Im Gespräch: Heinz Müller, Torwart von Mainz 05

„Hau dich rein, gib Gas, friss Gras“

„Jeder entwickelt seine Persönlichkeit weiter - egal ob Fußballprofi oder Bäcker”: Heinz Müller

„Jeder entwickelt seine Persönlichkeit weiter - egal ob Fußballprofi oder Bäcker”: Heinz Müller

09. Juli 2009 Heinz Müller stand 2004 vor dem Karriereende. Eine langwierige Schambeinentzündung setzte den gebürtigen Frankfurter, damals Torhüter bei Jahn Regensburg, außer Gefecht. In Deutschland schien die Karriere im Nichts zu enden - Müller wechselte zu Odd Grenland nach Norwegen. Über Lilleström SK ging es nach England, wo Müller zu einem der besten Torhüter der zweiten Liga wurde - und nun zurück nach Deutschland. Gereift, aber fast unverändert startet er in Mainz jetzt das Projekt Bundesliga. Im Gespräch mit Christoph Becker erzählt Müller von seinen Erfahrungen im Ausland, verpasste Highlights und den späten Angriff auf die erste Liga.

Spätestens seit Sie in Mainz sind, hört man von Ihnen, dass Sie ein Typ seien, der gerne lacht. Erzählen Sie mal Ihren Lieblingswitz.

Meinen Lieblingswitz? Ich bin ein schlechter Witzeerzähler. Ich kenne ad hoc gar keinen, der mir einfallen würde. Wissen Sie spontan einen? Nein. Sehen Sie. Das ist nicht so einfach.

“Über das 'hätte, wäre, wenn' nachdenken, tut mir weh“: Für Müller ist Mainz die Chance, den Durchbruch in Deutschland zu schaffen

"Über das 'hätte, wäre, wenn' nachdenken, tut mir weh": Für Müller ist Mainz die Chance, den Durchbruch in Deutschland zu schaffen

Außerdem heißt es von Ihnen, Sie schauten nicht gerne zurück in die Vergangenheit - trotz oder wegen Ihrer bislang achterbahnartig verlaufenen Karriere?

Es ist ja nicht so, dass ich nicht zurückschauen möchte. Ich habe aus der Vergangenheit gelernt. Die Jahre im Ausland haben mir viel gebracht, dort bin ich gereift als Persönlichkeit. Ich habe andere Leute kennengelernt, andere Kulturen, musste mich anpassen. Diese Erfahrungen haben mich geprägt und nach vorne gebracht - nicht nur im Sport. Nur kaufen kann ich mir dafür bei den Aufgaben, die vor mir liegen, nichts mehr.

Was für ein Typ waren Sie mit 26, als Sie nach Norwegen gegangen sind?

Ich habe mich eigentlich nicht großartig geändert. Jeder entwickelt seine Persönlichkeit weiter. Ich bin eben auch gereift gegenüber den jungen Jahren in Deutschland. Das macht aber jeder mit, egal ob Fußballprofi oder Bäcker. Mit 30 ist man eine andere Persönlichkeit, als mit 18. Das ist ein ganz normaler Lernprozess - ich sehe nicht die total krasse Veränderung in meinem Typ.

Mit 29 kam der Schritt nach Barnsley, in die zweite englische Liga - mit einer ganz anderen Fußballkultur als Norwegen.

Der norwegische und der englische Fußball sind sich eigentlich recht ähnlich. . .

Die Spielweise vielleicht, aber das Interesse am Fußball ist doch in England ein ganz anderes.

Klar, das sind Welten. Die Menschen dort sind sensationell, die leben und sterben für den Fußball. Soll nicht heißen, dass deutsche Fans nicht begeisterungsfähig sind - aber da oben, das ist einfach das I-Tüpfelchen. Für mich war es schon immer ein Traum gewesen, in England Fußball zu spielen.

Das sagt jeder.

“Mir wurde gesagt, die Mannschaft ist ein lockerer Haufen“: Heinz Müller im Mainzer Bruchwegstadion

"Mir wurde gesagt, die Mannschaft ist ein lockerer Haufen": Heinz Müller im Mainzer Bruchwegstadion

Sagt auch jeder, genau. Deshalb musste ich auch nicht lange überlegen, als das Angebot kam.

Wie war das für Sie, als Deutscher in England?

Die Engländer sind von Grund auf ja ein lustiges Volk mit ihrem vielleicht etwas eigenartigen Humor, den man erstmal verstehen muss. Aber ich habe eigentlich nie Probleme, mich zu integrieren, weil ich auf die Leute zugehe und von Vorurteilen überhaupt nichts halte.

“So wie ich Dimo kennengelernt habe, ist er ein lieber Kerl“: Mit Dimo Wache konkurriert Müller um den Stammplatz im Mainzer Tor

"So wie ich Dimo kennengelernt habe, ist er ein lieber Kerl": Mit Dimo Wache konkurriert Müller um den Stammplatz im Mainzer Tor

Barnsley ist nicht gerade als reich bekannt und auch in der Championship wird gutes Geld verdient, sehr viel mehr als in anderen Berufen. Kann das zu Problemen zwischenden Spielern und den Fans führen?

Wenn die Fans sehen, dass man mit vollem Einsatz dabei ist, dann hat man damit eigentlich kein Problem. In der Premier League mit ihren Gehältern ist es eigentlich ja noch viel krasser . . .

Dort gibt es auch regelmäßig Debatten über den Lebensstil von Fußballspielern.

“Wenn das Training vorbei ist, sollte es persönlich funktionieren zwischen den Torhütern“: Müller hält nichts vom Zweikampf neben dem Platz

"Wenn das Training vorbei ist, sollte es persönlich funktionieren zwischen den Torhütern": Müller hält nichts vom Zweikampf neben dem Platz

Aber solange ich mir selbst nichts vorwerfen kann, zum Training komme, dort wie in den Spielen alles gebe, habe ich den Fans gegenüber auch kein schlechtes Gewissen. Das merken die Fans und so reagieren sie auch. Obwohl wir mit Barnsley permanent im Abstiegskampf steckten, hatten wir diese Saison nur ganz, ganz wenige Pfiffe. Eigentlich ist es eine ganz einfache Regel: Hau dich rein, gib Gas, friss Gras, wie man hier sagt - wenn das die Zuschauer sehen, ist man ihnen nichts schuldig.

Haben Sie das in ihrer Karriere gelernt oder ist diese Regel eine, die Sie von Beginn an verfolgt haben? Über Sie hieß es als junger Spieler bei Hannover 96, dass Sie nicht immer mit 110 Prozent bei der Sache waren.

„Ich denke, dass ich in Mainz eine faire Chance kriege”: Trainer Jörn Andersen will vor dem ersten Spieltag über seinen Stammtorhüter entscheiden

„Ich denke, dass ich in Mainz eine faire Chance kriege”: Trainer Jörn Andersen will vor dem ersten Spieltag über seinen Stammtorhüter entscheiden

Klar, das hat der Jörg Sievers (damals Stammtorwart bei Hannover, d.Red.) so gesagt, aber ein 18-jähriger denkt eben anders als ein 35-jähriger. Ich habe mit ihm auch damals nie Probleme gehabt, aber wir hatten ganz einfach andere Lebensauffassungen. Er war 35 und hat eine Familie, ich war 18 und ein junger Wilder. Für einen 18-jährigen gibt es vermutlich auch nicht nur Fußball, manches Talent sagt auch: ich habe genug vom Fußball, ich will mal etwas anderes sehen. Das war bei mir nie so. Es war nicht so, dass ich mich nicht auf den Fußball konzentriert habe. Ich habe eigentlich immer ein bisschen mehr gemacht als die anderen, habe immer trainiert. Ich kann mir nichts vorwerfen, ich war sicher nicht faul. Vielleicht habe ich mal einen Spaß zu viel gemacht, aber nie irgendetwas Extremes. . .

In England waren Sie dann plötzlich wieder schwer verletzt. Hat Ihnen die Erfahrung der ersten langen Pause geholfen, als es in Deutschland wegen einer Schambeinentzündung nicht mehr weiterging, den Mut nicht zu verlieren?

Die Situation war deswegen ein bisschen anders, weil mein Vertrag in Barnsley noch zweieinhalb Jahre lief und mich der Verein voll unterstützt hat. Aber die Erfahrung der Schambeinentzündung kam mir insofern schon „zu Gute“ - nach jedem Tal kommt wieder ein Gipfel. Es war für mich nur eine Frage der Zeit, bis ich wieder im Tor stehen würde. So bin ich auch die Reha angegangen.

Aber die Verletzung kam zum ungünstigsten Zeitpunkt, denn nach guten Leistungen waren sie im Winter 2008 bei mehreren Erstligavereinen im Gespräch.

Ich war schon geknickt, ich habe zwei, drei Tage nur zuhause gehockt und die Welt nicht mehr verstanden. Ich habe versucht, alles zu hinterfragen, meine Fehler gesucht, bin aber zu keiner Antwort gekommen. Ich war einfach wahnsinnig enttäuscht, weil es in England super angefangen hatte und seit dem ersten Spieltag steil nach oben ging.

Zwei Wochen später hätten Sie in Liverpool gespielt, im FA-Cup - ein Spiel, das Ihr Verein gewonnen hat. Ein absolutes Karriere-Highlight, das Ihnen entging.

Klar. Aber deswegen will ich ja nicht zurückdenken. Über das „hätte, wäre, wenn“ nachdenken, tut mir schon weh. Ich will das Vergangene hinter mir lassen.

Jetzt sind Sie in Mainz. Wie wurde Ihnen die Mainzer Mannschaft beschrieben, als sie verhandelt haben?

Ich habe die Mannschaft beobachtet, als es um den Aufstieg ging. Ich hatte ja schon mal Kontakt mit den Mainzern, als Jürgen Klopp hier noch Trainer war. Mit Marco Rose habe ich zusammen in Hannover gespielt - und wenn du weißt, da spielst du in der ersten Liga, da muss dir nichts mehr schmackhaft gemacht werden. Aber mir wurde gesagt, dass die Mannschaft ein lockerer Haufen ist und bei der Zusammenstellung auf die Charaktere Wert gelegt wurde. Und der Verein hat sich über mich schlau gemacht - und ist zum Schluss gekommen, dass ich hier reinpasse.

Die Situation, zu einem Verein zu wechseln, in dem es eine gestandene Nummer eins gibt - wie eben Dimo Wache - ist nicht neu für Sie.

Das ist keine neue Situation für mich. Ich denke, dass ich einen fairen Zweikampf kriege. Dimo ist lange hier, hat gute Leistungen gebracht und ist beliebt bei den Fans. So wie ich ihn kennengelernt habe, ist er ein lieber Kerl. Der Zweikampf wird nur auf dem Trainingsplatz ausgetragen, sobald wir in die Kabine gehen, lassen wir das hinter uns und machen auch mal ein Späßchen miteinander - so wie's sein muss.

So, wie es sein sollte. Aber so ist es nicht immer zwischen Torhütern.

Ich bin nicht der Typ, der außerhalb des Platzes auf Konfrontation geht. Ich versuche, alles auf dem Platz zu lassen. Da kann man sich auch mal anmachen, aber wenn das Training vorbei ist, sollte es persönlich funktionieren zwischen den Torhütern. Sonst funktioniert auch eine Mannschaft nicht. Man braucht nicht zehn beste Freunde, aber man sollte sich respektieren.

Über kaum eine Position wurde in Deutschland in den vergangenen Jahren so diskutiert, wie über die des Torwarts - über unterschiedliche Stile, neuerdings wird über die Frage diskutiert, wie viel ein Torwart im Spiel läuft. Haben Sie diese Debatten verfolgt?

Eigentlich sind mir diese Fragen egal. Ein Torwart muss eine gewisse Grundkondition haben. Ich habe bei mir gemerkt: je besser meine läuferische Kondition ist, umso besser kann ich mich über neunzig Minuten konzentrieren. Aber ein Torwart muss nicht zwei Stunden am Stück laufen können - er muss auf den Punkt genau da sein. Im Sommer nimmt man pro Spiel zwei, drei, vier Kilo ab, nur weil man den Kopf arbeiten lässt. Das ist das schwierigste am Torwartspiel. Und das ist ziemlich unabhängig davon, welcher Typ ich als Torwart bin.

Wie würden Sie Ihre Stärken beschreiben? In Norwegen waren Sie für Ihre Reaktionsschnelligkeit berühmt, machten einen Fernsehspot, in dem Sie mit verbundenen Augen Elfmeter halten.

Ich habe von allem ein bisschen etwas, aber ich will mich hier nicht über den grünen Klee loben - das kann schnell nach hinten losgehen. Meine Stärken sollen andere beurteilen.

Und die Schwächen?

Schwächen? Gibt es keine. (lacht.) Nein, das können auch Trainer und Presse beurteilen. Wichtig ist, dass ich weiß, wo Stärken und Schwächen liegen.

Sie haben in Ihrer Karriere noch kein Bundesligaspiel gemacht - die Chancen, dass sich das dieses Jahr ändert, stehen nicht so schlecht . . .

. . . sagen Sie.

Ja, denn ob Sie zu Beginn der Saison Stammtorhüter sind oder nicht, die Chance auf Einsätze, ist größer als je zuvor in Ihrer Karriere. Würde sich bei Ihrem ersten Bundesliga-Einsatz ein Kreis schließen, oder wäre es eigentlich erst der Anfang für Sie?

Ich würde es als Anfang sehen, nicht als Ende. Wie sagt man auf Englisch? I'm looking forward.

Das Gespräch führte Christoph Becker.



Text: FAZ.NET
Bildmaterial: dpa, Frank Röth

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