10. August 2008 Bayern München hat in Trainer Jürgen Klinsmann und eine neue Infrastruktur investiert. Deshalb steht der Klub vor einer spannenden Saison. Bayern-Chef Karl-Heinz Rummenigge spricht im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung über das Ringen um Stars, den Druck auf Klinsmann und die neuen Milliardäre aus Osteuropa.
Wichtige Spieler sind verletzt, die eigenen Zuschauer pfeifen nach einer Testspiel-Niederlage die Mannschaft aus, der eine oder andere Fan ruft sogar nach Ottmar Hitzfeld - welche Schlüsse ziehen Sie aus dem aktuellen Bild der neuen Klinsmann-Bayern?

Trotz Wörterbuch ist Rummenigge skeptisch bezüglich der internationalen Chancen: "Chancenlos sind wir nicht, wenn wir an einem Tag nahe den hundert Prozent agieren. Dann können wir auch große Teams ärgern"
Es lässt den Rückschluss zu, dass die Sache nicht unkritischer geworden ist. Wir werden sehr genau beobachtet. Der Anspruch ist hoch an Jürgen und die Mannschaft. Wir müssen Geduld beweisen. Schlaflose Nächte habe ich deshalb nicht. Ich kann damit leben.
Einige Fußball-Fachleute üben schon leise Kritik an dem Projekt.
Jürgen Klinsmann ist im Moment der interessanteste Mann im deutschen Fußball und einer, der schon immer polarisiert hat. Deshalb äußert sich jeder, der in Deutschland mit Fußball zu tun hat, ob er Basler, Effenberg, Hitzfeld oder Matthäus heißt, nun zu dem Thema - und manchmal nicht positiv.
Ottmar Hitzfeld hat mal gesagt, in München ginge es immer darum, das nächste Vierteljahr zu überleben. Wie viel Spielraum hat Jürgen Klinsmann?
Als ich dieser Tage hörte, Jürgen rechne damit, die Umsetzung seiner Philosophie könne ein bis zwei Jahre in Anspruch nehmen, habe ich ihm gesagt, dass er sich einen sehr langen Zeitrahmen gesetzt habe. Selbst wenn wir als Verantwortliche die Geduld aufbringen würden - die Öffentlichkeit sähe das wohl anders. Jürgen hat mir spontan gesagt, er hätte seine Aussage schon relativiert. Denn eines ist klar: Vom FC Bayern werden Erfolge erwartet, bei allen Neuerungen, die jetzt eingeführt werden. Und jeder beim FC Bayern muss sich diesem Druck stellen.
Waren Sie schon einmal so gespannt auf eine Saison Ihres Klubs?
Als wir hier im vergangenen Jahr die Revolution hatten mit acht Neuzugängen und neun Abgängen, war ich genauso neugierig. Ich fragte mich, wie schnell und erfolgreich die Veränderungen greifen. Das gilt auch diesmal bei Jürgen. Wir wollen seine Philosophie so schnell wie möglich auf den FC Bayern übertragen.

Rummenigge zu Klinsmann: "Mir gefällt deshalb seine Idee, jeden Spieler jeden Tag ein bisschen besser zu machen"
Damals beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) hat es überhaupt nicht geräuschlos funktioniert. Warum soll es bei Ihnen jetzt anders sein mit Klinsmann?
Es geht bei uns deshalb geräuschloser über die Bühne, weil Jürgen im Gegensatz zum DFB tagtäglich Ansprechpartner hat und nicht nur alle sechs oder acht Wochen ein Team zusammenkommt wie bei einer Nationalmannschaft. Jürgen hat hier in München viele kompetente Fachleute, auf die er gegebenenfalls zugreifen kann. Deshalb wird das bei uns laufen. Wenn man sich Jürgen Klinsmann als Trainer ausgedacht hat, dann muss man seinen Weg mitgehen. Sonst wird das nicht funktionieren. Wir werden seine Philosophie mittragen - und dazu sind wir bereit.
Wie viel Überwindung gehört trotzdem dazu bei einem herausfordernden Typen wie Klinsmann?
Ich amüsiere mich jedes Mal, wenn ich vom neuen Oberalphatier und den drei alten Alphatieren beim FC Bayern lese. Wir haben uns immer einen Trainer gewünscht, der eine klare Philosophie hat und dem wir die sportliche Verantwortung in die Hand geben können. Es ist doch toll, wenn wir uns im Vorstand auf unsere eigenen Felder konzentrieren können und nicht jeden Tag in der Kabine nachschauen müssen, ob alles läuft oder einem Spieler mal wieder der Kopf gewaschen werden sollte. Die Kompetenzen sind bei uns jetzt klarer verteilt als je zuvor. Jeder weiß, was er in dem Mosaik FC Bayern zu leisten hat.
Das Versprechen Ihres neuen Trainers lautet, den Abstand an die besten Klubs Europas zu verkürzen - auch ohne Geldsegen und Superstars. Glauben Sie daran?
Ich hoffe, Jürgen hat recht. Aber ich befürchte, die Realität im Kampf mit den ganz Großen sieht anders aus. Das hört sich wie eine alte Leier an, aber zu erwarten, der FC Bayern könne in der Königsklasse der Champions League eine besondere Rolle spielen, wird immer unrealistischer. Wir brauchen uns nur die ungleichen Geldströme in der Fernsehvermarktung anzuschauen, Klubs, die sechsmal mehr einnehmen als wir aus dem Verkauf der TV-Rechte, oder die Eigentümerstruktur in Italien und England mit Milliardären wie Berlusconi oder Abramowitsch. Als wir 2001 die Champions League gewinnen konnten, gab es diese gravierenden Unterschiede noch nicht. Damals konnten wir den Wettbewerb chancengleicher gestalten, auch deshalb, weil unsere Mannschaft sehr vom Teamgeist lebte und die individuellen Nachteile wettmachte.
Also sehen Sie Klinsmanns Unterfangen, auf die Champions League bezogen, als aussichtslos an.
Chancenlos sind wir nicht, wenn wir an einem Tag nahe den hundert Prozent agieren. Dann können wir auch große Teams ärgern. Deshalb ist Jürgen ja hier. Mir gefällt deshalb seine Idee, jeden Spieler jeden Tag ein bisschen besser zu machen. Und was wir von 2001 noch wissen, ist, wie wichtig der Zusammenhalt einer Mannschaft ist. Da wird Jürgen auch ganz stark ansetzen. Ein Andersson, Linke, Kuffour oder Zickler waren ja keine internationalen Superkracher. Aber sie alle zusammen hatten den richtigen Geist und wurden von Ottmar Hitzfeld sehr gut vorbereitet und eingestellt.
Klinsmann findet im Gegensatz zu Ihnen, viele Millionen mehr würden keinesfalls sportlichen Erfolg garantieren. Im Umkehrschluss heißt das, der FC Bayern könnte in Zukunft verlorenes Terrain in Europa aufholen.
Ich glaube, das Beste ist ein Mix aus Jürgens und meiner Philosophie. Um hohe Ziele zu erreichen, braucht es schon die Ribérys und Tonis - und die kosten Geld.
Warum haben Sie nicht bei Hleb oder Gattuso zugegriffen?
Am liebsten hätten wir diese zwei Spieler in diesem Jahr geholt. Es wäre nicht zu unserem Schaden gewesen, beide jetzt in unserem Kader zu haben. Aus unterschiedlichen Gründen hat es nicht geklappt. Wir müssen uns deshalb in Zukunft in Sachen Transfer sehr geschickt verhalten. Denn normalerweise ist es doch so, dass wir zwei Nachteile haben, wenn wir auf dem Spielermarkt mit Real Madrid, Barcelona oder Milan um denselben Spieler feilschen: Wir können weniger zahlen, und die Bundesliga ist bei den Spielern nicht so beliebt, obwohl wir hier die schönsten Stadien haben. Am Ende geht es um Geld und Standing.
Wie haben sich Ribéry und Toni geschäftlich niedergeschlagen?
Man kann solche Einkäufe nicht komplett über Merchandising refinanzieren. Was Real Madrid da mit Beckham erzählt hat, war doch ein schönes Märchen. Aber ich kann sagen, dass alleine diese beiden in der vergangenen Saison für fünfzig Prozent des Trikotverkaufs verantwortlich waren. Das ist für mich der Beweis, dass solche Leute nicht nur auf, sondern auch neben dem Platz wichtig sind für einen Klub von unserem Anspruch.
Bastian Schweinsteiger hat gerade behauptet, die Bayern könnten schon in dieser Saison wieder mit Klubs wie Manchester United und Chelsea mithalten. Da hat er sich ausgerechnet die zwei Champions-League-Finalisten ausgesucht.
Es wäre wunderbar, wenn Bastian Schweinsteiger mit der Flagge vorausläuft und seine Ankündigung in die Tat umsetzen könnte. Aber wir werden in dieser Saison allein schon in der Bundesliga anders gejagt werden. Ich rechne damit, dass gerade Schalke 04 uns mehr unter Druck setzen wird. Die haben ihre Ansprüche auf dem Transfermarkt unterstrichen. Schalke wird versuchen, an uns zu kratzen.
Was sind Ihre konkreten Ziele in Europa?
Wir wollen auf dem Niveau aufbauen, welches wir uns speziell in den vergangenen zehn Jahren erarbeitet haben. Wir müssen nicht jedes Jahr deutscher Meister werden, aber wir wollen jedes Jahr in die Champions League. Wir wollen kontinuierlich zu den Top Ten in Europa zählen. Ich sehe vor uns drei, vier Engländer, zwei, drei Italiener und zwei Spanier - an denen müssen wir uns messen. Finanziell wollen wir das Unternehmen FC Bayern weiter solide und seriös führen. Wir haben es in den letzten Jahren immer geschafft, profitabel zu wirtschaften. Im vergangenen Jahr war das ein Kraftakt, der alle Angestellten bis zur Obergrenze belastet hat. Im Juli 2007 sagten wir allen: So, jetzt ist das Geld ausgegeben, und wir haben 250 Arbeitstage, um an jedem im Schnitt eine Million einzunehmen, damit wir am Ende der Saison den Break-even-Punkt erreichen. Es ist uns gelungen, wir haben 286 Millionen Euro Umsatz gemacht und sind weiterhin profitabel. Aber eine Herausforderung sind ja heute für uns nicht nur die besten Klubs in Italien, Spanien oder England.
Sie sind im Uefa-Pokal-Halbfinale an St. Petersburg gescheitert.
Eine zweite Welle des großen Geldes rollt auf Europas Fußball zu - und die kommt aus Osteuropa. Ich habe damals beim Mittagessen von den Kollegen von St. Petersburg gehört, wie Gasprom als Sponsor alle Rechnungen übernimmt. Die zahlen alles - Mannschaft, neues Stadion. Wenn das Gespräch dann auf das Gehaltsniveau kommt, können die nur schmunzeln. Dieser blonde Timotschuk verdient dort umgerechnet viereinhalb Millionen Euro im Jahr, netto. In Russland zahlen Fußballer nur zehn Prozent Steuern, das ist eine Lex Putin. Dass ist die Wahrheit. Zum Druck aus dem Süden und Westen Europas kommt jetzt für uns noch der aus dem Osten. Als Präsident der europäischen Klubvereinigung sehe ich ja, was da für Leute auch aus Rumänien oder Bulgarien kommen. Wenn ich höre, was die auf ihrem Konto liegen haben, wird einem angst und bange.
Sie wollen deswegen aber nicht der Bundesliga die Zentralvermarktung bei den TV-Rechten aufkündigen und fortan selbst vielmehr hereinholen?
Ich war immer der Meinung, dass wir als Bayern zu wenig Geld bekommen. Daran hat sich nichts geändert. Der Wert des FC Bayern für alle ist enorm. Aber wir haben eine wunderbare Liga, deren Wettbewerb gut funktioniert und in der allen das finanzielle Überleben möglich ist. Negativ ist, dass die Topklubs der Bundesliga nicht mithalten können. Als Gegenleistung dafür, dass wir die Liga nicht im Regen stehen lassen, erwarte ich, dass wir in Zukunft fair behandelt werden und darüber sprechen, wie wir international wettbewerbsfähiger werden. Wir leben in der Liga eine extreme Solidarität, manchmal habe ich den Eindruck, da ist zu viel Bsirske und Verdi und zu wenig Winterkorn und VW.
Sie haben zuletzt auch Hilfe der Politik eingefordert. Warum soll der Fußball eine Sonderrolle erhalten?
Ich verlange ja nicht, dass Frau Merkel die Steuern senkt für Fußballprofis, auch wenn es diesbezüglich in anderen Ländern mehr Vorzüge gibt. In Spanien zahlen die Ausländer in den ersten fünf Jahren nur 25 Prozent Steuern, in England das Gleiche in den ersten drei Jahren. Aber ich verlange, dass deutsche Politiker uns hilfreich unterstützen, damit endlich das Wettmonopol fällt, uns bei der Bierwerbung nicht reingegrätscht und dem Kartellamt endlich Einhalt geboten wird. Die Fußballklubs leisten doch eine große gesellschaftliche Aufgabe. Wir als Bayern München haben in den vergangenen zehn Jahren 750 Millionen Euro Steuern gezahlt - da können uns jetzt nicht noch mehr Knüppel zwischen die Beine geworfen werden.
Das Gespräch führte Michael Ashelm.
Text: F.A.S.
Bildmaterial: AFP, AP, ddp