Jürgen versus Jürgen

Animator Klopp, Buddha Klinsmann

Von Richard Leipold, Dortmund

24. Juli 2008 Kurz nach dem Schlusspfiff reckte Verteidiger Dede den Fans auf der Südtribüne ein schwer definierbares Gebilde entgegen. Die Freude des Dortmunder Profis wirkte nicht einmal gespielt, die Begeisterung der Fans schon gar nicht. Der „Pokal“, den Dede voll Besitzerstolz in Händen hielt, symbolisierte den „T-Home-Supercup“, ausgelobt für den Sieger eines Privatspiels zwischen dem deutschen Doublegewinner Bayern München und dem Verlierer des nationalen Pokalendspiels, Borussia Dortmund. Die Mehrheit der 47.000 Zuschauer wertete das 2:1 der Westfalen offenbar als erstes sichtbares Zeichen für den Aufschwung, den sich die Anhänger wie die Verantwortlichen des einst erfolgreichen Revierklubs erhoffen.

Gut sechs Jahre nach dem vorerst letzten offiziellen Titelgewinn, der deutschen Meisterschaft 2002, und drei Wochen vor dem Start in die neue Bundesligasaison erfreuten sich die erfolgsentwöhnten Borussen an einem kleinen „Titel“, mag er auch aus einer inoffiziellen Veranstaltung ohne die Zustimmung der Deutschen Fußball Liga hervorgegangen sein. Die Freude auf den Rängen führte zu der Frage: Was mag in diesem größten deutschen Stadion erst los sein, wenn der BVB vor mehr als achtzigtausend Zuschauern am zweiten Spieltag in der Liga wieder auf die Bayern trifft? Und mit welcher Inbrunst wird Trainer Jürgen Klopp, der neue Animateur auf der Dortmunder Bank, erst an der Seitenlinie entlangtoben und -turnen, wenn es ernst wird?

Klopp als treibende Kraft

Während seines ersten Heimspiels im Dienste der Borussen zeigte er sich sofort als treibende Kraft. Wie Klopp vor der Bank, so erkundeten auch seine Spieler auf dem Rasen ihre neuen Laufwege voller Hingabe und Dynamik, zumindest solange sie bei Kräften waren. „Dank Klopp ist die Euphorie bei uns schon voll entbrannt“, sagte der neue Mannschaftskapitän Sebastian Kehl und fügte unter dem Eindruck des „Supercup“-Gewinns tatsächlich an, in Dortmund sei es an der Zeit, „sich wieder daran zu gewöhnen, dass man einen Pokal in die Höhe stemmen kann“.

Fünfundvierzig Minuten lang war zu erkennen, welche Richtung Klopp mit seinem Personal einschlagen will. Leidenschaftlichen, unterhaltsamen Tempofußball hat der Fußballlehrer versprochen. Und die Mannschaft machte den Eindruck, dieses Versprechen einlösen zu wollen. Ob sie es kann, wird sich später erweisen. Gemessen am Stand der Vorbereitungen zog Klopp zufrieden Bilanz. „Wir haben die vergangenen drei Wochen nicht sinnlos verstreichen lassen.“ So aufgekratzt er an der Seitenlinie herumgesprungen war, so sachlich gab er sich später und warnte sogar vor Risiken und Nebenwirkungen eines solchen Musters ohne Wert. „Wer nach diesem Spiel euphorisch wird, sollte die Drogen absetzen.“

Buddhistisch gelassen verharrte Klinsmann auf der Bayern-Bank

Während Klopp erst nach seiner Heimpremiere wieder auf normale Betriebstemperatur abkühlte, blieb sein Gegenüber Jürgen Klinsmann von Anfang bis Ende die Ruhe selbst. Buddhistisch gelassen verharrte er auf der Bayern-Bank, ließ das Spiel seinen Lauf nehmen, ohne in der Niederlage einen Anlass zur Klage zu entdecken. „Es ist nicht schlimm, hier 1:2 zu verlieren“, sagte Klinsmann. Und fügte lachend an: „Auch wenn es um den Supercup geht.“ Er meinte wohl: Gerade wenn es nur um den Supercup geht.

Der Münchner Trainer hatte eine respektabel besetzte, aber noch überwiegend nicht wettkampftaugliche Mannschaft auf den Platz geschickt. Die EM-Teilnehmer hatten erst sechs Tage zuvor das Training aufgenommen. Sechs von ihnen stellte Klinsmann in die Startelf, auf dass sie es schnell hinter sich haben: Klose, Schweinsteiger, Borowski, Toni, Altintop und Sagnol. Nach der Pause kam noch Podolski ins Spiel. Lahm und Jansen waren in München geblieben.

Arm in Arm mit dem „anderen Jürgen“

Während die Dortmunder sich angetrieben fühlten, ließen die Münchner sich treiben. Erst nach der Pause rafften sie sich ein wenig auf, ohne allerdings besonders wirkungsvoll zu handeln. Der Anschlusstreffer von Mehmet Ekici (73.) genügte nicht, die beiden Tore von Kuba (29.) und Hajnal (33.) auszugleichen und ein Elfmeterschießen zu erzwingen. Die geschäftsmäßige, fast gleichgültige Art, wie der Münchner Torschütze sein Erfolgserlebnis zur Kenntnis nahm, illustrierte die geringe Bedeutung, die der FC Bayern dem Ausgang der Partie beimaß.

Den realen Wert dieses privaten Vergleichs beurteilten beide Trainer letztlich gleich. Auch Klopp, der Arm in Arm mit dem „anderen Jürgen“ zum Fernsehinterview schritt, war weit davon entfernt, sich zu irreführenden Hochrechnungen verleiten zu lassen. „Es soll nicht despektierlich klingen“, sagte er, „es war eine gute Trainingseinheit gegen die Bayern.“ Der erste richtige Auftritt in der Serie Jürgen versus Jürgen folgt in vier Wochen.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, ddp, REUTERS

 
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