Fußball

Empörte Bundesliga fordert Olympier heraus

Von Richard Leipold, Gelsenkirchen

21. Juli 2008 Als der Schalker Fußballprofi Rafinha im Erdgeschoss der Rolltreppe nach oben entgegenstrebte, gab er sich nur pro forma abweisend. „Keine Fragen zu Olympia“, sagte er. Aber diese Frage dränge sich doch auf, entgegnete ein Reporter: Ob Rafinha denn nun an diesem Montag gemeinsam mit seinen Schalker Kollegen ins Trainingslager nach Österreich zu reisen gedenke oder ob er es vorziehe, gegen das Votum seines Arbeitgebers, zum Treffpunkt der brasilianischen Olympia-Auswahl aufzubrechen.

So konkret auf seine Interessen angesprochen, legte Rafinha seine Zurückhaltung ab. „Natürlich will ich in Peking spielen. Deshalb muss ich am Dienstag in Paris sein“, sagte der Verteidiger. „Ich muss dort sein“, wiederholte er mehrmals. Von der französischen Hauptstadt aus fliegen die Brasilianer weiter Richtung Singapur, wo sie sich auf das olympische Turnier vorbereiten. Der brasilianische Fußballverband habe die Reiseformalitäten schon erledigt.

Auch Diego will nach Peking

Auch der Bremer Spielmacher Diego habe ihm in einem Telefongespräch versichert, an den Olympischen Spielen teilzunehmen, sagte Rafinha. Ähnlich hatte sich unlängst Diegos Vater in der Presse geäußert. Auch die Bundesligaklubs Hamburger SV, Hertha BSC Berlin und Bayer Leverkusen sind von dem Konflikt und der umstrittenen Rechtslage betroffen. 1899 Hoffenheim hat indes als erster Klub klein beigegeben und seinen Nigerianer Chinedu Obsi für die Olympischen Spiele freigegeben.

Die Vereine als Arbeitgeber bestreiten eine Abstellungspflicht und verweigern den Spielern die Freigabe. „Rafinha bleibt bei uns, wir brauchen ihn in der Vorbereitung, in der Champions-League-Qualifikation und beim Bundesligastart“, sagt Andreas Müller, der Manager des FC Schalke 04. Die Spieler, die nach olympischen Weihen streben, sehen das Recht auf ihrer Seite und berufen sich auf den Internationalen Fußballverband (Fifa). „Die Fifa hat doch entschieden“, behauptet Rafinha. Der Profi beruft sich auf ein Schreiben, das die Fifa in der vergangenen Woche an die Klubs verschickt hat. Darin verlangt der Weltverband, nominierte Spieler, die 23 Jahre alt oder jünger sind, für die Olympischen Spiele abzustellen.

Rogge droht mit Sperre für Dauer des Turniers

Auch führende Olympier eilen den Spielern zu Hilfe. Offenbar auf die Rückendeckung der Fifa bauend, versucht Jacques Rogge, der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), eine Drohkulisse aufzubauen. „Die Regel ist eindeutig. Wenn ein Verein den angeforderten Spieler nicht freistellt, wird der Spieler für die Dauer des Olympia-Turniers gesperrt.“

IOC-Vizepräsident Thomas Bach, zugleich Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes, probiert es mit einem moralischen Appell, der gerade im Fußballgeschäft, wo allein die Vereine das Risiko tragen, an Grenzen stößt. „Ich würde mir wünschen, dass man keinem jungen Sportler seinen Traum von der Olympia-Teilnahme verbauen sollte.“

Regel ist nicht eindeutig

Wäre die „Regel“ wirklich eindeutig, brauchte sich die Fifa nicht auf Gewohnheitsrecht zu berufen. Die Anwendung von Gewohnheitsrecht setzt eine Lücke im geschriebenen Recht voraus. Diese Lücke ist aus Sicht der Vereine nicht zu erkennen. Sie berufen sich auf den Rahmenterminkalender der Fifa, der die Abstellungsperioden für Nationalspieler vollständig und abschließend regele, so etwa für Welt- und Europameisterschaften, den Afrika-Cup oder auch einzelne Qualifikationsspiele.

In dieser Liste haben die Fifa-Funktionäre das olympische Fußballturnier nicht aufgeführt. Daraus leiten die Vereine das Recht ab, ihren Spielern die Freigabe für Peking zu verweigern. „Es gibt keine Regelung der Fifa, wonach die Bundesliga Spieler, egal welchen Alters, abstellen muss“, sagt Müller. Sein Bremer Kollege Klaus Allofs kommt nach Rücksprache mit den nationalen Fußball-Institutionen DFB und DFL zum selben Ergebnis.

Schaaf: „Wer ist Herr Rogge?“

Die Wortmeldungen führender Olympier rufen in der Bundesliga Empörung hervor. Rogge könne „vielleicht irgendeinen Leichtathleten sperren, aber doch keinen Fußballprofi“, sagt der Berliner Manager Dieter Hoeneß. Der Hinweis auf Gewohnheitsrecht sei „totaler Quatsch“. Sogar der Bremer Cheftrainer Thomas Schaaf, sonst eher ein Stoiker, gerät in Rage. Die Aufforderung der Fifa sei „völlig unwichtig“, sagt er. „Und wer ist Herr Rogge?“

Während die Olympier ihr Fußballturnier aufgewertet sehen und ehrgeizige Spieler sich, ohne Rücksicht auf Vereinsinteressen, einem riesigen internationalen Publikum präsentieren wollen, fürchten gerade führende Bundesligavereine, die schon für die Europameisterschaft Spieler abgestellt haben, sportliche wie wirtschaftliche Nachteile, die sich aus einem schlechten Saisonstart ergeben könnten.

Dieser Klubs nimmt sich nun die Deutsche Fußball Liga (DFL) an, die einen juristischen Gegenschlag erwägt. „Wir prüfen derzeit, ob Spieler, die ohne Zustimmung der Klubs nach Peking anreisen, für das olympische Turnier gesperrt werden können“, sagt Holger Hieronymus, stellvertretender Vorsitzender der DFL-Geschäftsführung.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ddp, dpa

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