06. November 2009 Reinaldo Coddou H., bis zu seinem Ausstieg bei 11 Freunde Gründungsherausgeber des Magazins für Fußballkultur, fotografiert seit elf Jahren Fußballstadien mit einer ganz eigenen Herangehensweise. Coddou sucht sich seinen Standpunkt meist in der Fankurve der Heimmannschaft und fotografiert mit einer eigenen Technik mit einem Panorama-Blick von rund 120 Grad. In dem Buch Fußballtempel, das in der Edition Panorama erschienen ist, hat der Fotograf nun alle Bilder vereint, die er von deutschen Stadien geschossen hat. Die Bilder sind ursprünglich als Stadion-Poster in den 11 Freunden erschienen.
Im Interview spricht Coddou über sein Lieblingsbild, alte und neue Stadien. Zudem stellt er einige seiner Aufnahmen zur Verfügung, die allerdings erst großformatig im Buch ihre volle Wirkung entfalten - oder aber auf Coddous Seite www.fussballtempel.com.
Was ist so faszinierend an einem Stadion, dass Sie sich bei Ihren Fotografien für den Panoramablick statt für Torschuss oder Zweikampf entscheiden?
Sportstätten haben mich schon immer magisch angezogen. Besonders natürlich Fußballstadien, aber auch Hallen oder Baseballstadien, die durch ihre dreieckige Grundfläche besonders sind. Mich faszinieren sogar leere Sportstätten, weil sie mir die Möglichkeit bieten, in meiner Fantasie vergangene Spiele wiederauferstehen zu lassen. Ich stand beispielsweise im leeren Maracanã in Rio de Janeiro und habe versucht, mir das entscheidende WM-Spiel von 1950 zwischen Brasilien und dem späteren Weltmeister Uruguay vorzustellen.
Im Buch stellen Sie keine leeren Stadien zur Schau, sondern haben immer Zuschauer und auch ein Spiel im Bild. Sind Ihnen belebte Stadien also schon lieber als leere Betonschüsseln?
Der Betrachter soll bei meinen Bildern das Gefühl haben, dass er im Stadion steht. Ich stehe ja grundsätzlich in der Kurve des Heimmannschaft. Und da ich meist bei einem Spiel von größerer Bedeutung war, ist eine atmosphärische Dichte da. Die Wunschvorstellung ist natürlich, dass ich dem Fan in der Kurve mit dem Bild die Möglichkeit bieten will, sich an den Moment erinnern zu können, in dem das Bild entstand.
Man sieht nur selten Torjubel auf Ihren Bildern. Meiden Sie diese Momente?
Es spielen ja viele Faktoren mit. Ich suche mir meinen Standpunkt, dann warte ich auf das bestmögliche Licht. Und dann muss sich schon etwas im Vordergrund abspielen, ein Zweikampf in Eckfahnennähe beispielsweise. Wenn dann auch noch gejubelt wird, xist das schön, aber viel Glück.
Welches ist Ihr Lieblingsbild?
Eine der ältesten Aufnahmen ist bis heute mein Favorit. In der Saison 1998/99 habe ich den alten Gladbacher Bökelberg fotografiert. Das Bild vereint alles, was das Herz eines Fußballromantikers höherschlagen lässt. Das gilt selbst für mich, der ich kein Gladbach-Fan bin und deshalb habe ich das Bild auch in Großausdruck in meinem Wohnzimmer hängen. Der Bökelberg war eines der schönsten Stadien, die es je gab mit seinen drei Stehtribünen. Dann entstand das Foto auch noch beim Klassiker Mönchengladbach gegen Bayern, auf dem Bild erkennt man Spieler wie Kahn, Elber, Pettersson. Dazu brennt das Flutlicht und es liegt Nebel von Rauchkerzen über dem Feld. Ein Traum.
Im Kontrast dazu haben Sie ja auch das neue Mönchengladbacher Stadion fotografiert.
Ja, das ist das Schöne an dem Buch: Man schlägt die Seite weiter und ist plötzlich in dieser schönen, neuen Fußballwelt des Komforts. Das neue Gladbach-Stadion habe ich beim Derby gegen Köln fotografiert. Da ist auch Stimmung, aber was ist authentischer? Für mich eindeutig das alte Stadion, das ist in Hamburg, München und an allen anderen Standorten mit Neubauten genauso. Das Rad hat sich aber eben weitergedreht, der Kunde erwartet eben etwas anderes als der Fan.
Ihr Buch ist damit auch eine Geschichte des Wandels in der Stadionlandschaft geworden. War das absehbar, als Sie mit Ihrer Fotoarbeit anfingen?
Nein, als ich 1998 anfing, gab es noch keinen Zuschlag für die Weltmeisterschaft 2006. Da war noch lange nicht zu erwarten, dass bald neu gebaut wird. Das sieht man beispielsweise auch bei einem Foto des Niedersachsenstadions sehr gut. Die haben da noch groß umgebaut und wenig später wurde das abgerissen.
Weinen Sie den guten alten Stadien hinterher?
Ganz sicher. Und ich bin froh, dass ich rechtzeitig anfing, um die meisten noch ins Bild setzen zu können. Da kann mir ja keiner mehr nacheifern! Die alten Stadien waren viel interessanter. Die modernen Stadien sind hingegen austauschbar. Die kann der Fan, der einmal bei einer Auswärtsfahrt da war, kaum voneinander unterscheiden. Da sieht ein Bauwerk aus wie das andere. Die alten Stadien, die es noch gibt, sind hingegen immer wieder ein Hingucker.
Ihr Rausschmeißer, das Westsachsenstadion in Zwickau, hat da einen ganz besonderen Charme …
Das ist total abgefahren. Das Stadion liegt in der Ruine einer früheren Radrennbahn. Darüber sind Stahlrohrtribünen errichtet. Das macht alles einen sehr notdürftigen Eindruck, aber der Verein hat eben auch keine große Perspektive. Dafür hat das Stadion durch den benachbarten Turm ein eigenes Gesicht, das jeder direkt erkennt.
Das Gespräch führte Daniel Meuren.
Buchtitel: Fußballtempel
Buchautor: Reinaldo Coddou H.
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: Reinaldo Coddou H.