Erich Rutemöller im Gespräch

„Lothar weiß, dass er eine Riesenchance hat“

26. März 2008 Sieben Jahre lang war Erich Rutemöller, 63, beim Deutschen Fußball-Bund Ausbildungsleiter der Fußballlehrer-Lizenz. Bevor im kommenden Juni Frank Wormuth, 47, die Leitung übernimmt, wird Rutemöller zum Abschluss den Sonderlehrgang mit Lothar Matthäus leiten. Für den Rekord-Nationalspieler beginnt an diesem Mittwoch die zweimonatige Ausbildung an der Deutschen Sporthochschule Köln. Im FAZ.NET-Interview spricht Rutemöller über Aha-Erlebnisse bei Matthäus, das Paradebeispiel Jürgen Klopp und Ottmar Hitzfeld als Coach in Cottbus.

Herr Rutemöller, wenn gute Fußballer gute Trainer würden, dann müsste Lothar Matthäus ein sensationeller Trainer werden…

...dann müssten Ruud Gullit, Johan Cruyff und Marco Van Basten ebenfalls Übertrainer sein. Das sind sie aber nicht, weil das Trainersein - wie José Mourinho so schön sagte - „ein ständiger Kampf gegen die Macht des Zufalls“ ist. Der Fußball hat so viele Unwägbarkeiten, die man durch gute Arbeit natürlich begrenzen kann, die man aber mit Sicherheit nicht vollständig in den Griff bekommen kann. Der Erfolg einer Mannschaft ist auch abhängig davon, welches Spielerpotential zur Verfügung steht. Für Lothar ist wichtig, dass er sich vertieft mit den verschiedenen Bereichen des Fußballtrainers beschäftigt. Es reicht nicht aus, sich vor die Truppe zu stellen, eine Trainingseinheit zu absolvieren und ein paar „Befehle zu geben“. Trainersein ist weitaus mehr.

Haben Sie in München beim Auftakt des Lehrgangs vor zwei Wochen erkannt, dass Matthäus in diesem Bereich bisher noch Defizite hatte?

Es ging nicht darum, zu entdecken, wo er noch Defizite hatte. Es geht darum, dass er merkt, was alles von ihm als Trainer gefordert wird. Bei Dingen, die über den täglichen Ablauf hinausgehen, hat er schon so manches Aha-Erlebnis gehabt und das wird sich in der Fußballlehrer-Ausbildung verstärken. Das wird auch ein gewisser Schlauch für ihn werden, weil er noch gar nicht richtig weiß, was auf ihn an Themenvielfalt zukommt.

Der reformierte Lehrgang unter Ihrem Nachfolger Frank Wormuth soll nicht zuletzt wegen der Themenvielfalt verlängert werden.

Der Lehrgang soll in Zukunft acht bis zehn Monate dauern. Die Zeit ist nicht genau zu fassen, weil die Lehrgangsteilnehmer nicht ständig in Köln sein werden. Sie werden Phasen haben, in denen sie sich mit der Materie auseinandersetzen müssen, in denen sie hospitieren und Berichte erstellen müssen.

Wie lässt sich denn der auf acht bis zehn Monate angelegte Lehrinhalt für Matthäus so komprimieren, dass er innerhalb von zwei Monaten vermittelbar ist?

In den zehn Monaten werden bestimmte Bereiche viel detaillierter abgehandelt. Es wird bei den anderen angehenden Trainern auch viel über Gruppenarbeit gehen, wohingegen Lothar in der Theorie einen Kompaktkurs hat. Er kann da nicht untertauchen wie manch anderer vielleicht in einer Gruppe mit 20 bis 30 Trainern. Ich habe ein Curriculum zusammengestellt, das die wichtigsten Themen beinhaltet. Manche Bereiche können selbstverständlich nur gestreift werden.

Welche Themen sind das, „die man unbedingt machen muss“?

Auf jeden Fall die Wettkampfpsychologie: Themenbereiche wie Konflikttheorien, Konfliktbehandlung, Stress, Stressverarbeitung. Dann das weite Gebiet der Mannschaftsführung; die ständigen Abläufe in der Zusammenarbeit mit den Spielern. Außerdem natürlich Sportmedizin und Trainingslehre: Das ist ein ganz wichtiger Bereich, weil er sich damit ganz sicher bisher kaum beschäftigt hat. Dazu kommen Leistungsdiagnostik, Wechsel von Belastung und Erholung, Saisonplanung, englische Wochen, Anspruchsprofile auf den einzelnen Positionen und motorische Grundeigenschaften.

In der reformierten Trainerausbildung ist geplant, dass die Trainer wissenschaftliche Arbeiten zu Einzelthemen verfassen. Wird Matthäus das auch machen?

Nein, das werden wir in der Form nicht machen. Das würde zuviel Zeit in Anspruch nehmen. Er wird aber von seinen Hospitationen einen Bericht sowie die fußballspezifische Trainingsplanung ausarbeiten müssen.

Steht denn fest, wo Matthäus hospitieren wird?

Ja, es ist vorgesehen, dass er bei Inter Mailand und Werder Bremen hospitieren wird. Die Hospitationen werden zwei Wochen - eine Woche in Mailand und eine in Bremen - dauern. Darauf freut er sich schon. Überhaupt merke ich, dass er sehr lernwillig und wissbegierig ist. Er weiß, dass er hier eine Riesenchance hat und die möchte er auch nutzen.

Warum gerade bei diesen Vereinen?

Bei Inter Mailand, weil er dort gespielt und noch immer Kontakte nach Mailand hat. Inter Mailand ist eine Top-Adresse und ich habe ihn bestärkt, ins Ausland zu gehen. Bremen habe ich ausgewählt, weil ich die Arbeit, die dort gemacht wird, sehr schätze: Die Hierarchien im Klub, das Trainerwesen, die Führung des Vereins und die „hanseatische Kühle und Abgeklärtheit“. Vom Nachwuchs-Leistungszentrum bis zum Profibereich kann Lothar einen Verein kennenlernen, der modellhaften Charakter hat.

Was imponiert Ihnen an der Arbeit von Thomas Schaaf?

Ihn kenne ich seit seinem Lehrgang 1993. Bei ihm hat mir imponiert, wie er in seiner Entwicklung „step by step“ vorangeschritten ist. Er ist reingewachsen in diese Aufgabe als Profitrainer. Die Entwicklung, die er gemacht hat, hat schon modellhaften Charakter: Profispieler, Jugend-Trainer, Amateur-Trainer und dann Profi-Trainer. Als Ergänzung zu seiner Praxiserfahrung hat er parallel die Trainerlizenzen erworben. Die Trainererfahrung ist für einen guten Trainer dabei enorm wichtig. Schaaf hat sich die in verschiedenen Stationen in einem sehr gut geführten Verein geholt.

Was kann Matthäus bei seiner Hospitanz von ihm lernen?

Er soll sich dieses Muster anschauen, auch im Hinblick auf seine eigene spätere Trainerlaufbahn. Er soll wissen, worauf Wert zu legen ist, wenn man einen Trainerstab zusammenstellt, wie die Führung eines Trainerteams bis hin zum Juniorentrainer aussieht.

Mit Matthäus bilden Sie einen Trainer aus, der als Spieler alles erreicht hat. Muss ein Trainer ein fußballerisches Mindestniveau mitbringen?

Wenn jemand auf einem gewissen Niveau gespielt hat, hat er es leichter, weil er Erfahrungen mitbringt, die sich andere erst noch erarbeiten müssen. Trotzdem muss jeder Trainer die begleitenden Bereiche kennenlernen. Ein anderer kann aber schon dadurch Vorteile haben, dass er in begleitenden Fächern durch ein Sportstudium schon weiter ist, als ein ehemaliger Profi. In den Lehrgängen habe ich immer wieder festgestellt, dass die früheren Profis und die früheren Amateure von den jeweiligen Stärken des Anderen profitiert haben. An diesen Lehrgängen war das Schöne, immer wieder zu erleben, wie diese heterogenen Gruppen sich gegenseitig gefunden und ergänzt haben.

Hatten die ehemaligen Kreisligaspieler keine Berührungsängste gegenüber den Profis?

Berührungsängste gab es vielleicht zu Beginn, wenn da Leute mit einem „Riesennamen“ kamen, aber das hat sich ganz schnell gelegt, wenn man merkte, dass die auch nur mit Wasser kochen. Jeder hat dem anderen von seinem Wissen und seinen Erfahrungen etwas abgegeben, da gab es keine Eifersüchteleien.

Welcher Fähigkeiten bedarf es, um ein guter Trainer zu werden?

Vor allem ist erstmal wichtig, dass der Trainer eine gewisse Ausstrahlung hat. Einer steht vor der Mannschaft und kommt an. Und es gibt andere, die Probleme haben, die Gruppe zu erreichen. Das Auftreten vor der Mannschaft ist sicher ein Kriterium. Ein guter Trainer braucht Führungsqualitäten und Vermittlungskompetenz, denn es geht nicht nur um das reine Fachwissen. Es geht darum, das Wissen zu vermitteln.

Sind diese Komponenten die entscheidenden Faktoren für den Erfolg einer Mannschaft?

Insgesamt ist alles wesentlich abhängig vom Potential der Mannschaft. Ottmar Hitzfeld würde sicherlich mit Cottbus nicht an der Tabellenspitze stehen.

An der Deutschen Sporthochschule Köln wird heute immer noch die beeindruckende Art und Weise gelobt, wie Jürgen Klopp seine Kollegen mit seinem Auftreten beim Fußballlehrer-Lehrgang in seinen Bann gezogen hat. Ist Jürgen Klopp für sie das exemplarische Beispiel für einen gut ausgebildeten und talentierten Trainer?

Ja, das kann man schon sagen. Jürgen Klopp hat vom Sportstudium den sportwissenschaftlichen Hintergrund. Er hat den Hintergrund als früherer Profi, auch wenn er nicht der Top-Bundesliga-Profi war. Er hat schon während seiner Ausbildung erfolgreich als Trainer gearbeitet und sich nebenbei viel angeeignet. Außerdem profitiert er in Mainz von einem guten Trainerstab. Jürgen Klopp ist für mich definitiv ein Trainer-Paradebeispiel.

Das Gespräch führte Jean-Charles Fays.



Text: FAZ.NET
Bildmaterial: dpa

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