Schiedsrichter-Brüder Kempter

„Man sollte keine Träume vor Augen haben“

Von Hartmut Scherzer, Krumbach

Nur nicht rot sehen: Michael Kempter ist derzeit der jüngste Referee der Bundesliga

Nur nicht rot sehen: Michael Kempter ist derzeit der jüngste Referee der Bundesliga

10. April 2009 Das Dorf zwischen Bodensee und Donautal ist ein Kaff. Eines von 24 Krumbachs in der Bundesrepublik. Gd. Sauldorf, Ldk. Sigmaringen steht ergänzend auf dem Ortsschild. 290 Krumbacher sind nach aktuellem Stand im Rathaus von Sauldorf registriert. 282 Mitarbeiter beschäftigen allein die beiden traditionsreichen Familienunternehmen. In der Empfangshalle von Stecher Drehtechnik steht eine Trophäe „Großer Preis des Mittelstandes“, verliehen 2008. Nebenan versorgt AMT (Auto Move Technologies) trotz Krise die ganze Welt mit elektroangetriebenem kleinem Fahrgerät, vom Transporter bis zum Rollstuhl.

Nach der Fusion mit zwei Nachbardörfern spielt der SV Boll-Krumbach-Bietingen immerhin in der Bezirksliga Bodensee. In dieser kleinen Welt der Tüchtigkeit sind Michael, 26, und Robert Kempter, 20 Jahre alt, aufgewachsen, die jüngsten Schiedsrichter der Fußball-Bundesliga. „Die beiden leben richtig für das Amt des Schiedsrichters“, schwärmt Manfred Amerell, der Talentförderer in Süddeutschland. „Es ist nicht normal, wie weit die beiden in ihrem Alter schon sind. Spielverständnis, Körpersprache, das Bewältigen von Konfliktsituationen - alles top.“

Zwei “Pfeifen“ aus dem Allgäu: Die Bundesliga-Schiedsrichter Michael (l.) und Robert Kempter
Zwei „Pfeifen” aus dem Allgäu: Die Bundesliga-Schiedsrichter Michael (l.) und Robert Kempter

Die Junggesellen, angemeldet beim VfR Sauldorf, wohnen noch unter dem Dach der Eltern in einem großem Haus im Schwarzwaldstil. Die Brüder sitzen lässig auf der Eck-Couch in ihrem behaglichen Dachgeschoss-Wohnzimmer. Sie erzählen, warum sich zwei Dorfbuben mit zwölf Jahren entschlossen, nicht Fußball zu spielen, sondern Fußball zu pfeifen. Michael (“als Spieler hatte ich Defizite“) wurde bei einem Jugendturnier gebeten, als Schiedsrichter auszuhelfen.

Er fand daran Gefallen und schrieb dem damaligen Bundesliga-Schiedsrichter und heutigen Lehrwart Eugen Strigel einen Brief, wie man denn Schiedsrichter werde. Robert war zwar ein besserer Fußballspieler, ist aber dem älteren Bruder gefolgt. Seine Pfeife vom ersten Spiel vor acht Jahren benutzt er heute noch. Michael unterbot mit 23 Jahren den Rekord seines Vorbildes Markus Merk als jüngster Schiedsrichter-Debütant der Bundesliga. Den Nimbus wird er bald an Robert abgeben müssen. An diesem Samstag leitet Michael das Bundesliga-Spiel zwischen Hannover 96 und Hertha BSC Berlin (15.30 Uhr / FAZ.NET-Bundesliga-Liveticker).

„Ich sehe eine Szene im Strafraum. Oh, das war foul. Ich pfeife.“

Wie behaupten sich die Jungspunde gegen die Profis der Liga? „Mit den Händen herumfuchteln bringt nur die Zuschauer auf die Palme. Deeskalierend wirken, den Spielern mit Körpersprache und festem Blick in die Augen begegnen. Das bringt Akzeptanz und Respekt, der auf Gegenseitigkeit beruhen muss“, sagt Michael. Auge in Auge verschaffte er sich so bei Dauermeckerer Mark van Bommel Anerkennung. Mit einem Fingerzeig auf die Brusttasche mit den Karten stimmte er auch Jens Lehmann friedlich. Die älteren Spieler testeten natürlich, wie weit sie bei einem jungen Schiedsrichter gehen können.

Im Spiel Stuttgart gegen Hoffenheim gab Michael beim Stand von 3:3 in der Nachspielzeit einen Foulelfmeter für die Gäste (siehe auch: 3:3 in Stuttgart: Hoffenheim zurück an der Spitze - und verschenkt Sieg). Mut, so der staunende Fernsehreporter, habe Michael Kempter in seinem 30. Bundesligaspiel aufgebracht. „Mut? Unsinn. Ich sehe eine Szene im Strafraum. Oh, das war foul. Ich pfeife. Ich denke dabei weder an den Stand das Spiels, an die Zeit noch an Gast- oder Heimmannschaft.“ Michael ähnelte mit seiner gegelten Hahnenkammfrisur und seiner lustigen Art einem gutgelaunten Bastian Schweinsteiger. Doch neuerdings trägt er seine Haare nicht mehr so auffällig.

Robert Kempter: „Man sollte keine Träume vor Augen haben“

Schickt sich nicht für einen Schiedsrichter. Robert, mit konservativem Haarschnitt, gibt sich zurückhaltend. Er hat in der Bundesliga bisher nur assistiert. Ihr Selbstanspruch an Qualität hört sich so an: „Sich nicht vom Fernsehen unter Druck setzen lassen. Der Schiedsrichter hat eine Position, von der aus er seine Wahrnehmung umsetzen muss. Spontan.“ Menschenkenntnis sei wichtig und vor allem Konzentration von der ersten bis zur letzten Minute. Voraussetzung dafür ist Kondition. Dreimal wöchentlich laufen die Brüder zehn Kilometer - in 45 Minuten.

Michael arbeitet bei der Sparkasse Pfullendorf-Meßkirch nur 80 Prozent der 39,5-Stunden-Woche - und bezieht auch nur 80 Prozent des Gehalts. Ohne das Einspringen der Kollegen bei den kurzfristigen Einsätzen könnte er seinem „Sport“, wie er sein Hobby nennt, nicht unbeschwert nachgehen. Robert, als Werkzeugmechaniker bei der Firma Weidele im Dorf Rast hundertprozentig angestellt, muss trotz der Großzügigkeit seines Chefs gelegentlich Urlaubstage nehmen oder von seinem Überstundenkonto zehren. Beide reden nicht von einer internationalen Karriere. Der jüngere Kempter sagt: „Man sollte keine Träume vor Augen haben. Sonst sieht man nichts mehr am Wochenende.“

Mit einem Fingerzeig auf die Brusttasche mit den Karten stimmte Michael auch Jens Lehmann friedlich
Mit einem Fingerzeig auf die Brusttasche mit den Karten stimmte Michael auch Jens Lehmann friedlich

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, ddp, dpa, picture-alliance/ dpa, REUTERS

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