Von Christian Eichler
22. Mai 2008 Der letzte Spurt der Saison ging nur über wenige Meter. Dann gab Cristiano Ronaldo auf. Die Kollegen stürmten vom Mittelkreis zu Edwin van der Sar, der den letzten Schuss eines aufregenden Finals pariert hatte: den Elfmeter von Nicolas Anelka, den vierzehnten des Elfmeterschießens. Ronaldo, sonst der Schnellste von allen, lief mit, kam nicht hinterher, blieb stehen. Mit dem Gesicht voran ließ er sich auf den regendurchtränkten Rasen fallen. Es war das letzte Refugium, das ihm vor den Augen eines Milliardenpublikums blieb für die private Verarbeitung seiner emotionalen Achterbahnfahrt.
Ich dachte, wir verlieren“, so hatte fünf Minuten zuvor die innere Stimme gesagt. Ich hatte gut gespielt, ein Tor gemacht, aber meinen Elfmeter verschossen. Es fühlte sich an wie der schlimmste Tag meines Lebens.“ Der aktuell beste Spieler der Welt hatte mit dem Kopfball zum 1:0, seinem 42. Tor im 50. Saisonspiel, mit seinen gefährlichen Spurts und Dribblings alle Kritiker widerlegt, die ihm vorgeworfen hatten, in großen Spielen zu versagen. Bis zum Elfmeterschießen jedenfalls.
Dieser Abend hatte viele eigene, leise Geschichten
Dann versuchte der Portugiese in all seiner expressiven Selbstsicherheit, Peter Cech, den neben Buffon besten Torwart der Welt, mit einer billigen Start-Stopp-Strategie im Anlauf zu verladen. Es ging schief, und Ronaldo durfte sich nun minutenlang auf die versammelte Häme der Fußballwelt vorbereiten, die einen, der nicht nur der Beste ist, sondern zeigt, dass er es auch weiß, nur allzu gern vom Sockel holt. Dann aber rutschte, beim Matchball für Chelsea, John Terry mit dem Standbein weg, so wurde es für ihn der schlimmste Tag. Für Ronaldo dagegen war es plötzlich der glücklichste meines Lebens“.
Am Abend eines großen Finals hat fast jeder seine eigene, erzählenswerte Geschichte – die dann im großen Gefühlstheater von Klub und Kollektiv, Medienrummel und Massenspektakel aber oft untergeht. Geschichten wie die von Edwin van der Sar, der schon vor 13 Jahren mit Ajax Amsterdam den Titel gewonnen hatte – der letzte Sieger vor dem epochalen Einschnitt des Bosman-Urteils, das die Champions League von einem Fußball- zu einem Finanzwettbewerb, vom Talentvergleich unter Klubs zum Budgetvergleich von Großunternehmen gemacht hat.
Browns perfekte Flanke, Giggs Rekord
Geschichten wie die von Paul Scholes, der beim Finalsieg gegen Bayern München 1999 gesperrt gefehlt hatte – und der nun, mit blutiger Nase, endlich den Pokal hochhalten durfte. Wie die von Wes Brown, einem der stillen Helden typischer United-Prägung – erst 28, zehn Jahre Profi bei demselben Klub, unter Vertrag für weitere fünf; einer, der von der Masse übersehen wird, der nun aber seinen Wert auch dem größten Laien mit seiner perfekten Flanke zu Ronaldos 1:0 zeigen konnte.
Wie die von Ryan Giggs, der mit dem 759. Einsatz neuer Klub-Rekordspieler wurde, aber nicht ans Aufhören denkt: Ich will noch mehr solcher Abende erleben.“ Und natürlich die Geschichte der Busby Babes“, der großen jungen United-Elf, die 1958 in München abgestürzt war. Dass man das, was die Babes nicht erreichen konnten, fünfzig Jahre später vollendet hat, nannte Trainer Alex Ferguson Schicksal“. Auf die Verpflichtung gegenüber den toten Vorgängern hatte er sein Team eingeschworen. Wir hatten diesen Antrieb, und das war ein Vorteil“, fand Ferguson.
Ronaldo will in Manchester bleiben
Andere konnten ihren Glauben, vielleicht auch Aberglauben aus einem anderen Datum der Vergangenheit beziehen. Als erst Drogba den Pfosten traf, dann Lampard die Latte, da dachte man unwillkürlich an 1999, an die Bayern, an den Pfostenschuss von Scholl, den Lattentreffer von Jancker – wie damals schien auch diesmal nichts schiefgehen zu können für Fergusons Fußballglück. Und dann, in jenem Augenblick, der dieses Gefühl als Illusion zu entlarven schien, im zehnten Elfmeter des finalen Nervenspiels, traf tatsächlich auch noch Terry den Pfosten.
Wäre er nicht ausgerutscht, es wäre vorbei gewesen“, sagte van der Sar. Es sind kleine Dinge, die das Leben ändern können.“ Und die Lebensplanung. Letzte Woche noch hatte Cristiano Ronaldo öffentlich mit einem Wechsel zu Real Madrid geliebäugelt. Nun sagte er: Ich bleibe. Wie könnte ich jetzt gehen?“
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, REUTERS
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