Von Frank Heike, Bremen
28. November 2009 Auf dem Tisch stehen schon Gläser und Getränke, die Stühle sind zurechtgerückt, es könnte losgehen, doch ein ordnungsliebender Angestellter funkt dazwischen: Hier geht es nicht! Thomas Schaaf grinst amüsiert. Jetzt arbeitet er schon seit 1972 hier, aber das Sagen in den Räumen des Weserstadions haben andere. Später sollen zahlende Gäste an diesem Tisch Mittagessen, also muss der Cheftrainer von Werder Bremen einen anderen Platz finden für das Gespräch. So ein kleiner Zwischenfall ist nichts, was Schaaf aus der Ruhe bringen könnte. Dann setzt man sich eben woanders hin. Es gibt genug falsche Klischees über Schaaf. Dass er in sich ruht, ist keines.
In dieser Spielzeit gibt es insgesamt auch eher wenig Grund zur Aufregung: Vor dem Spiel am Sonnabend gegen den VfL Wolfsburg (15.30 Uhr / FAZ.NET-Bundesliga-Liveticker) ist Werder wettbewerbsübergreifend seit 20 Spielen ungeschlagen. Die Defensive steht ungewohnt stabil, und in der Offensive sind es die jungen Könner Özil, Marin und Hunt, die begeistern. Schaaf sagt: Aaron Hunt kenne ich seit der B-Jugend, er ist acht Jahre bei Werder. Wir wissen genau, was er kann, und kennen seine persönliche Geschichte. Er ist immer wieder durch Verletzungen zurückgeworfen worden. Jetzt setzt er sich konstant ein. Und auf einmal ist die Fußball-Öffentlichkeit überrascht, wie gut er ist.
Auch bei Özil kann Schaaf die Aufregung nicht verstehen. Mesut hat auch letztes Jahr schon phantastisch gespielt. Für uns sind das keine Überraschungen. Dass es vor allem auf dem Weg nach vorn so gut läuft wie zuletzt in Bochum und Freiburg, liegt auch an Marco Marin. Ihm haben viele nicht so viel zugetraut, sagt Schaaf, alle haben gesagt: Der wird nicht viele Einsätze haben. Bisher war er in jeder Partie dabei.
Wir gehen über all die Jahre sehr sorgfältig mit den Spielern um
Erst dadurch, dass Schaaf den Mittelfeldspieler von der ungeliebten Rolle im Sturm überzeugte, kamen seine Qualitäten voll zum Tragen. Dass in Philipp Bargfrede nun auch der nächste Mann aus der zweiten Mannschaft zum Stamm der Profis gehört, hat Schaafs Ruf des besten Ausbilders der Liga wieder aufpoliert. Wir gehen über all die Jahre sehr sorgfältig mit den Spielern um, sagt er, und wir haben eine Phantasie, wie unser Fußball auszusehen hat. Daran arbeiten wir. Jeden Tag.
Es gibt einen scharfen Kontrast zwischen den jungen Könnern der Bremer und den alten Meistern aus Wolfsburg: An der Weser spielen Hunt, Özil, Marin bislang nicht nur partiell begeisternd, sondern erstaunlich formstark. Bei den Wolfsburgern stagnieren hingegen die Leistungen der einheimischen Saison-Entdeckungen 2008/09, Riether, Gentner und Schäfer.
Die Gegensatzpaare lassen sich weiter bilden, und man bekommt eine Vorstellung, warum Werder, das ja nur Zehnter der vergangenen Saison war, den VfL wieder überholt hat: Naldo und Mertesacker sind derzeit neben den Leverkusenern Hyypiä/Friedrich das beste Innenverteidiger-Duo der Liga, in Wolfsburg will man bei 23 Gegentoren per Wintereinkauf unbedingt hinten in der Mitte nachhelfen. Bremens Torsten Frings spielt in Bestform vor der Abwehr, Wolfsburgs Josué steckt in einem Tief. Und so weiter.
Wenn einer fehlt, ist das die Chance, dass sich ein anderer hervortut
Dass Werder Bremen nun trotz der prominenten Ausfälle Pizarro und Borowski den Weg nach ganz oben eingeschlagen hat, ist für Schaaf kein Wunder: Bei uns war es doch immer so: Wenn einer fehlt, ist das die Chance, dass sich ein anderer hervortut. Das hat uns immer ausgezeichnet. Auf lange Sicht aber würde Werder ohne Pizarro wohl nicht im Meisterschaftsrennen mithalten können.
Er ist immer noch ein Spieler, der den Unterschied ausmacht. Doch solange er wegen des Haarrisses im Mittelfuß fehlt, profitieren eben Hugo Almeida oder Rosenberg von Marins Vorarbeit – während beim VfL die genialen Pässe Misimovics zwar weiter ankommen, doch von Dzeko und Grafite eben nicht mehr so schlafwandelnd sicher genutzt werden wie einst im Mai.
Thomas Schaaf: Wir leben nicht in der Vergangenheit
Da unterlag Werder wehrlos 1:5 beim VfL und durfte hinterher zur Meisterschaft gratulieren; drei der fünf Tore hatten Grafite & Dzeko geschossen. Für Werder traf Diego. Schaaf erzählt, dass er keinen Kontakt mehr habe zum Neu-Turiner. Der Fußball bietet ja immer wieder Geschichten, wie es ohne einen Unersetzbaren dann doch weitergeht; gerade bei Werder Bremen ist diese Geschichte oft erzählt worden. Schaaf wundert sich manchmal, dass die Öffentlichkeit ihm und Sportdirektor Klaus Allofs nicht grundsätzlich zutraut, den Verlust großer Spieler aufzufangen.
So auch in diesem Jahr. Von außen wurde nur gesehen, dass wir Zehnter waren und dass man einen Diego verliert. Wir leben aber nicht in der Vergangenheit, sondern beschäftigen uns immer wieder mit Neuem, sagt Schaaf. Eines ist dabei das Alte geblieben: dass der schöne Fußball meist nicht weit ist, wenn Werder spielt. Der Idealist Schaaf sagt: Wenn man im Weserstadion nicht auf die Idee kommt, eine Wurst zu holen, während das Spiel läuft, ist es gut.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ddp, dpa, Reuters