Von Roland Zorn
13. Januar 2008 Ihre Wege trafen sich am Sonntag beinahe. Fast zeitgleich bestiegen Jürgen Klinsmann und Ottmar Hitzfeld auf dem Münchner Franz-Josef-Strauß-Airport ein Flugzeug: der eine (noch) als Privatmann in Richtung Los Angeles, der andere (noch) als Trainer des FC Bayern in Richtung Marbella, wo der Tabellenführer der Fußball-Bundesliga sein Wintertrainingslager aufgeschlagen hat.
Symptomatisch für die Situation bei Deutschlands größtem Verein: Die beiden Trainerpersönlichkeiten sehen sich nicht und begegnen sich irgendwie doch. So wird es auch bleiben während der kommenden Monate, da Hitzfeld die alltägliche sportliche Realität beim Rekordmeister letztmals bestimmt und sein Nachfolger Klinsmann sich in Kalifornien auf seine zweite tonnenschwere und doch magisch leuchtende Traineraufgabe vorbereitet.
Das spannendste Experiment im deutschen Fußball
Dazwischen wird den Münchner Vereinsbossen jetzt schon ein Balanceakt abverlangt, den sie als eine Art Training für die Zukunft begreifen dürfen. Ist nämlich Klinsmann erst einmal da, werden die drei Tenöre der Bayern, Franz Beckenbauer, Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge, die Kunst der leisen Töne beherrschen müssen. Die Münchner Frage aller Fragen wird heute und demnächst also lauten: Wie stärke ich auch unter vielleicht erschwerten Bedingungen dem Trainer den Rücken?
Zweifellos werden die Vormänner des FC Bayern in den kommenden Wochen alles dafür tun, dem an der Basis nun um so beliebteren Hitzfeld einen Abgang zu verschaffen, welcher der sportlichen und vor allem menschlichen Größe dieses neben Udo Lattek erfolgreichsten aller Bayern-Trainer gerecht wird. Jetzt schon auch im Zweifel die Loyalität zu praktizieren, die morgen beim persönlich schwierigeren Klinsmann nötig sein wird, kann auf jeden Fall nicht schaden. Schließlich steht dem jahrelang überaus konservativ geführten Klub das nach dem Reformprojekt Nationalmannschaft '06 spannendste Experiment im deutschen Fußball bevor.
Die Ergebnisse müssen stimmen
Mag Klinsmann auch noch so demütig redend und freundlich lächelnd das Wort Reform bei seiner Münchner Neuvorstellung gemieden haben, so werden doch sicher umwälzende Erfahrungen auf die Fußball-Institution an der Säbener Straße zukommen.
Hier auch dann stillzuhalten, wenn Klinsmann und sein künftiger Stab radikal neue Ansätze für ihre Alltagsarbeit finden, wird nicht allen leicht fallen, die früher zu allem und jedem etwas zu sagen hatten. Wie überzeugt die Vereinsspitze das Experiment mit dem Ex-Bundestrainer mitgeht, wie wenig sie sich von leichteren sportlichen Rückschlägen auf dem langen Marsch zu neuen Zielen beeinflussen lässt, wird wesentlich über Erfolg oder Misserfolg der Mission Klinsmann entscheiden. Auf Dauer aber ist es eine schiere Banalität, an der auch dieser Bayern-Trainer gemessen wird: Die Ergebnisse müssen stimmen - wie bei Hitzfeld und allen anderen, die in diesem Klub schon einmal vieles anders und noch besser machen wollten.
Text: F.A.Z., 14.01.2008, Nr. 11 / Seite 23
Bildmaterial: REUTERS
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