endlich hin- und nicht mehr weggesehen werden, wenn der Fußball seine ganz eigenen Gefahrenzonen schafft. Daß der Posten des Sicherheitsbeauftragten beim DFB bisher im Ehrenamt angesiedelt ist, macht den Nachholbedarf im Problembewußtsein und in der Prioritätensetzung offensichtlich. Der DFB wird jetzt eine hauptamtliche Stelle schaffen und auch einen Integrationsbeauftragten anstellen. Das ist ein Anfang, mehr nicht.

Große Integrationsdefizite

Einen geeigneten Kandidaten, und dies ist die andere Seite der Parallelwelten, die im deutschen Fußballmikrokosmos existieren, findet der DFB trotz intensiver Suche seit vielen Monaten für diesen Posten nicht. Es gibt bisher ganz einfach keine herausragende Figur unter den Migranten, die im deutschen Fußball als Symbolfigur für den kulturellen Doppelpaß steht. Selbst unter den aktuellen Nationalspielern gibt es zum Beispiel keinen Profi mit türkischem Hintergrund, von der älteren Generation ganz zu schweigen. Die Integration der Spitzenspieler in die nationale Auswahl beginnt gerade erst in der "U21"-Auswahl.

Auf der anderen Seite der Fußball-Gesellschaft, in der kickenden Unterschicht, entladen sich die Integrationsdefizite immer wieder in Gewalttätigkeiten. Mit einseitigen Schuldvorwürfen allerdings kommt man da schon lange nicht weiter - auch wenn sich wie im Fall der Spielabsetzungen im Kreis Siegen-Wittgenstein populistische Vereinfachung wegen zweier, wie es politisch korrekt heißt, auffälliger "ethnischer Vereine" geradezu anbietet. Auf der einen Seite wollen sich auch viele "ausländische" Klubs nicht öffnen - das aggressive Klima unter der kulturellen Glocke entsteht aber auch dadurch, daß Migranten immer wieder Ausgrenzungen und Ungerechtigkeiten auf und jenseits des Fußballplatzes erleben.

Anerkennung der Wirklichkeit

Zwanziger hat daher klug auf die Verantwortung auch in den eigenen Reihen verwiesen. Zum einen auf kulturelle Unterschiede und Empfindlichkeiten im alltäglichen sportlichen Begegnungsfall - zum andern aber eben auch auf die Defizite in den Verbänden, in denen sich die Mitgliederstruktur nicht mehr abbildet. "Gerechtigkeit zeigt sich nicht nur im Strafmaß. Gerechtigkeit muß sich auch im Erscheinungsbild zeigen", sagt der DFB-Präsident über ein Akzeptanzdefizit, das die traditionell verfaßte Fußballgesellschaft bei ihren Urteilen gegenüber Migrantenmannschaften noch nicht zu lösen vermag.

Mit der Anerkennung der Wirklichkeit und auch der eigenen Schwächen kommt der DFB nach vielen Jahren allmählich auch gegenüber der Politik aus der Defensive heraus. Deren Beiträge beschränken sich nach Krawallen allzuoft auf Schuldzuweisungen gegenüber Vereinen, Landesverbänden und dem DFB, die aber nicht zuletzt dafür sorgen, daß in Deutschland bei rund 80.000 Fußballpartien im Jahr Integration auch massenhaft gelingt.

Selbst in Klubs mit bekanntermaßen gewaltbereiten Fans wie bei Dynamo Dresden verweigert sich mitunter die Politik. Das Land Sachsen zum Beispiel beteiligte sich bis 2005 nicht an der Drittelfinanzierung von Fanprojekten. Das mag den DFB ärgern - aber aus seiner Verantwortung gerade für Klubs, bei denen Gewalt historisch gewachsen ist, wird der mächtigste deutsche Sportverband nicht mehr herauskommen. Der Präsident steht im Wort.

Text: F.A.Z., 03.11.2006, Nr. 256 / Seite 30
Bildmaterial: ddp, picture-alliance/ dpa/dpaweb

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