Von Uwe Martin, Mainz
19. Mai 2008 Sonntag, 15.47 Uhr, Schlusspfiff im Mainzer Bruchwegstadion, Szenen eines Abschieds. Jürgen Klopp umarmt den Klubpräsidenten Harald Strutz, Manager Christian Heidel und Vizepräsident Peter Arens, seinen Assistenztrainer Zeljko Buvac, dann schlendert er auf dem Rasen zu seinen Spielern. Alle im Bruchwegstadion wissen: Das ist es gewesen, hier geht eine Ära zu Ende.
Bei Mainz 05 ist in diesem Moment eine Zäsur im Gange. Klopp umarmt jeden seiner Profis, gemeinsam geht es weiter vor die Fantribüne, nur der ausgeliehene Stürmer Isaac Boakye kommt zu spät, weil er sich mit Charles Takyi vom FC St. Pauli verplaudert hat. Das 5:1 gegen den Hamburger Kultklub ist längst zur Nebensache geworden, denn auch die direkte Aufstiegskonkurrenz von 1899 Hoffenheim (5:0 gegen Greuther Fürth) hatte ihre Hausaufgaben überzeugend erledigt. 29 Minuten ist Mainz 05 in der ersten Liga gewesen, nach dem ersten Tor von Felix Borja (10.) bis zum Führungstreffer in Hoffenheim (Demba Ba, 39.). Nun kämpft Klopp mit den Tränen, was ihm nicht recht gelingen will, er wandert die Fan- und die Gegengerade ab, wo ihn auch die St.-Pauli-Anhänger begeistert verabschieden; und als der Vierzigjährige die zweite Stirnseitentribüne hinter sich hat, bricht er seinen Rundgang vorzeitig ab. Das war zu viel in diesem Moment, sagt der Mainzer Trainer und sprintet in die Katakomben. Etwas Ruhe, nur etwas.
Es hat eben nicht gereicht
Dieses furiose 5:1 - welche Ironie des Schicksals - bedeutet den Abschied von Klopp aus Mainz. Nach achtzehn Jahren, nach 325 Zweitligaspielen (1990 bis 2001), nach etwas mehr als sieben Jahren als Cheftrainer (seit Ende Februar 2001). Er blickt auf die Abschlusstabelle, 58 Punkte in einer nicht so einfachen Liga, unsere Saison war insgesamt in Ordnung. Er spricht langsam, beglückwünscht Hoffenheim zum Aufstieg; aber wie es tief ihn ihm drinnen aussieht, weiß er nicht. Die gähnende Leere, die sich auftut, umschreibt er mit den Worten Ich habe keinen Zugriff auf meine Gefühle. Und er sagt: Es hat eben nicht gereicht.
Verzockt, das weiß keiner besser als Klopp, hat Mainz 05 den Aufstieg nicht am letzten Spieltag, da gab es ohnehin nur mehr diese Miniaturchance, dass die finanzkräftige Konkurrenz aus dem Kraichgau irgendwie die Nerven verlieren könnte. Der Kollege Ralf Rangnick und sein Team taten ihm diesen Gefallen aber nicht. Und deshalb beginnt nun eine neue Zeitrechnung beim FSV Mainz 05, denn nur im Aufstiegsfall wäre Klopp eine weitere Saison geblieben. Wenn ich das hier erlebt hätte wie eben unser Trainer, würde ich es mir noch mal überlegen, sagte Linksverteidiger Marco Rose. Strutz sprach einem gemeinsamen Gespräch, das man noch suchen wolle mit Klopp.
Aber Klopp hat sich bereits entschieden. Trotz der überwältigenden Emotionen im Bruchwegstadion, die ihm letztmals zuteil wurden, bleibt er bei seinem angekündigten Abschied. Diese Entscheidung habe ich schon vor ein paar Wochen getroffen und vorher lange darüber nachgedacht. In den nächsten Tagen wird er noch bei der Mannschaft sein, abtrainieren. Gegen Ende der Woche wird es eine gemeinsame Verabschiedung geben, gemeinsam organisiert von Mainz 05 und der Stadt.
Die Welt bei Mainz 05 geht weiter
Mainz 05 ohne Klopp - das ist nur schwer vorstellbar, wird jedoch rein formal zum 1. Juli Realität sein. Doch daran dachte niemand an diesem Nachmittag der großen Gefühle, nur Manager Heidel wagte den Blick voraus. Qua Amt, weil es sein Job ist. Die Welt bei Mainz 05 geht weiter, sagte er. Und bei der Suche nach einem Nachfolger werde man sich Zeit lassen. Ich wäre ja bescheuert, wenn ich hierfür einen Zeitplan bekanntgeben würde. Bei dem anstehenden Trainer-Scouting wird Klopp übrigens nicht aktiv mitwirken. Heidel wird ihn im Bedarfsfall lediglich um eine Einschätzung bitten.
Wie es denn persönlich weitergehe bei ihm, wurde Klopp gefragt. Nach der Pressekonferenz wahrscheinlich zur Toilette. Zum letzten Mal saß er im Medienraum von Mainz 05, die Stimmung war bedrückend, fast schien es, als würden alle nur darauf warten, dass er losheult. Klopp war jedes Wort zu viel, noch kurz erzählte er, wie in der 65. Minute auf einmal die Kunde die Runde machte, in Hoffenheim sei der Ausgleich gefallen. Eine Ente, eine Falschmeldung, die ohnehin gedämpfte Stimmung im Stadion verflachte kurz darauf wieder. In der Schlussphase feierten die Fans wieder, sangen Oh, wie ist das schön..., und als kurz vor dem Schlusspfiff You'll never walk alone angestimmt wurde und mehrere tausend Zuschauer ihre Fanschals hochhielten, war beinahe vergessen, dass sich hier gerade ein denkwürdiger Abschied anbahnte. Nach dem 3:0 für Hoffenheim, dreizehn Minuten vor dem Abpfiff, sagte Klopp, da habe ich mich schon ein bisschen umgeguckt und mir das Ganze reingezogen. Zum letzten Mal. Zumindest aus der Perspektive des Cheftrainers von Mainz 05.
Die Fotos aus der Fanperspektive stammen von Claus Eckert.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Claus Eckert, dpa, REUTERS