Bundesliga-Kommentar

Rabenschwarz und segensreich

Von Roland Zorn

16. März 2008 War das wirklich Bayern München? Oder wurden die Fußballstars Luca Toni, Franck Ribéry, Miroslav Klose und Lucio nur schlecht gedoubelt? Sie waren es und waren es auch nicht, denn die meisten Profis des Bundesliga-Tabellenführers erkannten sich am Samstag selbst kaum wieder. 0:2 beim bis dahin Tabellenletzten Energie Cottbus verloren, das war, man kann es ausnahmsweise so sagen, die Sensation des 24. Spieltages – vor allem, weil niemand an diesem Ergebnis herumdeuteln konnte. Die Münchner waren am Samstag so schlecht wie noch nie in dieser von ihnen sonst dominierten Saison.

Wie konnte das passieren? Spätestens bei dieser Frage darf an die Alarmglocken erinnert werden, die während der Woche beim Meisterkandidaten auf taube Ohren gestoßen waren. Eine 1:2-Heimniederlage im Uefa-Pokal gegen den RSC Anderlecht – na und, sagte sich so mancher Münchner nach dem 5:0-Triumph im Achtelfinal-Hinspiel. Klarer Fall von Unterschätzung des Gegners also, und doch hatte die Mannschaft danach nichts verstanden.

„Solange wir einzuholen sind, gibt es nur volle Pulle“

Abgehakt, und weiter geht’s in Richtung Cottbus, zu den bemitleidenswerten armen Verwandten in der Lausitz. Einer fuhr nicht mit: Martin Demichelis, der Innenverteidiger, der nicht im defensiven Mittelfeld spielen wollte und deshalb von Trainer Ottmar Hitzfeld suspendiert wurde. Der Argentinier auf dem Ego-Trip fehlte also bei der Dienstreise nach Cottbus. Doch vermutlich wäre auch er inmitten der bayerischen Frühjahrsmüdigkeit und behäbigen Selbstgefälligkeit ein paar Schritte weniger als sonst gelaufen.

So kam es, wie es Manager Uli Hoeneß schon vor dem Anpfiff ahnungsvoll zu Protokoll gab: „Es ist eine große Gefahr, dass sich die Mannschaft jetzt die Tabelle anschaut. Solange wir noch einzuholen sind, gibt es nur volle Pulle.“ Tatsächlich war zehn Jahre nach Trapattonis Wutrede „Flasche leer“ bei den Bayern, die mit dem Komfortvorsprung von sieben Punkten saturiert gen Cottbus aufgebrochen waren.

Bis zum nächsten Mal im verrückten Fußball-Theater

Für die Münchner war am Samstag mehr als ärgerlich, was ihnen bei Energie – diesmal passte der Name – widerfahren war. Für die Liga aber sind die rabenschwarzen Tage der Überflieger aus Gewohnheit ein Segen. Wenn alles nach Programm verliefe, wo bliebe dann eines Tages das Zuschauerinteresse, das in keiner Fußball-Klasse weltweit so rege ist wie in der Bundesliga. Mindestens einmal pro Jahr, wenn nicht gar häufiger, müssen auch die Bayern wie in Spanien zuletzt auch die Fußballriesen von Real Madrid oder dem FC Barcelona zum Gespött der Leute werden, soll sich der Spaß am Spiel auch mit der im Fußball immer wieder gern erlebten Schadenfreude verbinden.

Ribéry mal nicht überirdisch, Toni mal auf Stolperkurs, Klose mal (wieder) irgendwo im Abseits und Lucio mal wie die Karikatur eines Abwehrspielers: auch das gehört zum circensischen Massenspektakel. Die Bayern wollen und können immer noch das „Triple“ – Meisterschaft, DFB-Pokal, Uefa-Cup – gewinnen, und deshalb dürfte in dieser Woche die Normalität nach München zurückkehren. Dann werden die Bayern-Doubles ausgedient haben. Bis zum nächsten Mal in diesem verrückten Fußball-Theater.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: REUTERS

 

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