Oliver Kahn

Der Titan im inneren Gleichgewicht

Von Elisabeth Schlammerl, München

29. Januar 2008 Es ist die Zeit der letzten Male für Oliver Kahn. Gerade hat er sein finales Wintertrainingslager im Süden hinter sich gebracht. Und nun spielt er noch einmal jedes zweite Wochenende in einer anderen Fußball-Arena, in die er nicht mehr zurückkehren wird als Profi-Torhüter. Am kommenden Freitag ist es das Ostseestadion in Rostock, dort startet der FC Bayern München in die Bundesliga-Rückrunde. Oliver Kahns letzte Rückrunde. Nur von der Arena von Schalke 04 muss er sich am Dienstag beim Pokalspiel gegen den Regionalligaklub Wuppertaler SV (Siehe auch: FAZ.NET-Liveticker) noch nicht verabschieden, da kommt er noch einmal vorbei, Anfang März in der Meisterschaft.

Wenn es alles gut läuft, hat der Kapitän des Tabellenführers noch 30 Spiele vor sich. Nur noch höchstens 30 Mal diesen Tunnelblick, diesen unglaublichen Erfolgsdruck, den er sich zum Teil auch selbst auferlegt. Oliver Kahn verspürt keine Wehmut, dass nach 20 Profijahren demnächst Schluss ist. Mittelfristig wolle er "Abstand gewinnen von Fußball", sagt er. "Ich bin ja nicht auf die Welt gekommen, um mein ganzes Leben Torwart zu sein." Bis Mitte Mai ist er aber noch ganz gerne Torwart, versucht die letzten "paar Monate alles rauszuholen" und seine Karriere möglichst erfolgreich abzuschließen. "Ich möchte unbedingt am Ende am Marienplatz stehen und einen Erfolg vorweisen können." Oder mehrere.

Nur das Hier und Jetzt zählt

"Wenn alles stimmt, können wir alle drei Titel holen." Meisterschaft, DFB-Pokal und Uefa-Cup. Es wäre ein perfekter Abschluss. Auch für Ottmar Hitzfeld, der wie Kahn im Sommer Abschied nimmt, vom FC Bayern und vom Job des Klubtrainers. "Ich will nicht sagen, wir sind eine Schicksalsgemeinschaft. Aber Oliver und mich verbindet die Situation", sagte der Neunundfünfzigjährige. Die beiden muss nicht mehr interessieren, was in der nächsten Saison passiert. Nur das Hier und Jetzt zählt. Kahns Kollegen - oder die meisten jedenfalls - spielen hingegen auch für das Morgen. Die Spieler, sagte Manager Uli Hoeneß in Marbella, "stehen in der Rückrunde im Schaufenster". Sie müssen sich aufdrängen, denn der künftige Trainer Jürgen Klinsmann wird im fernen Kalifornien alles und jeden genau verfolgen.

Kahn muss sich nicht mehr aufdrängen. Hitzfeld hatte sich festgelegt, dass der Torhüter seine Karriere als Nummer eins beenden wird, wenn es die Gesundheit erlaubt. Und der Kapitän ist Hitzfelds größter Fürsprecher, sein Verbündeter. In der Mannschaft hat der zum Einzelgänger tendierende Kahn schon seit längerem eine Sonderrolle, auch aus Altersgründen ist er mehr dabei als mittendrin. Die meisten Mitspieler sind mindestens zehn Jahre jünger. Kahn sieht sich als Helfer von Hitzfeld, den maximalen Erfolg zu ermöglichen. Bei jedem, der das gefährdet, ließ Kahn wissen, werde der Trainer sehr rigoros reagieren. Wie vor Weihnachten bei ihm selbst, als er die Weihnachtsfeier frühzeitig unter einem fadenscheinigen Vorwand verließ und obendrein die Kollegen kritisierte. Kahn ist klug genug zu wissen, dass der Trainer gar keine andere Wahl hatte, als ihn zu bestrafen.

Von der Vergangenheit eingeholt

Der frühere Nationalspieler hat schon ganz andere Stürme überstanden. Kahn muss sich nichts mehr beweisen, er muss niemandem mehr etwas beweisen. Er kann genießen, soweit er in den vergangenen Jahren gelernt hat zu genießen. Im Trainingslager in Marbella hat er viel gelacht und gescherzt. Einmal ließ er sich sogar mit Fans von Borussia Dortmund fotografieren. Er hat sich ausgesöhnt mit seinen Feinden. Bald ist alles vorbei. Im Moment nervt ihn höchstens, dass er in fast jedem Interview nach Jürgen Klinsmann oder Jens Lehmann oder beiden gefragt wird. Aber auch da versteht er es, sich gut aus der Affäre zu ziehen. Es fand besondere Erwähnung in Marbella, dass er es vermied, den Namen des künftigen Trainers in den Mund zu nehmen. Aber vielleicht war dies auch nur ein Zufall.

Es ist Zeit zu gehen. Hätte Kahn das nicht schon längst gewusst, es wäre ihm spätestens jetzt, da ihn die Vergangenheit eingeholt hat, klar geworden. Jürgen Klinsmann, der Trainer, der seinen großen Lebenstraum zerstört hat, als er ihn vor der WM degradiert hatte, kehrt nach München zurück. Und jetzt vielleicht auch noch Jens Lehmann, der ihn damals verdrängt hatte als Nummer eins im deutschen Tor.

Nicht mehr der verbissene Titan

Vor knapp zwei Jahren hat der Münchner eine Art Burgfrieden geschlossen mit Klinsmann und auch mit Lehmann. Er wollte sich nicht auf und davon machen, sondern sich "produktiv einbringen", wie er damals sagte. Am Ende des "Sommermärchens" gehörte der Verlierer Kahn zu den großen Siegern. Sein Image in der Öffentlichkeit hat sich verändert und er selbst auch. Er ist seitdem nicht mehr der verbissene, vom Ehrgeiz getriebene Torwart-Titan, der nicht loslassen kann "Es geht weiter, immer weiter", war früher sein Motto gewesen.

Es scheint, als sei Oliver Kahn angekommen. Er kann loslassen. Es wäre übertrieben zu behaupten, der Bayern-Kapitän würde mittlerweile vollständig in sich ruhen und die Dinge mit der Gelassenheit eines buddhistischen Mönches sehen. Manchmal bricht der Wüterich schon noch durch, aber es ist nur noch der kleine Wüterich. Wenn die Verteidiger zum Beispiel allzu lässig ihre Arbeit im Strafraum verrichten, brüllt er im Strafraum herum. Aber es kommt beinahe nicht mehr vor, dass er über das Ziel hinausschießt. Am Ende einer langen Karriere scheint Kahn die richtige Balance gefunden zu haben.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 27.01.2008, Nr. 4 / Seite 17
Bildmaterial: AP, ddp, dpa, REUTERS

FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche