Das badische Dorf

Achtung Bayern! Hopps Hoffenheimer sind da

19. Mai 2008 Ein kuscheliges Dorf aus Nordbaden ist in die große Fußball-Welt marschiert. 1899 Hoffenheim hat den Durchmarsch in die Bundesliga geschafft und damit sein Fußball-Märchen früher als geplant verwirklicht. Der von Milliardär Dietmar Hopp finanzierte Zweitliga-Aufsteiger bezwang am Sonntag beim Saisonfinale die SpVgg Greuther Fürth mit 5:0 (1:0).

Hoffenheim ist insgesamt der 50. Bundesligaklub seit Gründung der Eliteklasse im Jahr 1963 - und mit 3200 Einwohnern der mit Abstand kleinste Standort. Als mit dem Schlusspfiff das Projekt Bundesliga-Fußball in der Provinz realisiert war, brachen alle Dämme und die Jagd mit den Bierkrügen begann.

„Hurra, das ganze Dorf ist da“

Spieler und Macher schlüpften in T-Shirts mit der Aufschrift „1899 Erstklassig - Aufsteiger 2007/2008“. Und auf dem Rücken stand: „Hurra, das ganze Dorf ist da“. Die Mannschaft drehte tanzend eine Ehrenrunde. „Ich bin glücklich“, sagte Hopp tief bewegt mit heiserer Stimme.

Selbst der als Professor titulierte Trainer Ralf Rangnick freute sich am Tag der Emotionen wie ein kleines Kind, nachdem er sich zunächst für einige Minuten in die Kabine zurückgezogen hatte. „Ich kann es selber noch gar nicht realisieren“, sagte der Erfolgscoach. „Das wird bei mir noch ein bisschen dauern. Der Druck war brutal.“

Nervenstärke und spielerische Dominanz

Rangnicks junge Ballkünstler hatten zuvor Nervenstärke und spielerische Dominanz bewiesen und am letzten Spieltag die SpVgg Greuther Fürth deklassiert. Demba Ba brachte die Hausherren in Führung (39. Minute). Sejad Salihivic erhöhte mit einem sicher verwandelten, aber umstrittenen Foulelfmeter auf 2:0 (69.). Chinedu Obasi mit einem Doppelpack (77./85. Elfmeter) sowie Salihovic mit seinem zweiten Treffer (82.) machten das Fußball-Festival gegen die am Schluss einbrechenden Franken perfekt.

„Ich hätte nicht geglaubt, dass es so schnell mit dem Aufstieg klappt“, sagte Francisco Copado. „Wir haben gezeigt, dass wir in die erste Liga gehören“, meinte dagegen Mannschaftskapitän Per Nilsson. Tobias Weis urteilte: „Das haben wir uns verdient. Wir haben nie gezweifelt. Das 5:0 sagt alles.“

Ehrgeizige, finanziell gut betucht und akribisch planend

Vor der Partie hatte sich die internationale Truppe mit einem Motivations-Video mit Botschaften der Spielerfrauen zusätzlich gepusht. „Mir selber ist beim Anschauen eine Gänsehaut gekommen“, verriet Rangnick.

Nur ein Jahr nach dem Aufstieg in die 2. Bundesliga folgt der ehrgeizige, finanziell gut betuchte und akribisch planende Club den Traditionsvereinen Borussia Mönchengladbach und 1. FC Köln in die Beletage. Hoffenheim gegen Bayern München, Werder Bremen, Schalke 04 und den VfB Stuttgart - erstmals spielt ein Verein aus einem so kleinen Dorf in der Bundesliga. „Phänomenal, was dort geleistet wurde“, adelte der „Kaiser“ Franz Beckenbauer den Dorfverein.

„Dietmar, wir danken dir“

„Ich denke, wir sind bereit“, sagte SAP-Mitbegründer und Mäzen Dietmar Hopp, der das ganze Projekt ermöglicht. „Zu früh kann so ein Erfolg nicht kommen. Das ist Wahnsinn.“ Während des Spiels skandierten die Fans im mit 6350 Zuschauern ausverkauften Stadion „Nie mehr Zweite Liga“. Nach dem Schlusspfiff sangen sie zudem „Dietmar, wir danken dir“.

Wenige Kilometer entfernt verfolgten rund 8000 Fans in der Sinsheimer Messe auf Großbildleinwänden die Partie. Dort stieg am Abend auch die große Party mit den Profis. „Ein unglaublicher Tag für Hoffenheim. Ein Traum“, sagte Sportdirektor Bernhard Peters.

„Das kann mit gar nichts vergleichen“

Rangnick, der schon mit dem SSV Ulm 1846 und Hannover 96 aufgestiegen war, stufte den Erfolg als einmalig ein: „Das kann mit gar nichts vergleichen. Als wir hier angefangen haben, gab es gar nichts.“ Den 49 Jahre alten Coach, der einst Schalke 04 und den VfB Stuttgart trainierte, schreckt die Bundesliga nicht: „Ich glaube, dass es in den Spielen nicht unbedingt viel schwerer wird.“

Hopp, der nach jedem Treffer Freunde per SMS informierte, kündigte „drei bis maximal vier“ Neuverpflichtungen an. Kritikern, die Hoffenheim als nicht bundesliga-würdig bezeichneten, empfahl der ehemalige Top-Manager: „Alle sollten unseren Aufstieg akzeptieren.“ Ministerpräsident Günther Oettinger gratulierte dem neuen baden- württembergischen Bundesligisten: „Die Mannschaft hat eine starke Saison gespielt. In überzeugender Manier hat sie den direkten Durchmarsch von der Regionalliga in die Bundesliga geschafft.“

Die Geschichte der TSG 1899 Hoffenheim

1899: Gründung des Turnvereins Hoffenheim
1945: Zusammenschluss des Turnvereins und des Fußballvereins zur TSG 1899 Hoffenheim
1991: Nach dem Abstieg aus der Bezirksliga beschließt SAP- Mitbegründer Dietmar Hopp, seinem Heimatverein zu helfen. Der Milliardär war Stürmer der TSG, beendete die Karriere aber frühzeitig.
August 1999: Mit einem Spiel gegen den FC Bayern München wird das 5000 Zuschauer fassende Dietmar-Hopp-Stadion in Hoffenheim seiner Bestimmung übergeben. Mit dabei ist auch Franz Beckenbauer, ein Golf- Freund Hopps.
2001: Aufstieg in die Oberliga Baden-Württemberg
2002: Mit Coach Hansi Flick, dem heutigen Assistenz-Trainer der Nationalmannschaft, gelingt gleich in der ersten Saison der Aufstieg in die Regionalliga Süd.
Oktober 2002: In Christian Möckel und Norbert Hofmann kommen zwei ehemalige Bundesliga-Profis zur TSG Hoffenheim. Bis dato war das Credo von Hopp, nur junge Spieler aus der Region zu verpflichten.
Juli 2004: Die TSG-Spieler werden Vollprofis. Zuvor hatte Hopp darauf bestanden, dass jeder, der in Hoffenheim Fußball spielt, parallel eine Ausbildung oder ein Studium zur eigenen Zukunftssicherung absolvieren muss.
August 2005: Der frühere Nationalspieler Karlheinz Förster aus dem nahen Schwarzach übernimmt als Berater das sportliche Management.
November 2005: Nach einer Heimniederlage gegen den VfB Stuttgart II gerät der angepeilte Aufstieg in Gefahr. Hansi Flick muss trotz eines Vertrags bis 2010 gehen.
Dezember 2005: Lorenz-Günther Köstner wird Trainer.
Mai 2006: Köstner tritt nach dem verpassten Aufstieg zurück. Wenig später geht auch Förster.
Juni 2006: Die Verpflichtung von Ralf Rangnick als Cheftrainer und Hockey-Nationalcoach Bernhard Peters als Direktor für Sport und Nachwuchsförderung wird bekanntgegeben. Im Herbst verstärkt Hans- Dieter Hermann, Psychologe der Nationalmannschaft, das Führungsteam.
September 2006: Nach langwieriger Suche wird in Sinsheim ein Standort für das neue Stadion gefunden. Zuvor waren auch Heidelberg, Walldorf und Mannheim im Gespräch gewesen. Die reine Fußball-Arena wird 40 Millionen Euro kosten und 30 000 Zuschauer fassen. Sie wird von Hopp finanziert und soll bis 2009 fertig sein.
Mai 2007: Nach dem 4:0-Sieg gegen die Sportfreunde Siegen steht der Aufstieg in die 2. Bundesliga fest.
18. Mai 2008: Mit dem 5:0-Sieg gegen die SpVgg Greuther Fürth macht die vor Saisonbeginn für etwa 20 Millionen Euro verstärkte Mannschaft von Ralf Rangnick gleich im ersten Zweitliga-Jahr den Aufstieg in die Bundesliga perfekt.



Text: FAZ.NET
Bildmaterial: ddp, dpa, REUTERS

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