28. November 2009 Post für Jaroslav Drobny. Auf der Geschäftsstelle von Hertha BSC ist ein Päckchen für den Torwart eingetroffen. Ein paar neue Handschuhe sind drin. Aber es sind die falschen, natürlich. Shit, alles shit, flucht Drobny. Was beim Tabellenletzten in dieser Saison schiefgehen kann, das geht auch schief – ob nun auf dem Fußballplatz oder der Poststelle. Am Samstag noch freute sich die Hertha über einen Punktgewinn in Stuttgart.
Am Sonntag verwandelte er sich durch den Bochumer Überraschungssieg in Hamburg in einen herbe Enttäuschung. Sechs Punkte Rückstand auf den vorletzten Platz sind es nun schon. Es gelang nur ein einziger Sieg am ersten Spieltag in dreizehn Ligabegegnungen. Und nach dem Heimspiel an diesem Samstag (15.30 Uhr / FAZ.NET-Bundesliga-Liveticker) gegen Funkels ehemaligen Klub Eintracht Frankfurt wartet bis zur Winterpause für einen abgeschlagenen Tabellenletzten das reine Albtraumprogramm: auswärts gegen Schalke, Heimspiel gegen Leverkusen und zum Abschluss beim FC Bayern.

Friedhelm Funkel allerdings wirkt wie immun gegen die Verlust- und Schreckensmeldungen, die Hertha jeden Tag begleiten und zu überrollen drohen. Eine Stunde spricht er entschlossen, motiviert und überzeugend über eine fast unmögliche Mission, die auch für das Urgestein der Liga mit über tausend Einsätzen etwas vollkommen Neues und Einmaliges bedeutet. In dieser Konstellation habe ich das in all den Jahren, ja in all den Jahrzehnten nicht erlebt, sagt Funkel. Es gibt keinen Plan dafür, auf den man zurückgreifen kann. Also hat er einen neuen gemacht.
Funkel: Das Spiel müssen wir unbedingt gewinnen
An diesem Samstag gegen die Frankfurter Eintracht steht mit Funkels siebtem Einsatz schon seine Glaubwürdigkeit als Retter auf dem Spiel. Und damit nicht weniger als die Frage, ob der Hertha nach einem beispiellosen Niedergang tatsächlich noch die Wende gelingt. Funkel hat erst zwei Unentschieden geholt, keinen Sieg. Es ist ein Endspiel gegen den Abstieg, so früh wie keines, sechs Monate vor Saisonschluss. Das Spiel müssen wir unbedingt gewinnen. Das ist uns allen klar. Da führt kein Weg dran vorbei, sagt Funkel. Es ist der ersehnte Befreiungsschlag, auf den die Hertha und die Hauptstadt bisher vergeblich warten, um noch weiter an die Erstklassigkeit glauben zu können.
Aber wie macht man das? Wie schenkt man einer Mannschaft den Glauben daran, etwas zu schaffen, woran noch jede Mannschaft in einer solchen Lage nach 13 Spieltagen gescheitert ist? Wie erreicht und motiviert man Spieler, die im Kopf haben, dass alles nur noch shit ist? Ich habe den Jungs gesagt, dass wir nicht auf die Tabelle gucken dürfen. Das ist wirklich frustrierend, sagt Funkel. Aber die Tabelle steht nicht im Einklang mit der Leistung, die wir derzeit auf dem Platz bringen. Da haben wir uns klar stabilisiert, aber das ist noch nicht belohnt worden. Auf Dauer jedoch wird Fleiß belohnt. Das ist es, was ich den Jungs sage.
Aber wenn es nicht gegen die Eintracht gelingt, wann dann? Das ist die bange Frage, die an diesem Samstag über dem Olympiastadion schweben wird. Den ersten Schritt auf dem langen Weg, dem Abstieg doch noch zu entrinnen, glaubt Funkel mittlerweile erreicht zu haben. Er hat die Hertha-Profis auf den Boden zurückgeholt, die verlorenen Spiele und der Tabellenstand reichten dabei für einige nicht.
Hat es bei der Hertha nicht schon zu lange gedauert?
Er sagte ihnen: Mensch, Männer, wacht auf! Ihr seid nicht mehr die Hertha aus dem letzten Jahr. Ihr könnt nicht mehr Meister werden! Es geht um die nackte Existenz von Hertha BSC in der Liga. Einige haben das schnell begriffen, andere haben sich noch in anderen Sphären gesehen. Das ist jetzt vorbei. Jeder weiß, worum es geht. Jeder hat das Bewusstsein. Aber erst jetzt. Das Bewusstsein schaffen, das sei bisher seine wichtigste Aufgabe gewesen, sagt Funkel. Bei der Eintracht, bei der er jahrelang erfolgreich gegen den Abstieg kämpfte, war das immer anders.
Die Spieler wussten dort frühzeitig, was auf sie zukam. Da wurde keine rettende Zeit verloren. Hat es bei der Hertha aber nicht schon zu lange gedauert? Wir haben viele Punkte Rückstand, das wollen wir nicht verhehlen, sagt Funkel. Aber wir können es schaffen. Wir müssen jetzt unseren Weg mit Siegen unterstreichen. Er nennt Beispiele von anderen Klubs, die mit großartigen Aufholjagden in der Rückrunde noch ihr Ziel erreichten. So soll es auch in Berlin werden, mit neuen Spielern in der Winterpause.
Wir müssen da sein, wenn die anderen Schwächen zeigen
Nun tritt die Rettungsmission in Phase zwei. Aus dem Konjunktiv müssen Punkte werden. Funkel forderte von den Hertha-Profis, dass sie gegen die Eintracht ihre gewonnene Überzeugung zum ersten Mal auch erfolgreich in einem Spiel umsetzen. Übersetzt heißt das: Mit dem kämpferischen Bewusstsein, den komplizierten, riskanten Fußball wegzulassen. Macht man in dieser Situation etwas Riskantes, bekommt man ein Gegentor. Im vorigen Jahr war das nicht so. Das ist der Tabellensituation geschuldet. Das ist immer so.
Phase drei beginnt dann in der Winterpause, neue Spieler sollen und müssen die Qualität verbessern. Neun, zehn, elf Punkte sollten es bis dahin sein, um eine atemberaubende Aufholjagd zu starten, mit einer Erfolgsserie gleich im neuen Jahr. Wir müssen da sein, wenn die anderen Schwächen zeigen, sagt Funkel schon jetzt seinen Spielern. Dann könnte Phase vier beginnen, der Schlussspurt im April, Mai – mit einem Happyend für die Hauptstadt. So stellt sich Funkel das vor. Aber was, wenn die Hertha gegen die Eintracht an diesem Samstag im Olympiastadion wieder keinen Schritt vorankommt? Daran will ich gar nicht denken, sagt Funkel. Aber man ahnt, was er denkt.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, ddp