Von Michael Horeni
05. Mai 2008 Zehn, neun, acht, sieben . . . Der Countdown zum Titelgewinn des FC Bayern war ungefähr so spannend wie das Runterzählen am Silvesterabend um 23.59 Uhr. Irgendwann kommt das neue Jahr. Irgendwann wird Bayern Meister. Sechs Spieltage vor Schluss, fünf, vier, drei . . . Nun also haben sie es drei Spieltage vor Ultimo geschafft.
Dass es so kommen würde, sagten Fans und Experten schon nach dem zweiten Spieltag voraus. Da gewannen die Bayern 4:0 in Bremen und hatten fünf Punkte Vorsprung auf Werder. Trainer Hitzfeld sagte damals zwar, dass die Saison noch lang ist und noch viel passieren kann. Aber so richtig abgenommen hat man ihm das nicht - und tatsächlich hat sich nach den 29 mal 9 Begegnungen an der Spitze seither nicht mehr viel getan.
Das Überraschungsmoment der Saison kommt aus Franken
Der feste Glaube, dass Fußball und Golf die unwägbarsten aller Sportarten wären, ist jedenfalls erschüttert. Im Golf hat dafür Tiger Woods gesorgt. Im Fußball, zumindest in der Sektion Bundesliga, der FC Bayern. Die Gewinnerwartungen lassen sich dort in der Regel wie bei ganz normalen Wirtschaftsunternehmen vorhersagen - die Abstiegserwartungen mittlerweile ebenso.
Auf der Suche nach dem Überraschungsmoment, dem anarchischen Kern des Fußballs, muss man in Deutschland sehr lange suchen. Nur im Frankenland wird man fündig. Der 1. FC Nürnberg ist in dieser wie in der vergangenen Saison der einzige Verein, der aus dem Korsett der Drei-Stände-Gesellschaft ausbrach - so oder so. Im Vorjahr stieß der Club von der zweiten Liga direkt auf Platz sechs ins ansonsten festgefügte erste Drittel vor.
Nun wird Nürnberg für seinen unziemlichen Aufenthalt in den besseren Kreisen mitsamt Pokalgewinn wohl mit dem Abstieg büßen müssen. Schon im Mittelalter verließ niemand ungestraft seinen Stand. Denn die sechs Teams, zwischen die sich Nürnberg im Vorjahr drängte, sind exakt dieselben, die auch in dieser Saison die Spitze der Punkte- und Einkommenspyramide bilden.
Die Ständegesellschaft Bundesliga
Der zweite Stand ist ähnlich homogen, wenn auch etwas durchlässiger als die Spitze. Die Leistungsdichte ist dort am stärksten. Zwei, drei Siege mehr in engen Spielen bringen Klubs wie Frankfurt, Hannover oder Wolfsburg an den Europacup heran. Zwei, drei Niederlagen mehr in engen Spielen vermiesen Dortmund oder Hertha die Saison.
Aber ernsthaft in Gefahr kommen solche Vereine immer seltener. In den letzten zwölf Jahren reichten, im Vierjahresrhythmus betrachtet, immer weniger Punkte für die erste Klasse: von 36,5 Punkten (1996 bis 1999) sank der Schnitt auf 35 (1999 bis 2003) bis zuletzt auf 34,5 Punkte (2003 bis 2007). Da muss schon sehr viel an Pech und Pannen zusammenkommen im Zwei-Drittel-Establishment, um das Klassenziel komplett zu verfehlen. Der Fußball gewinnt in diesen Momenten wenigstens einen letzten Rest an Unberechenbarkeit zurück - nur der 1. FC Nürnberg würde darauf gerne weiter verzichten.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: REUTERS
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