10. März 2008 FRANKFURT. Vor gut zwei Wochen, Werder Bremen hatte nach einem hektischen Spiel 0:1 bei der Frankfurter Eintracht verloren, waren es die Bremer, die über die aus ihrer Sicht geringe Nachspielzeit von zwei Minuten klagten. Schiedsrichter Fleischer hatte trotz mehrerer Unterbrechungen, unter anderem durch einen Platzverweis für Diego, nur zwei Minuten nachspielen lassen. Am Samstag nun waren die Frankfurter sauer. Da hätten sie gerne mehr Zeit bekommen, um doch noch den Siegtreffer im Heimspiel gegen den VfL Bochum zu erzielen. Vier Auswechslungen in der zweiten Halbzeit, dazu zwei längere Unterbrechungen wegen Behandlungen verletzter Spieler auf dem Spielfeld - unter anderem bei Sotirios Kyrgiakos, der sich einen ihn nun Wochen zur Untätigkeit verdammenden Nasenbeintrümmerbruch zugezogen hatte - hätten Anlass zu einer längeren Nachspielzeit gegeben. Dennoch ließ Schiedsrichter Felix Brych nur eine Minute nachspielen. Nun ist die eher defensive Einstellung der Schiedsrichter in Bezug auf die Nachspielzeit kein spezielles Frankfurter Problem. Es betrifft die gesamte Bundesliga. Ganz anders wird damit auf internationaler Ebene umgegangen. Vier, fünf, sechs, gar sieben Minuten Nachspielzeit sind in England, Spanien oder Italien an der Tagesordnung. Und auch in der Champions League werden die Spiele in aller Regel deutlich über die angesetzten neunzig Minuten hinaus verlängert - erstaunlicherweise auch von deutschen Schiedsrichtern.
Die Schiedsrichter-Vertreter des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) bestätigen diesen Unterschied zwischen der Bundesliga und dem Rest der Fußball-Welt. "International wird wirklich länger nachgespielt", sagte Eugen Strigel, Schiedsrichter-Lehrwart des DFB. Aber warum ist das so? Die Argumentation fällt den Unparteiischen nicht leicht. Es sind wohl die schlechten Erfahrungen in der Nachspielzeit, die abschrecken. Ein Tor in der 94. oder 95. Minute führe bei den Fans in den Stadien und den Beteiligten nach dem Spiel noch zu viel heftigeren Diskussionen als das relativ pünktliche Abpfeifen, sagt auch Strigel. Eine logische Erklärung ist das nicht. Denn es gibt neben dem Ermessensspielraum des Schiedsrichters, der in diesem Fall besonders groß ist, auch ganz klare Vorschriften. Zum Thema Nachspielzeit steht im Regelwerk: "Jede verlorengegangene Zeit durch Auswechslungen, Verletzungen von Spielern, Transport verletzter Spieler vom Spielfeld, Zeitvergeudung oder jeden anderen Grund muss nachgespielt werden." Eugen Strigel nennt eine Faustregel für die Schiedsrichter: "Verlorengegangene Zeit muss nachgespielt werden, vergeudete Zeit kann nachgespielt werden." Zu verlorengegangener Zeit gehören die Unterbrechungen wegen Verletzungen, die sogenannte vergeudete Zeit bezieht sich auf das mögliche absichtliche Zeitspiel der Mannschaften.
Nicht selten ist es also eine Art Selbstschutz des Schiedsrichters, der im Zweifel zum frühen Abpfeifen verleitet. Eine Einstellung, die Spieler wie Trainer nicht nachvollziehen können. "Wenn es so viele Unterbrechungen und Pausen gibt wie bei unserem Spiel gegen Bochum, sollte man dem auch Rechnung tragen und die Zeit nachspielen", fordert Eintracht- Trainer Friedhelm Funkel. Dies könnten durchaus - wie international üblich - auch mal mehr als fünf Minuten sein. Nach dem Bochum-Spiel am Wochenende sagte auch Schiedsrichterbeobachter Lutz Michael Fröhlich, die Nachspielzeit sei zu kurz ausgefallen. Das Argument, die Unruhe in den Stadien steige durch lange Nachspielzeiten, kann Funkel nicht nachvollziehen. Zum einen würde die Nachspielzeit ja für jeden ersichtlich vom vierten Schiedsrichter auf einer Tafel angezeigt. Zum anderen sieht Funkel auch einen Gewöhnungseffekt: "International redet keiner mehr über die Nachspielzeit, die gehört einfach zum Spiel dazu."
Text: F.A.Z., 11.03.2008, Nr. 60 / Seite 62