Eintracht Frankfurt

Purzelnde Pfunde und ein neuer Mann

Von Marc Heinrich

Künftig im Frankfurter Trikot im Einsatz: der bisherige Hoffenheimer Teber (vorne)

Künftig im Frankfurter Trikot im Einsatz: der bisherige Hoffenheimer Teber (vorne)

01. Juli 2009 Anderer Trainer, neue Sitten – aber alte Sorgen.Während die Eintracht in den vergangenen fünf Jahren bisweilen hinter Schloss und Riegel auf den für die Öffentlichkeit unzugänglichen Rasenplätzen an der Wintersporthalle übte, herrschte auch am Dienstagvormittag „Tag der offenen Tür“: Funkel-Nachfolger Michael Skibbe öffnete für die vielen Dutzend Kiebitze bei der Ballstunde das mannshohe Tor und ließ sie unmittelbar – nur durch Absperrgitter an der Seitenauslinie getrennt – am Geschehen teilhaben. Und so soll es auch bleiben, wenn die Frankfurter Fußballprofis Ende der nächsten Woche aus ihrem Trainingscamp in Österreich zurückkehren. Die Zeiten, dass sich die Anhänger am Zaun die Nase platt drückten, sind vorerst vorbei.

„Ich habe überhaupt nichts dagegen, wenn die Fans so nahe dran sind“, sagte der Dreiundvierzigjährige, der früher als Co-Trainer der Nationalmannschaft des Öfteren die Auswahlspieler im Verborgenen drillte. „Doch das entsprach den Vorstellungen von Rudi Völler“, sagte Skibbe beim Blick in die eigene Vergangenheit lachend, „meine Idee war das bestimmt nicht.“ Nun in Frankfurt, seiner mittlerweile dritten Chef-Station in der Bundesliga, sicherte sich Skibbe mit dem angekündigten Verzicht auf jede Form der andernorts in der Liga mittlerweile längst üblichen Geheimtrainings fürs Erste weitere Sympathiepunkte bei den Eintracht-Freunden.

Ab ins Zillertal

An diesem Mittwoch bricht die Mannschaft mit ihrem neuen Teambus, dessen Schlüssel am Dienstagmittag an Chauffeur Rainer Lorch überreicht wurden, ins Zillertal auf. Die Reisegruppe umfasst wegen des anhaltenden Verletzungspechs voraussichtlich 25 Mitglieder. Im letzten Moment kam mit dem 28 Jahre alten Selim Teber noch ein Mann mehr hinzu. Der ehemalige Hoffenheimer verständigte sich am Abend mit Eintracht-Vorstandschef Heribert Bruchhagen über ein Engagement bis 2011 bei den Hessen. Der defensive Mittelfeldakteur stand auch bereits bei Waldhof Mannheim, dem 1. FC Kaiserslautern, Austria Salzburg und dem türkischen Verein Denizlispor unter Vertrag. Er soll eine der Lücken schließen, die die abgewanderten Michael Fink und Junichi Inamoto hinterließen.

In der Heimat werden die Rekonvaleszenten Marcel Heller und Juvhel Tsoumou zurückbleiben. Heller steht wegen einer Dehnung von Innen- und Kreuzband „Minimum acht Wochen“ (Skibbe) nicht mehr zur Verfügung. Sein längerfristiger Ausfall verschärft die Not im Angriff, da ja auch Martin Fenin wegen einer Leistenoperation nur zuschauen kann. Tsoumou, das 18 Jahre alte Sturm-Talent, befindet sich wegen eines Eingriffs an der Kniescheibe noch in der Reha. Einen weiteren Rückschlag erlitt auch der ewige Patient Zlatan Bajramovic. Der Bosnier stieß beim Zweikampf mit Christoph Spycher aneinander und verließ humpelnd und mit einem dicken Eisverband um seinen rechten Knöchel das Feld.

„So, wie es jetzt ist, geht es nicht“

Skibbe berichtete darüber hinaus, dass dem Neunundzwanzigjährige auch während der Sommerpause anhaltende Schmerzen in seinem zigfach operierten Fuß zu schaffen gemacht hätten. „So, wie es jetzt ist, geht es nicht‘“, habe Bajramovic ihm bei einem ersten kurzen Gespräch unter vier Augen signalisiert. Die Situation mit dem Nationalspieler, der erst im März nach über einem Jahr Zwangspause sein Comeback gab, nannte Skibbe „problematisch“. Ob er den Trip in die Berge mitmachen kann, entscheidet sich kurzfristig. Ein Opfer des übertriebenen Ehrgeizes eines wiedergenesenen Kollegen wurde unterdessen Marcos Alvarez. Dem 17 Jahre alten Jungspund, im Frühjahr in der U23 groß rausgekommen, fuhr Abwehrabräumer Aleksandar Vasoski beim Kampf um die Kugel derart rüde in die Parade, dass der Teenager einen Bänderriss im Knöchel erlitt. „Ganz klar ein Foul“, bewertete Skibbe die Aktion, „doch es war keine Absicht.“

Ansonsten war Skibbe von den ersten Eindrücken seiner Leute angetan. Beim Passspiel gebe es noch „Potential nach oben“, doch das Niveau sei „schon sehr gut, wir fangen nicht bei Null an“. Sein Hauptaugenmerk liegt in den kommenden Wochen bis zum ersten Ernstfall, dem Pokalspiel gegen Offenbach Ende Juli, auf einem verbesserten Spielaufbau. Nach der Balleroberung möchte Skibbe künftig eine zügigere Verlagerung des Geschehens in die gegnerische Hälfte sehen, dafür benötige „gerade der erste Pass eine gewisse Schärfe und Präzision“. Doch dies sei der Mannschaft gut vermittelbar, meinte Skibbe, „weil wir viele gute Fußballer in unseren Reihen haben“.

Pulsuhren im Blick

Ein jeder aus dem Kader habe während der Sommerferien individuell an seiner Form gearbeitet, die exakten Aufzeichnungen der Pulsuhren werde er mit seinem Assistenten Eddy Boekamp und Fitnesstrainer Michael Farbacher nach der Ankunft in Österreich auswerten. „Doch auch so sieht man, dass alle gut dabei sind“, verbreitete Skibbe Optimismus, der bei den den um kurz vor zwölf Uhr um ihn herumstehenden Zaungäste auf zustimmendes Kopfnicken stieß. Zumal ein jeder „gut über die Waage gekommen ist“, wie der Fußballlehrer erläuterte: „Nicht einer war schwerer als beim letzten Test zwei Wochen vor Saisonende.“ Also auch Caio, der sich ehedem beim Heimaturlaub sechs Kilo Übergewicht anfutterte? „Auch er. Seine Werte lagen sogar ein paar hundert Gramm unter den Aufzeichnungen von Anfang Mai.“ Noch so eine Skibbe-Botschaft, die bei vielen Eintracht-Fans auf Wohlgefallen stoßen dürfte.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance / Pressefoto UL

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