15. Februar 2008 Lasse Kopitz spielt seit 1999 professionell Eishockey. Bei den Frankfurt Lions gehört er zu den Anführern. Seine Nase war schon vier- oder fünfmal gebrochen, und trotz Bruchs der Kniescheibe spielte er die Play-offs. Nur mit Fieber geht Kopitz nie ins Spiel. Eishockeyprofis sind zwar durchgeknallt - aber nicht lebensmüde. Im Gespräch redet der 27 Jahre alte Verteidiger im zweiten Teil der FAZ.NET-Serie SOLO - Ein Thema, ein Interview über - Schmerzen.
Was verstehen Sie unter dem Begriff Schmerz?
Schmerzen kann man nicht vergleichen. Jeder Mensch hat ein unterschiedliches Empfinden. Bei Menschen, die öfter Schmerz wahrnehmen, wandert die Schmerzgrenze nach oben. Viele Profisportler beachten Wehwehchen überhaupt nicht mehr, die anderen Menschen erheblich zu schaffen machen würden.
Eishockeyspielen und Schmerzen gehören zusammen?
Ja. Unsere Körper werden ja auch richtig durchgerüttelt. Bei jedem Check kann sich irgendwo ein Wirbel verschieben, der dann später gerichtet werden muss. Man erleidet Prellungen. Es gibt sehr viel mehr Körperkontakt als beispielsweise beim Fußball. Deshalb muss man lernen, mit Schmerzen umzugehen.
Wie macht man das? Schmerzen sind doch auch ein Warnsignal des Körpers.
Sicher. Schmerzen sind generell nichts Positives, aber darauf kann ich als Profi nicht immer Rücksicht nehmen.
Was schmerzt Ihnen im Moment?
Der Rücken, das ist bereits chronisch. Das resultiert aus der Haltung auf dem Eis. Beim letzten Spiel habe ich einen Stockschlag in den Rücken bekommen und mir den Hüftkopf auf der rechten Seite ein bisschen verzogen. Der tut jetzt halt beim Laufen weh. Ich bin auch mit dem Knöchel umgekippt, da macht nun das Außenband Probleme. Aber das ist normal. Im Eishockey ist eigentlich immer jemand aus der Mannschaft richtig ordentlich verletzt.
Von Handballspielern ist bekannt, dass sie ihren Schmerz mit großen Mengen Voltaren betäuben.
Viele bei uns machen das ähnlich. Mit Sachen, die legal sind. Es gibt viele Spieler, die vor dem Spiel Schmerzmittel nehmen. Einfach provisorisch. Nur muss man aufpassen, was man nimmt. Aspirin ist sehr gefährlich, es wirkt blutverdünnend. Da wäre es schwierig, eine Wunde zu stillen. Aber ich lasse die Finger davon.
Warum?
Ich bin der Meinung, dass ich den Schmerz durch Konzentration beherrschen kann.
Haben Sie sich das selbst beigebracht?
Die Fähigkeit, den Schmerz wegzudenken, entwickelt sich bei jedem von uns im Laufe der Jahre. Es kommt darauf an, dass man sich nicht mehr damit beschäftigt, dass es eigentlich weh tut. Das kann man lernen.
War der Schmerz nie so groß, dass Sie geweint haben?
Doch, aber dafür war kein körperlicher Schmerz verantwortlich. Das war emotional. Natürlich gab es Momente, in denen es mir richtig schlecht ging. Zum Beispiel 2005, als wir mit der Nationalmannschaft in Österreich abgestiegen sind. Das war ein Karrieretiefpunkt.
Was waren bislang Ihre größten Verletzungen?
Der Leistenbruch und eine Schambeinentzündung. Sonst hatte ich nie Verletzungen, bei denen ich lange ausgefallen bin. Ich hatte mal einen Kniescheibentrümmerbruch, mal habe ich mir zweieinhalb Bänder in der Schulter gerissen. Das ist beides in den Play-offs passiert, das wurde getaped, und dann ging es weiter. Das geht auch alles. Ich kenne wenige Spieler, die schmerzfrei spielen, auch wenn sie gerade einmal nicht verletzt sind. Und wenn man erst mal anfängt zu erzählen, hier tut es weh und dort zwickt es auch ein wenig, dann hört man sich ja fast an wie ein Fußballspieler.
Sind Eishockeyspieler einfach härtere Zeitgenossen?
Da ist wohl was dran. Ich habe in Köln mit Ivan Ciernik, einem Slowaken, zusammen gespielt, der hatte irrsinnig viele Hämatome an den Beinen und an den Händen. Ich stand ihm in der Kabine gegenüber und habe ihn gefragt, ob er nicht höllische Schmerzen habe. Nee, hat er gesagt - und gelächelt.
Im Eishockey gibt es die Besonderheit, dass Trainer so gut wie nie zugeben, wenn sich jemand aus der Mannschaft verletzt hat. Warum?
Weil man immer davon ausgeht, dass der Gegner dann noch mal extra draufschlägt, wenn er weiß, wo der Spieler angeschlagen ist. Man gibt sich immer große Mühe, diese Verletzungen irgendwie zu überspielen. In den Play-offs ist das ganz extrem.
Aber im Fußball ist das doch nicht wirklich anders. Auch da sind jene Spieler gefährdeter, die nach einer Verletzung gerade erst wieder auflaufen.
Sicher. Aber ein Eishockeyspieler hat mehr Gelegenheiten, seinen Gegenspieler gezielt zu verletzen. Wenn ein Fußballer etwas am Sprunggelenk hat, braucht der andere schon eine Grätsche, um ranzukommen. Beim Eishockey hat man sechs, sieben Gelegenheiten im Spiel, um dem anderen einen draufzuhauen, ohne dass das einer der Schiedsrichter merkt. Vielleicht gehen wir auch deshalb anders mit Verletzungen um. Das wurde uns einfach so anerzogen. Dass man Verletzungen, die nicht noch schlimmer werden können, aushält und dennoch spielt.
Wie wurde Ihnen das denn beigebracht?
Mir hat einer meiner ersten Trainer in Berlin gesagt: Kopitz, was dir da weh tut, das ist nur die Schwäche, die deinen Körper verletzt! Dieser Spruch hat sich bei mir bis heute eingeprägt. Oder er hat gefragt: Bist du verletzt, oder tut es nur weh? Wenn es nur weh tut, dann muss man eben weiterspielen.
Wann ist der Punkt erreicht, an dem Sie sagen: Ich kann nicht mehr!
Wenn ich mich wirklich nicht mehr bewegen kann. Dann würde ich der Mannschaft schaden und bliebe deswegen lieber draußen. Auch mit Fieber sollte niemand spaßen. Die meisten haben Familie zu Hause, und da muss man nichts riskieren. Verletzungen sind was anderes: Bänderrisse, Muskelverletzungen oder kleine Knochenabsplitterungen - davon kann niemand sterben.
Wie geht es Ihnen nach einem Spiel?
Dann tut einfach alles weh. Und nach einem verlorenen Spiel tut es noch mehr weh.
Dwayne Norris, der Manager der Lions, sagte unlängst, dass viele Eishockeyspieler derart durchtrainiert sind, dass ein Muskelfaserriss während des Spiels nicht bemerkt wird und erst Stunden nach dem Schlusspfiff auffällt.
Stimmt. Ich habe meinen Bruder früher mal gefragt: Ole, wann merkst du eigentlich, dass die Eishockey-Saison vorbei ist? Na, hat er gesagt, nach drei Wochen fangen die Schmerzen so richtig an, dann weiß ich, jetzt ist Pause! Er hatte recht. Erst wenn der Körper zur Ruhe kommt, das Adrenalin raus ist, merkt man, was alles passiert ist. Ich werde heute nach jeder Saison fast traditionell krank. Die Belastung ist weg, die Anspannung fällt ab, und dann kommt alles raus.
Wie oft war Ihre Nase schon gebrochen?
Ich glaube vier- oder fünfmal. Zuletzt vor zweieinhalb Jahren. Die wird dann vom Physiotherapeuten gerichtet, der steckt einem zwei Stäbe in die Nase, das tut dann höllisch weh, aber danach ist wieder alles in Ordnung.
Was ist mit den Zähnen?
Die sind bei mir nicht mehr echt: meine vier Frontzähne sind künstlich, drei Zähne unten auch, zwei Zähne oben rechts und noch einer unten auf der anderen Seite - die sind alle durch Stockschläge oder Pucktreffer abhandengekommen. Aber ich habe nie etwas gespürt. Die Zähne wurden zusammen mit der Wurzel rausgeschossen. Es knallt unglaublich im Kopf, es blutet wie verrückt, und danach robbt man übers Eis und sucht seine Zähne zusammen. Es gibt Spieler, die lassen sich die Originale wieder einsetzen. Bei mir ging das nie, weil die immer alle richtig kaputt waren. Ich habe mittlerweile auch einen Vertrauensarzt, zu dem gehe ich, wenn es wieder mal gerappelt hat.
Warum spielen Sie nicht mit Mundschutz?
Ich hab das eine Zeitlang gemacht. Aber ich versuche auf dem Eis mit meinem Teamkollegen viel zu reden. Und dabei stört der Mundschutz, da hört sich alles unverständlich an. Mittlerweile ist es sowieso so gut wie egal. Wenn es jetzt die oberen Zähne erwischt, sind es ja nicht mehr meine ursprünglichen, dann kommen halt wieder ein paar neue rein.
Ist der Sport das wert?
Ja, klar. Eishockeyspieler bekommen von der Geburt an mit, dass sie anders sind. Wir sind einfach ein bisschen durchgeknallt.
Als Belohnung für die Qualen lockt der Erfolg. Braucht man den, um das alles überhaupt durchzustehen?
Ich habe mir vorgenommen, der beste Eishockeyspieler zu werden, der ich werden kann. Da gehört das alles dazu. Manchmal muss man üble Schmerzen ertragen, manchmal setzt man sich nach dem Spiel zu Hause auf die Couch, legt die Füße hoch, und alles ist gut. Natürlich ist es leichter, wenn man gewinnt, das ist gar keine Frage. Aber wir spielen oft auch gegen Mannschaften, die diesen Erfolg nicht haben und die trotzdem ihr Bestes geben.
Ist Regeneration überhaupt möglich bei bis zu drei Spielen in einer Woche?
Ja, das funktioniert. Aber es wird von Woche zu Woche anstrengender. In der Saison sind es regulär mehr als fünfzig Spiele, dazu kommen im besten Fall die Play-offs, und gegebenenfalls Länderspiele sowie eine Weltmeisterschaft. Irgendwann werden die Beine da nun mal schwer. Aber wenn die Beanspruchung durch die Spiele so hoch ist, dann ist wenigstens das Training nicht mehr so hart.
Hinterfragen Sie manchmal die enorme Belastung während einer Saison?
Wenn wir das machen würden, dann könnten wir nicht mehr die Leistung bringen. Ich behaupte, dass wir als Eishockeyspieler während der Runde einfach nur funktionieren. Wir denken bis zum nächsten Spiel, dann spielt man, dann geht es zum nächsten Spiel, und irgendwann ist die Saison vorbei.
Vor welchen Leistungen anderer Sportler ziehen Sie den Hut?
Ich habe vor allen Sportlern Respekt. Den habe ich auch vor Fußballspielern, weil die eben Dinge können, die ich nicht kann. Aber auch vor einem 800-Meter-Läufer, der sich permanent allein auf der Bahn quält.
Respekt geht in der Hitze des Gefechts beim Eishockey manchmal verloren. Wenn zwei Streithähne auf die Strafbank müssen, ist das oft mit wüsten Schimpfereien verbunden.
Da ist viel Show dabei, das gehört zur Unterhaltung der Zuschauer dazu. Im Ernst: Man meint das ja nicht so. Der Typ auf der anderen Seite will mich nur sauer machen. Der kennt meine Schwester oder meine Mutter gar nicht, wenn er die beschimpft. Auf dem Eis gibt es nie Freunde, danach kann man aber wieder ein Bier trinken, auch wenn man sich zuvor geprügelt hat.
Beschimpft man sich auf Deutsch oder Englisch?
Ich fluche am liebsten auf Deutsch. Auch wenn viele Gegenspieler das dann gar nicht verstehen.
Gibt es im Eishockey Sachen, die man grundsätzlich nicht macht?
Natürlich: mit dem Schlittschuh treten. Das ist ein Tabu. Ich würde auch ganz selten jemandem Absicht unterstellen, wenn er einem anderen den Schläger ins Gesicht haut. Das kommt in der Hektik halt manchmal vor.
Ruhe von einer Eishockeysaison finden Sie auf Sylt, dort verbringen Sie regelmäßig den Sommer. Auf dieser Insel der Schönen und Reichen wird ja auch viel Wert aufs Äußere gelegt.
Nein.
Überhaupt nicht?
Unter meinen Freunden nicht wirklich. Ich habe meistens eine Bermudashorts, ein T-Shirt und Sandalen an. Natürlich gibt es auf der Insel viel Schickimicki. Aber man kann dem auch sehr leicht aus dem Weg gehen.
Beschäftigen Sie sich damit, dass Ihr Gesicht einmal entstellt sein könnte? Etwa durch eine unliebsame Begegnung mit einer Kufe?
Ich habe das bei Nationalspieler Patrick Köppchen schon einmal gesehen. Der hat bei einem Unfall den Schlittschuh durchs ganze Gesicht bekommen. Er wurde heftigst genäht, mittlerweile sieht man es jedoch kaum noch. Aber trotzdem denke ich nicht daran, dass auch mir so etwas passieren könnte. Man muss sich selbst auch ein bisschen schützen. Und man stumpft ab. Weil es ja allgegenwärtig ist, dass man sich schwer verletzen könnte.
Hatten Sie beim Eishockey noch nie Angst?
Doch, ich hatte Bammel davor, mein Vollvisier abzulegen, als ich zu alt für die Jugendmannschaften war. Bis ich meinen ersten Cut am Kinn hatte und merkte, das ist gar nicht so schlimm.
Das Gespräch führten Marc Heinrich und Michael Wittershagen.
Text: F.A.Z., 16.02.2008, Nr. 40 / Seite 76
Bildmaterial: Henning Bode