Von Frank Heike
27. Februar 2008 Es ist eine schlechte Zeit für Fredericus Jacobus Rutten, sich um die Zukunft zu kümmern. Aus den vergangenen sechs Spielen hat der FC Twente Enschede nur einen Sieg geholt. Am Wochenende gab es ein 0:0 bei AZ Alkmaar. Fred Rutten ist mit seinem Team auf den achten Rang gerutscht. In der Vorrunde waren das offensivstarke Twente noch die positive Überraschung, aber davon ist wenig geblieben. Kein Wunder, dass er Kommentare, seinen möglichen Wechsel nach Hamburg betreffend, ablehnt. "Bis etwas seriös ist, verschwende ich keine Energie für andere Sachen als für meine Arbeit hier", sagte Rutten. Es sei aber eine große Ehre, mit dem HSV in Verbindung gebracht zu werden.
Aus einem losen Kontakt könnte bald ein festes Engagement werden. Denn Rutten soll der Favorit des HSV-Vorstands für die Nachfolge von Huub Stevens sein. Das umfangreiche Trainer-Scouting ist beendet, und Rutten scheint der Wunschkandidat von Sportchef Dietmar Beiersdorfer und Vorstand Katja Kraus zu sein. Der Vorstandsvorsitzende Bernd Hoffmann hält sich mit Kommentaren weiter zurück. Er soll bislang Jürgen Klopp als neuen Übungsleiter des HSV vorziehen. Stevens verlässt den Klub im Sommer.
Der großen Unbekannte als Stevens-Erbe
Im Gespräch wollte Hoffmann nicht ausschließen, dass die Suche noch länger andauern werde und womöglich der "großen Unbekannte" das Erbe von Stevens antrete. Doch in Hamburg mehren sich die Anzeichen, dass Fred Rutten in den nächsten Tagen als neuer Mann nach dem erfolgreichen Holländer präsentiert wird.
Klub und Mannschaft sind bei dieser systematischen Suche ruhig geblieben. Das liegt natürlich auch daran, dass Stevens die Zügel weiter fest in der Hand hält. Die Disziplin der Mannschaft konnte man am Sonntag beim 1:1 in München beobachten, und auch im Viertelfinale des DFB-Pokals an diesem Mittwoch beim VfL Wolfsburg wird der HSV nicht von seinem energischen Defensivkonzept abweichen.
Offensiv aufregend, aber abwehrschwach
Aber vielleicht ist es gar nicht die interessanteste Frage, wie weit der HSV in den drei Wettbewerben der Spielzeit 2007/ 2008 noch kommt. Denn außerhalb der Hansestadt rätselt man: Wer ist Fred Rutten? Ein klassischer Treppenwitz der Fußballgeschichte ist, dass Rutten eine Art Mitschuld trägt, dass Stevens geht. Im November 2007 nämlich bekam Rutten ein Angebot vom PSV Eindhoven, als Nachfolger von Ronald Koeman (der zum FC Valencia ging) den PSV zu übernehmen. Rutten aber wollte bei seinem Herzensklub FC Twente bleiben, und Eindhoven rief bei Stevens an. Der sagte bekanntlich zu, auch, um in der Nähe seiner Frau zu sein. So wurde der Posten beim HSV frei. Bekannt ist inzwischen auch, dass Stevens selbst Rutten empfahl und sich der HSV bei den Gesprächen mit Rutten auf ein bekanntes Gesicht verlassen konnte - der Niederländer Kees Ploegsma berät sowohl Stevens als auch Rutten.
Rutten wurde vor 45 Jahren nahe der deutschen Grenze in Wijchen geboren. Er spielte zwischen 1979 und 1992 mehr als 300-mal für Enschede. Mit 28 Jahren beendete Rutten seine Laufbahn, weil er unter chronischen Hüftschmerzen litt. Er arbeitete als Jugendkoordinator und überzeugte den Klub durch Disziplin und Sorgfalt. 1996 wurde er Assistenztrainer von Hans Meyer. Als Meyer den FC Twente nach drei Jahren in Richtung Bundesliga verließ, spülte es Rutten in die erste Reihe. Offensiv aufregend, aber abwehrschwach spielte der FC Twente des jungen Trainers Rutten. 2001 gelang der Pokalsieg.
Zu wenig Ausstrahlung?
2002 gab es eine Zäsur in Ruttens Laufbahn: Er wurde Ko-Trainer von Guus Hiddink beim PSV Eindhoven und übernahm den Posten des Jugend-Koordinators. Für Rutten war das eine wichtige Lehrzeit, vor allem in taktischen Dingen - die Abkehr vom Offensivspektakel begann. Mit dieser Linie fuhr er weiter gut, als er 2006 zum FC Twente zurückkehrte. Der PSV hatte ihn als Nachfolger von Hiddink abgelehnt: Rutten habe zu wenig Ausstrahlung. In Enschede war man vor zwei Jahren froh, den akribischen Arbeiter Rutten wieder einstellen zu können, dieses Mal als Trainer und Manager.
Mit einem Vertrag bis 2009 ausgestattet, verschrieb sich Rutten abermals der Arbeit beim FC Twente, unter anderem dem Stadionneubau. Er soll eine Ausstiegsklausel im Vertrag haben, die festschreibt, dass er den Verein für eine halbe Million Euro Ablöse verlassen kann. Sollte es so kommen, darf man auf den hierzulande Namenlosen gespannt sein.
Text: F.A.Z., 27.02.2008, Nr. 49 / Seite 30
Bildmaterial: AP
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