Von Frank Heike, Hamburg
26. April 2008 Um 14.22 Uhr läutet der Verkäufer im Eiswagen seine Glocke. Rasch bildet sich eine Schlange. Wenig später schlendern die Profis des Hamburger SV auf den Trainingsplatz. Rafael van der Vaart führt die Gruppe an, neben ihm geht Joris Mathijsen. Sie reden, lachen, scherzen. Es ist ein herrlicher Frühlingstag, und 250 Fans nutzen freie Zeit und Sonne, um ein bisschen HSV zu gucken (und Eis zu essen).
Die Laune ist bestens bei van der Vaart und dem ganzen HSV. Samt Anhang. Liegt wohl am Wetter. An der Tabelle eher nicht. Es war eine richtig tolle Trainingswoche, wird van der Vaart nach der intensiven Einheit am Donnerstagnachmittag sagen. Sogar eine Runde Kartfahren gehörte dazu. Abwechslung, Ablenkung vor dem ersten Champions-League-Endspiel am Samstag gegen den FC Schalke 04. Zwei Tage davor wird vor allem Fußball gespielt. Auf dem Rasen, der viel besser aussieht als der nebenan in der sonnenentwöhnten Arena, gewinnt die Stammelf durch ein Tor von uerrero 1:0 gegen die Reservisten.
Sein letztes Ligator fühlt sich sehr lange her an - es war Anfang Februar
Eine dreiviertel Stunde lang passiert wenig, es ist ein bissiges Gerenne, von van der Vaart ist kaum etwas zu sehen. Aber die Kollegen suchen ihn, und dann kommt eine Szene, die seinen Wert für den HSV exemplarisch zeigt: Van der Vaart steht in Höhe der Mittellinie mit dem Rücken zum Tor. Sein Instinkt sagt ihm wohl, dass der gegnerische Torwart vor seinem Kasten steht. Van der Vaart bekommt den Ball, dreht sich und hebt die Kugel aus fünfzig Metern Richtung Tor. Der Ball fliegt knapp drüber.
Sein letztes Liga-Tor hat Rafael van der Vaart am 9. Februar erzielt, beim 1:1 in Leverkusen. Die Formkurve zeigt seit Wochen steil nach unten. Und doch gibt es beim HSV neben der Trainerfrage nur ein Thema: Was macht van der Vaart? Wenn ein europäischer Topverein kommt, will ich gerne wechseln. Kommt keiner, bleibe ich gern hier. So einfach ist das, sagt van der Vaart. Seine Weltsicht ist nun mal einfach.
Van der Vaarts Formtief hat auch mit Trainer Stevens zu tun
Die Wogen haben sich geglättet, seit sich van der Vaart im letzten Sommer kurz vor Ende der Wechselperiode im Trikot des FC Valencia ablichten ließ, seines damaligen Traumvereins. Es war die große Geschichte des Saisonbeginns, doch weil van der Vaart seinen Fehler eingestand und eine Vorrunde der Extraklasse spielte, sind seine Verfehlungen vergeben, vergessen. Der HSV weiß ja, was er an seinem Vorzeigeprofi und dessen Frau hat: Schlagzeilen, Glamour und vor allem einen Fußballer, der zu den besten der Liga gehört.
Das Formtief hat viel mit Trainer Huub Stevens zu tun. In der ersten Saisonhälfte schoss van der Vaart als einsamer Stürmer im defensiven Stevens-System neun Tore. Inzwischen haben sich die Gegner darauf eingestellt, und van der Vaart durchlebt zusätzlich ein Tief: Er wirkt müde, gereizt, frustriert. Es läuft nicht. Öffentlich diskutieren will er seine Rolle als Stürmer nicht. Aber man muss ihn nur ansehen, wenn im Spiel wieder ein hoher Ball nach vorn rauscht und er vergebens versucht, ihn zu erkämpfen: Er schüttelt den Kopf, verdreht die Augen. Van der Vaart gehört ins offensive Mittelfeld. Die Mannschaft lechzt nach seinen Ideen. Aber die Erlösung dürfte es erst geben, wenn Stevens weg ist.
Kein Gerede von Chancen und Weiterentwicklung - van der Vaart geht es ums Geld
Und van der Vaart? Der 25 Jahre alte Niederländer hat einen Vertrag bis 2009. Die letzte Chance, viel Geld für ihn zu bekommen, wäre in diesem Sommer, weil die Ablösesumme für das nächste Jahr festgeschrieben ist: 1,5 Millionen Euro. Der HSV muss sich auf einen heißen Sommer gefasst machen. Van der Vaart sagt: Ich wünsche mir, dass früh klar ist, was passiert. Wir können nicht im Juli darauf anstoßen, dass ich bleibe. Dann kommt am 31. August der FC Chelsea und bietet 30 Millionen Euro. Und dann will ich wechseln. So sei das Geschäft nun einmal, sagt van der Vaart, der Vollprofi. Wohltuend, dass er nicht von neuen Chancen, dem Ausland, der Weiterentwicklung schwadroniert, sondern das Geld in den Vordergrund rückt.
Es könnte aber auch gut sein, dass der 31. August verstreicht, ohne dass das große Angebot gekommen ist. Bislang hat nur Juventus Turin offiziell angefragt. Das ist schon ein paar Wochen her. Ein Tauziehen um van der Vaart in den wichtigen Augustwochen (da sind die Qualifikationsspiele zur Champions League terminiert) will der HSV verhindern. Gern wüsste man Mitte Juli, was mit van der Vaart wird - dann ist die Europameisterschaft zwei Wochen vorüber. Natürlich hätten gute Leistungen beim kontinentalen Turnier Auswirkungen auf van der Vaarts Marktwert. Was soll man ihm wünschen aus Hamburger Sicht? Eine schlechte EM? Nein. Lieber erstmal fünf richtig gute Bundesliga-Spiele mit solchen Pässen, Schüssen und Freistössen, wie sie Rafael van der Vaart in den vergangenen drei Jahren zu einem der aufregendsten Spieler der Liga gemacht haben. Danach kann man weitersehen.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, ddp, dpa, picture-alliance/ dpa