Männersport

Ich bin Fußballer. Ich kann nicht schwul sein

Von Michael Wittershagen

Homosexueller Präsident Corny Littmann: davor gewarnt, sich zu outen

Homosexueller Präsident Corny Littmann: davor gewarnt, sich zu outen

18. Februar 2008 Er hat damals gegen Bernd Schneider, Thomas Linke und Frank Rost gespielt. Marcus Urban war ein hoffnungsvolles Talent des Fußballs in der DDR, in den achtziger Jahren war er Jugendnationalspieler und hat in der Junioren-Oberliga gespielt. Vielleicht hätte er den Sprung ins Profigeschäft geschafft, aber darüber lässt sich nur spekulieren.

Marcus Urban ist homosexuell - und vor allem an seiner Neigung gescheitert. „Ich musste Unmengen an Energie aufbringen, um meine Homosexualität zu überdecken. Es ging immer nur um Selbstkontrolle, und das hat jene Kraft gekostet, die mir dann auf dem Platz gefehlt hat.“ Mit 23 Jahren hat Urban seine Karriere als Fußballspieler beendet. Weil er den Druck nicht mehr ausgehalten hat.

„Fußball ist eben archaisch“

Fußball ist eines der letzten heterosexuellen Milieus. Selbst Theo Zwanziger, der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), kann das mitunter nicht glauben. Gegenüber der Zeitschrift „L-Mag - Magazin für Lesben“ erklärte er Ende Dezember: „Sicherlich wäre es wünschenswert, dass jemand mal den Mut hätte, es zu sagen.“ Warum das bisher kein deutscher Fußballspieler gemacht hat, formuliert Nationalspieler Philipp Lahm, der im Dezember auch mit dem Schwulen-Magazin „Front“ über dieses Thema sprach, so: „Vielleicht gibt es ja keinen, und wenn doch, dann fürchtet er wohl die Konsequenzen. Fußball ist eben archaisch.“

Diverse Studien legen nahe, dass vier bis sechs Prozent der Männer schwul seien. Diese Zahlen werden sich im Sport nicht sonderlich von der Politik, der Kultur oder anderen Berufen unterscheiden. Aber im deutschen Profifußball hält die Mauer des Schweigens dicht. Niemand, der sagt: Ich bin schwul, und das ist auch gut so. Klaus Wowereit, der Regierende Bürgermeister Berlins, hat das im Juni 2001 während eines Parteitages der Berliner SPD mit diesen Worten gemacht und viel Zustimmung dafür erhalten. Auch Moderatorinnen, Schauspieler oder Modeschöpfer haben sich in den letzten Jahren zu ihrer Homosexualität bekannt. Ganz offensichtlich aber ist der Fußball in dieser Beziehung kein Spiegel der gesellschaftlichen Entwicklung.

Selbst Corny Littmann warnt vorm Outing

Das ist auch Zwanziger bewusst, und er versichert deshalb, dass er persönlich, aber auch der DFB jede lesbische Spielerin und jeden schwulen Spieler unterstützen würde. Er verweist auf die DFB-Satzung, in der verankert sei, dass sich der Verband gegen jede Art von Diskriminierung einsetze. Er werde das Thema Homophobie im Fußball auch künftig ansprechen und verbindet damit und mit der zunehmenden gesellschaftlichen Reife auch in dieser Frage konkrete Hoffnungen: „Ich glaube, irgendwann wird sich ein Fußballspieler auch in Deutschland melden und sagen: Ja, ich bin homosexuell.“ Nur von St. Paulis Präsidenten Corny Littmann weiß man dies bislang, aber auch er hat immer wieder davor gewarnt, sich zu outen.

Es ist etwa zehn Jahre her, dass Lothar Matthäus meinte, ein Schwuler könne nicht Fußball spielen. Und vor rund drei Jahren sagte der frühere Trainer der österreichischen Nationalmannschaft Otto Baric gegenüber der Schweizer Zeitung „Blick“: „Meine Spieler müssen echte Kerle sein. Also können Homosexuelle bei mir nicht spielen, höchstens gegen mich.“ Mit Fußballspielern werden stets bestimmte Rollen assoziiert. Sie werden als stark und besonders männlich angesehen - und genau dies wird Homosexuellen zumeist abgesprochen.

Teurer Schmuck, schnelle Autos und schöne Frauen

Einige können sich nicht vorstellen, dass schwule Fußballspieler vernünftig kämpfen und rennen können. Selbst der Bremer Torwart Tim Wiese wurde vor einiger Zeit mit diesen Vorurteilen und Schmährufen von den Tribünen aus konfrontiert, als er in einem rosafarbenen Trikot aufgelaufen ist, das er deshalb schon bald wieder in der Kabine gelassen hat.

Fußball ist eben immer noch auch eine Bastion von Machos, von Männlichkeitssymbolen wie teurem Schmuck, schnellen Autos oder schönen Frauen. Urban hat in diesen Dingen nie mitdiskutiert, ihn hat das einfach nicht interessiert. „Ich habe mich versteckt. Und ich habe damals für mich einen Satz gehabt, und der war für mich Fakt: Ich bin Fußballer, also kann ich nicht schwul sein. Daran habe ich mich festgehalten.“

Justin Fashanu erhängte sich in der Garage

Vor einem Vierteljahr kamen im Berliner Olympiastadion Vertreter des DFB, von Vereinen und Verbänden zum „1. Aktionsabend gegen Homophobie im deutschen Fußball“ zusammen. Alle Vereine aus den Bundesligen und den Regionalligen waren eingeladen, aber nur wenige waren tatsächlich vertreten. Aus dem deutschen Profifußball unterzeichneten nur Werder Bremen, Hertha BSC Berlin, Energie Cottbus und Carl-Zeiss Jena die sogenannte „Erklärung gegen Diskriminierung im Fußball“.

Obwohl der DFB-Präsident in den vergangenen Wochen immer wieder versucht hat, das Thema auf die sportpolitische Tagesordnung zu setzen, ist es dort noch nicht richtig angekommen. Zwanziger sagt: „Ich bin Realist. Als solcher weiß ich, dass es nicht möglich sein wird, die Welt von heute auf morgen auf den Kopf zu stellen.“

Hoffnung auf Bewusstseinsveränderung

Die englische Football Association ist schon einen Schritt weiter. So ist in der Satzung seit 2001 verankert, dass der Verband gegen Diskriminierung wegen sexueller Orientierung vorgeht. Auch eine Broschüre gegen Homophobie im Fußball wurde veröffentlicht und solche, die Anfeindungen gegen Homosexuelle in den Stadien brüllen, erhielten wiederholt Stadionverbote. Im August 2006 wurden zwei Anhänger von Norwich City wegen homophober Ausbrüche zu einem Jahr auf Bewährung verurteilt, weil sie die gegnerische Mannschaft als „Queers“ beschimpft hatten.

Das Thema hat in England Vergangenheit: Der einzige Fußballprofi, der sich bislang öffentlich zu seiner Homosexualität bekannt hat, war der Engländer Justin Fashanu, der unter anderem für Nottingham Forest in der Premier League spielte. „I am gay“ titelte im Oktober 1990 die britische Boulevardzeitung „The Sun“. Fashanu soll für sein Geständnis 80.000 Pfund erhalten haben. Acht Jahre später erhängte er sich in einer Garage. Zuvor soll er Geschlechtsverkehr mit einem Siebzehnjährigen gehabt haben; Fashanu wurde verhört, aber nicht festgenommen. Später wurden die Untersuchungen mangels Beweisen eingestellt, was aber erst nach dem Tod von Fashanu bekannt wurde.

„Man ist innerlich total zerrissen“

Marcus Urban lebt inzwischen mit sich und seiner Welt im Einklang. Seine Zeit als homosexueller Fußballspieler hat er verarbeitet, auch weil er viel darüber spricht, die ganzen Jahre noch einmal in Gedanken durchspult. Noch vor der Europameisterschaft soll eine Biographie über ihn erscheinen. Er weiß nicht, ob in Österreich und der Schweiz homosexuelle Spieler gegen den Ball treten werden, aber er ist sich sicher, dass es welche gibt in der Ersten und Zweiten Bundesliga.

Er kann sich vorstellen, was in ihnen vorgehen muss: „Man ist innerlich total zerrissen. Man will etwas erreichen, aber man kann es nicht mit seiner ganzen Persönlichkeit machen. In einem wichtigen Teil muss man immer die Bremse anziehen.“ Die Hoffnung auf eine Bewusstseinsveränderung im deutschen Fußball hat Marcus Urban noch nicht aufgegeben: „Die Spieler haben sich verändert“, sagt er. „Heute sind wirklich intelligentere Köpfe dabei als noch vor Jahren.“

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 17.02.2008, Nr. 7 / Seite 17
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