Start in die EM-Vorbereitung

Knochenarbeit auf der Urlaubsinsel

Von Roland Zorn, Frankfurt/Palma de Mallorca

19. Mai 2008 Endlich Urlaub! In einem Frankfurter Hotel traf sich am Montagmorgen eine entspannte Gruppe junger Leute im klassischen Freizeit-Outfit: Designer-Jeans, große Sonnenbrillen, sportive Lederjacken oder verwegen gemusterte Hemden mit Verweisen auf ferne Ziele wie Los Angeles. Später stießen noch Freundinnen, Frauen und Kinder zu dem munteren Trupp, der um 14.45 Uhr vom Rhein-Main-Flughafen aus nach Palma de Mallorca startete.

Endlich Urlaub? Der 19 Jahre alte Marko Marin hatte so seine Zweifel. Auf die Frage, was ihn auf der Lieblingsferieninsel der Deutschen erwarte, antwortete er mit einer Vermutung: „Wahrscheinlich werden wir dort trainieren.“ Richtig. Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft, die samt Tross am Montagnachmittag auf der größten Insel der Balearen landete, ist nicht nur zum Vergnügen dort.

„Warum sollen wir mit dem Zweitbesten zufrieden sein“

Ausspannen vom Liga-Stress sollen die zunächst 24 von 26 berufenen Profis – Kapitän Michael Ballack und Christoph Metzelder kommen im Laufe der Woche nach – zwar auch, aber dann doch bitte schön aktiv. Zweimal am Tag bittet Bundestrainer Joachim Löw schon an den ersten drei Tagen zum Training, bevor es am Freitag richtig ernst wird mit dem Üben für die Europameisterschaft in Österreich und der Schweiz.

Die beginnt für die deutsche Mannschaft am 8. Juni in Klagenfurt mit der Partie gegen Polen und soll für das Aufgebot in Schwarz-Rot-Gold erst am Abend des 29. Juni, wenn in Wien das Finale auf dem Programm steht, zu Ende sein. Löw mag Wien, und deshalb formulierte er am Montag den wegweisenden Satz: „Warum sollen wir mit dem Zweitbesten zufrieden sein, wenn das Beste möglich ist?“

Löws Lotterie - aus 26 mach 23

So hören sich kommende Europameister an, sollten Herzenswünsche Wirklichkeit werden. Der Weg zum Finale aber ist für Löws Aufgebot noch sehr lang. Fürs Erste waren am Montag in Frankfurt eher banale Dinge zu erledigen: die uniforme Einkleidung, ein gemeinsames Mittagessen, eine Schreibstunde für die Autogrammsammler und eine Blutentnahme durch die Mediziner des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). Die erste Ansprache des Bundestrainers mit klarer Zielvorgabe folgte erst auf Mallorca, das sich von Dienstag an von seiner sonnigen Seite zeigen soll.

Dort gilt ab sofort auch das Motto: aus 26 mach 23. Löw hat sich dafür entschieden, einen numerisch größeren Kader mitzunehmen als nach Nominierungsschluss am 28. Mai gestattet. Drei Kandidaten müssen also noch gestrichen werden – eine überaus undankbare Aufgabe, der sich der Bundestrainer indes professionell stellt: „Wer spielt, wer spielt nicht – ein Trainer steht immer vor Entscheidungssituationen.“ Seine Spieler lebten Tag für Tag in einer „Leistungsgesellschaft“, und auch diejenigen, die es diesmal nicht ganz packten, hätten eine „Perspektive für die Zeit nach der EM“.

Marin kennt bislang „nur den Olli und den Marcell“

Von solchen Perspektiven aber will derzeit niemand aus Löws Reisegruppe etwas wissen. Dennoch waren die Zahlen 23 und 3 am Montag in aller Munde, als die Profis in Frankfurt zwischen neun und elf Uhr eintrudelten. So will Rookie Marin, ein Dribbler wie einst Pierre Littbarski oder Thomas Häßler, wie andere Wackelkandidaten – etwa David Odonkor, Piotr Trochowski, Patrick Helmes oder Jermaine Jones – dem Bundestrainer zeigen, dass er der Richtige für ein großes Turnier ist und somit in den 23er-Kader gehört. Aus den höchsten Spielerkreisen im DFB kannte der in Frankfurt-Höchst aufgewachsene Mönchengladbacher Mittelfeldspieler bis zum Montag nur den „Olli (Oliver Neuville) und den Marcell (Jansen)“, Mitstreiter von heute und gestern bei der Borussia.

Nun aber soll ganz Deutschland eines der größten Talente im Umgang mit dem Ball kennenlernen. Der Jüngste im Aufgebot wäre gern mit Freundin nach Mallorca geflogen, doch die musste passen, „denn sie geht ja noch zur Schule“. Einem Frankfurter aus Gelsenkirchen ist ebenso bewusst, dass er unter den drei Spielern sein könnte, für die das Turnier schon vor seiner Ouvertüre beendet sein könnte. Nichts da, sagt sich Jermaine Jones, der Schalker Kämpfer im defensiven Mittelfeld, „ich werde Gas geben und es den Trainern so schwer wir möglich machen. Ich will auf keinen Fall nach Hause fahren.“

Jones’ Schalker Mannschaftskamerad Kevin Kuranyi weiß, wie bitter es ist, kurz vor dem Ziel in den Urlaub abbiegen zu müssen. Der Angreifer, der die Weltmeisterschaft 2006 knapp verfehlte, ist diesmal gesetzt. Kuranyi weiß aber auch, was in den nächsten Tagen auf Mallorca los sein wird: „Jeder will alles geben, um nicht rauszufliegen. Deswegen wird das Training richtig gut werden.“ Urlaub auf Mallorca? Den deutschen Nationalspielern steht Knochenarbeit auf den Balearen bevor.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, ddp, dpa, reuters

 
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