Von Oliver Trust, Stuttgart
24. November 2009 Man kann Jens Lehmann nicht vorwerfen, nicht alles zu tun, was einer eigenen professionellen Vorbereitung dienlich wäre. Den Sonntag verbrachte Lehmann daheim am Starnberger See und entfloh damit nach dem 1:1 gegen Hertha BSC dem Frust und der Ratlosigkeit, die an seinem Arbeitsplatz den Alltag bestimmen, nachdem der VfB Stuttgart tief in die Abstiegszone gerutscht ist. Mit dem Blick auf die nächste ernste Prüfung, die Lehmann und seinen Klub an diesem Dienstagabend in der Champions League bei den Glasgow Rangers (20.45 Uhr, live bei Sky und FAZ.NET-Champions-League-Liveticker) erwartet, war Abstand zu gewinnen sicher eine der sinnvollsten Maßnahmen, die dem 40 Jahre alten Torwart einfallen konnten.
Zu sagen hätte es ohnehin nichts Neues gegeben, nachdem in Stuttgart alle möglichen Krisenszenarien seit Wochen Konjunktur haben. Lehmann und vor allem seinem Teamchef Markus Babbel helfen jetzt nur noch positive Ergebnisse, sonst droht neuer Frust, sollte der VfB bereits in der Gruppenphase der Königsklasse“ scheitern. Babbel kämpft dabei um seinen Job und Lehmann um einen guten Abgang.
Um des Erfolges willen schlüpfte der ehemalige Nationaltorwart in seinem Abschiedsjahr in viele Rollen. Im Training gibt er das fleißige Vorbild, den Fußball-Opa“, der den Jungen immer noch etwas vormacht. Im Spiel spielt er lautstark den Anführer, der anweist und zurechtweist. Am Mittagstisch im Trainingslager gibt er den Elder Statesman, der etwas von jenem Kampfgeist und dem Erfolgshunger zu vermitteln versucht, die ihn antreiben. Es ist schon so, dass ich dafür sorge, dass wir über Themen reden, die ich mit vorgebe“, sagt er und offenbart, früher zuerst an Pokale und dann an einen guten Vertrag gedacht zu haben. Manchmal kämpft Lehmann schlicht in eigener Sache und sagt deshalb: Ich bin in meiner Karriere noch nie abgestiegen, das will ich natürlich auch jetzt nicht.“
Fürsprecher Babbels
Sein letztes Jahr als Profi hatte sich Jens Lehmann jedenfalls anders vorgestellt. Darum schwankt er oft zwischen gezielter Motivation und bewusster Provokation und riskiert, dafür nicht von allen gemocht zu werden. Ich denke nicht darüber nach, was gut aussieht oder gut wirkt, sondern nur darüber, wie ich Erfolg habe. Das hat mir einen gewissen Abstand zu den Leuten eingebracht“, sagt er.
Bei der Suche nach Auswegen stellte er im vergangenen Winter nach dem 1:5-Pokaldebakel gegen die Bayern unbequeme Fragen, die Teamchef Markus Babbel unterstellten, seine Mannschaft im Training nicht ausreichend zu fordern. Lehmann zahlte 12.000 Euro Strafe. Vor vier Wochen trat Lehmann als entlastender Kronzeuge auf, der Babbel attestierte, gute Arbeit abzuliefern, und er stellte in diesem Zusammenhang die Frage, ob mit einem neuen Trainer auch gleich neuer Erfolg eingekauft werde.
Mochte auch Babbel seinen Torhüter nach einem unangemeldeten Oktoberfestbesuch zur Kasse gebeten haben, Lehmann blieb ruhig. Dem angeschlagenen Stuttgarter Teamchef war er bislang summa summarum eine Stütze. Babbel kehrt Lehmanns Sonderrolle als Führungsfigur heraus und macht keinen Hehl daraus, auf einen wie ihn angewiesen zu sein. Notfalls dadurch, dass er ihn nach Hause schickt.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, dpa, REUTERS