Von Christian Eichler, München
27. November 2009 Reisende hasten vorbei, sie wenden den Kopf, erkennen ihn. Fast jedem in Deutschland ist es vertraut: das markante rötliche Gesicht des Mannes, der nun vor Gate G 25 im Terminal 2 des Münchner Flughafens auf einem Stuhl mitten im Gang sitzt. Er plaudert, schüttelt Hände. Ihm zu Füßen jemand, der ihm die Schuhe putzt und auf dessen Weste Glanz und Gloria steht. Es ist Ende Oktober 2009, es ist der letzte internationale Glanz in der Karriere des Managers Uli Hoeneß. Auf der finalen Champions-League-Reise seiner dreißig Jahre als Maestro des FC Bayern gibt es ein 1:2 in Bordeaux. Der Schuhglanz hat 6 Euro gekostet. Das glanzlose Team kostet im Jahr über 100 Millionen.
Hoeneß' große Lebensleistung besteht darin, dass der FC Bayern sich das leisten kann. Er hat seinen Klub zum finanziell solidesten Europas gemacht. Nun, da er in den Aufsichtsrat wechselt, werden die ganzen schönen Geschichten noch einmal erzählt: die Anfänge im leeren Büro; der erste Sponsorvertrag auf einem Bierdeckel im Franziskaner; die vielen knackigen Sprüche (wenn Klinsmann Obama ist, bin ich Mutter Teresa); die großen Kontroversen, allen voran die Daum-Affäre, als die Drohungen bis in seine Familie drangen.
Von WG-Partner Breitner als Foeneß gefoppt
All das macht sich wunderbar als Kontrast zur kommoden Realität von heute. Aus einem mittelmäßig geführten Sportklub wurde eine weltbekannte Unterhaltungsfirma, aus einem Umsatz von 6 Millionen Euro einer von 300 Millionen; und aus dem polarisierenden Ober-Bayern ist beinahe jedermanns Liebling geworden, der den Bambi bekommt und dessen Sozialverhalten man rühmt. Spätestens sein bewegender Appell für Zivilcourage nach dem Mord auf dem S-Bahnhof München-Solln hat die öffentliche Stimmung gegenüber Hoeneß gewandelt.
Schon die Episoden seiner Jugend zeichneten ein Bild des geborenen Willensmenschen: der um vier Uhr früh aufstand, um vor Schulbeginn Hausaufgaben und Waldläufe zu machen; der bei Anzeigenkunden Klinken putzte und so die Schülerzeitung vor dem Ruin rettete. Später, in der Wohngemeinschaft mit einem anderen Bayern-Jungprofi, Paul Breitner, erwies sich Hoeneß stets als der Schlauere. Anders als Breitner schaffte er es, sich vor der Bundeswehr zu drücken. Vom politisch bewegten WG-Partner wurde er wegen seiner Eitelkeit bei der Haarpflege als Foeneß gefoppt.
Finanziell Unabhängig dank seiner Nürnberger Wurstfabrik
Nach nur fünf guten Jahren, mit Welt- und Europameistertitel, Europapokal und Meisterschaft, beendete eine Knieverletzung die Spielerkarriere. So wurde er schon mit 27 Manager beim verschuldeten FC Bayern, der mit einem mittelmäßigen Manager wohl auf Bundesliga-Durchschnitt geschrumpft wäre, wie Borussia Mönchengladbach, die andere Größe der siebziger Jahre. Doch Hoeneß erwies sich als Gegengift zu Mittelmaß. Der Mann, der schon als Spieler WM-Bücher für Aldi herausgegeben hatte, zeigte sich als frühreifer Meister des Erschließens von Märkten, des Geldbeschaffens. Als Manager, sagt der frühere Bayern-Trainer Ottmar Hitzfeld, ist er ein Genie.
Seinen ersten Arbeitsvertrag, der 10.000 Mark pro Monat plus 50 Prozent an Werbeeinnahmen vorsah, gab er nach kurzer Zeit zurück, weil es den Klub Millionen gekostet hätte. Wäre dieser Vertrag noch heute in Kraft, Hoeneß bekäme deutlich mehr als der Chef der Deutschen Bank. Er betont seine finanzielle Unabhängigkeit, die er in den achtziger Jahren mit seiner Nürnberger Wurstfabrik, inzwischen von Sohn Florian geleitet, begründete. Der Würste wegen kann er es sich leisten, nicht Angestellter, sondern dienender Fan des FC Bayern zu sein. So ist der mächtigste Mann des deutschen Profifußballs Amateur: ein Liebhaber ohne persönliches finanzielles Interesse. Er nannte sich einmal den unabhängigsten Menschen im Fußball, weil ich alles für den FC Bayern tue, aber nichts für mich.
Teure Fehler in der Transferpolitik
Die wirtschaftliche Hälfte des Managerjobs wird Hoeneß vorerst im Griff behalten. Die sportliche Hälfte des Jobs, die Planung und Betreuung von Team und Trainer, tritt er an Sportdirektor Christian Nerlinger ab. Auf diesem Feld hat Hoeneß bei aller Autorität nicht die Exzellenz seiner ökonomischen Leistung erreicht. Viele seiner knapp 200 Spielerverpflichtungen und mehrere aus dem guten Dutzend Trainer waren teure Fehler. Die Personalpolitik offenbarte mitunter eine Planlosigkeit, die zuletzt Philipp Lahm in einem Interview beklagte. Lahms Aufbegehren rief prompt noch einmal den alten, polternden Hoeneß auf den Plan, der den kleinen Angestellten maßregelte - ein Auftritt, der von vielen als Kritikunfähigkeit empfunden wurde.
Gegenüber der Bundesliga-Konkurrenz konnte der FC Bayern Transferflops wegstecken. Dank der wirtschaftlichen Überlegenheit kam man doch immer wieder auf den stärksten Kader Deutschlands. 16 Meisterschaften in 30 Jahren belegen das. Im Vergleich mit europäischen Topklubs jedoch sind die Bayern seit ihrem Champions-League-Erfolg von 2001 kaum noch konkurrenzfähig, wegen der Mängel im Entdecken und Entwickeln von Spielern. Erst 2007 riskierte Hoeneß etwas auf dem Transfermarkt, holte zwei Stars, die den Klub endlich nicht nur im Budget, auch am Ball wieder zum europäischen Spitzenklub machen sollten. Doch ob Ribéry und Toni 2010 noch in München sein werden, ist nach den Entwicklungen unter Trainer Louis van Gaal fraglich geworden.
Polarisierung in Liebe und Hass
Wirtschaftlich übergibt Hoeneß einen Palast, sportlich eine Baustelle. Doch er betont zu Recht, dass sich Schwankungen im Spielbetrieb rasch ausgleichen lassen, dass jedoch der wirtschaftliche Vorsprung das stabile Resultat von dreißig Jahren ist. Deshalb sieht er seinen Klub im nächsten Jahrzehnt auch in der Champions League wieder ganz oben. Sie werden schon sehen . . ., sagt er gern nach solchen Prophezeiungen. Kein anderer in Deutschland, weder Politiker noch Wirtschaftsboss, kann es sich leisten, mit so viel Leidenschaft schon immer recht gehabt zu haben.
In vieler Hinsicht erinnert der Kraftmensch Hoeneß an andere Metzgersöhne wie Franz Josef Strauß oder Joschka Fischer. Aber vielleicht ist er eher der Helmut Kohl des deutschen Fußballs, wie er ein Bauchmensch von bergeversetzender Beharrlichkeit. Auch Hoeneß hat Deutschland vereint: als Land des FC Bayern. Zugleich hat er es gespalten. Sein einziger bleibender Feind, der frühere Bremer Manager Willi Lemke, sagte: Diese Polarisierung in Liebe und Hass, Herr Hoeneß, das war Ihre genialste Werbeidee. Gespalten in die, denen der FC ein rotes Glück ist. Und in die, denen er immer ein rotes Tuch bleiben wird.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, dpa, Nanuk Film, REUTERS
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