Die Münchner eilen von Sieg zu Sieg. Trainer Louis van Gaal spricht im Interview über holländische Jugendarbeit, deutsche Disziplin und seine Macht beim FC Bayern. Und der Trainer erklärt, warum er bei seinen Spielern auf Ausdauertraining verzichtet.
Wenn Sie nicht hundert Prozent Einsatz zeigen. Und wenn Sie sich als Persönlichkeit verstecken, nicht offen sind.
In der Gesellschaft hat sich die Einstellung zu einigen Werten verändert, das finde ich nicht gut. Werte, die in meiner Familie noch normal waren und die in den Niederlanden inzwischen fast verschwunden sind. In Deutschland ist es noch etwas besser, Arbeitswille und Disziplin sind hier sehr gut.
Nein, tut mir leid. Sie wollen das gern hören, aber ich habe mich nicht verändert. Ich habe eine Philosophie, die ist recht erfolgreich, es gibt nicht viele Trainer in der Welt, die mehr gewonnen haben als ich, das sind Ferguson und Capello und noch ein oder zwei vielleicht. Der FC Bayern hat mich deshalb geholt. Weil ich erfolgreich bin, weil ich attraktiv und dominant spielen lasse. Warum also soll ich mich ändern?
Das habe ich in meinem Verantwortungsbereich immer so gemacht, von der ersten Minute an.
Ich schaffe das schon.
"Es gibt nicht viele Trainer in der Welt, die mehr gewonnen haben als ich, das sind Ferguson (Foto) und Capello und noch ein oder zwei vielleicht"Da stimmten unsere Resultate und der Tabellenplatz nicht. Da hätten sie mich entlassen können. Das wäre ihre Entscheidung gewesen.
Ich glaube nicht, dass das Macht ist. In Barcelona und bei Ajax war ich auch Trainer und Manager. Aber seit ich über 50 bin, will ich nur noch Trainer-Coach sein, so wie zuletzt bei AZ Alkmaar. Ich mache alles mit Argumenten. Wenn ich die besseren Argumente habe, wird der Vorstand dem folgen. Kenntnis ist Macht.
Wegen der Verletzungen. Und weil Ribéry, als er halbwegs fit war, nicht auf der Zehner-Position in der Raute spielen wollte. Deshalb habe ich das System geändert. Ich werde ein System immer nach den Qualitäten der Spieler wählen. Bei Ajax 3-4-3, in Barcelona 4-3-3, Alkmaar 4-4-2 und 4-4-1-1. Ich habe alle Systeme schon gespielt.
Nein. Nur die Menschen haben sich geändert. Und das Umfeld, zum Beispiel die Medien sind viel mehr in den Vordergrund getreten. Der Fußball hat sich nicht mehr verändert. Man kann das Rad nicht neu erfinden.
Alles. Nur ist der Spielmacher heute nicht mehr auf der Zehner-Position wie in den siebziger Jahren zu Hause, sondern auf der 3 und 4 (die beiden Innenverteidiger) oder der 6 (vor der Abwehr). Ich suche Spieler mit diesem Profil. Das bringt Attraktivität und Effektivität auf lange Sicht.
Ja, so trainiere ich. Ich trainiere viel mit dem Ball und viel in Spielsituationen. Als Trainer ist man immer abhängig von seinen Spielern und ihren Qualitäten. Sie haben die Wahl auf dem Platz. Ich kann das nur so gut übersetzen, dass die Spieler das gut machen werden. Und dass ich im Spiel nur auf der Bank sitzen und nichts tun muss. Das ist das Optimum.
Ja. Es ist unglaublich, was wir in sechs Monaten erreicht haben. Jetzt können wir durch unser Positionsspiel auch solche Gegner schlagen, und das mehr oder weniger einfach.
Wir haben normalerweise keine verletzten Spieler. Kaum Muskelverletzungen. Das ist eine Frage der Dosierung der Intensität des Trainings. Und von der Atmosphäre in und um die Mannschaft.
Wenn Spieler Perspektiven haben, sind sie motivierter, offener, es gibt eine bessere Harmonie und Atmosphäre. Ich habe jetzt 23 Spieler, davon 7 junge. Die jungen Spieler geben den älteren eine Extra-Stimulanz. Wir trainieren jetzt viel besser als vor der Winterpause. Das gibt Spaß. Und ich finde, dass die jungen Leute spielen müssen.
Das Ajax-Modell war mein Modell. Man kann besser Jugendspieler ausbilden als eingekaufte Spieler. Die sind schon in einem Alter, dass sie nicht mehr von Grund auf ausgebildet werden wollen.
Das ist die Ausbildung. Die Konsequenz in der holländischen Jugendarbeit. Zu meiner Zeit bei Ajax kam Bayern mit der Jugendabteilung, um zu beobachten, was wir machen. Und das kann man heute hier auch ein bisschen sehen.
Mein Bild hat sich nicht geändert. Die Deutschen können 90 Minuten durchstehen und kämpfen. Das können die Niederländer nicht. Das können auch die Spanier nicht. Und sie können 90 Minuten sehr gut verteidigen. Die Italiener können das auch, aber wenn der Gegner etwas ändert, können die Italiener nicht gut damit umgehen; die Deutschen können es. Der Fußball hier ist vielleicht nicht so schön wie in Spanien, Holland oder England. Aber er ist schwer zu schlagen. Und die Stadien sind in Deutschland fast immer voll, das ist wunderbar.
Sehr stark. Und gegen uns sind Gegner immer besonders motiviert. Deshalb ist es schwieriger für Bayern München, Meister zu werden, als zum Beispiel für Bayer Leverkusen.
Ich trainiere das auch, aber nicht mit Läufen. Läufe sind für Tiere. Wir sind Fußballer, wir müssen mit dem Ball üben. Wir müssen die Wahl üben, die Entscheidungen auf dem Platz. Also das Gehirn trainieren. Ich hoffe, dass ich meine Spieler dabei beeinflussen kann. Aber auch nicht zu viel. Ein Robben oder ein Ribéry müssen auch ihre Identität und Kreativität behalten.
Ich kann Fußball leider nicht mehr selber spielen. Aber die Leidenschaft ist dieselbe. Und ich bin ein besserer Trainer als Fußballer. Das macht es einfacher, die Leidenschaft zu behalten.
Ich denke, die Leute mögen mich. Von der ersten Minute an. Die Menschen finden das gut, dass ich schreie und im Training sehr laut bin. Und weil ich viele Autogramme schreibe. Deshalb war ich immer populär, auch bei den schlechten Resultaten. Aber so schlecht waren sie ja gar nicht.
Nein, ich sage meinen Spielern alles so, wie ich es denke, wie ich es fühle. Das war am Anfang sehr schwierig für sie, weil ich so kritisch war. Aber inzwischen wissen sie gar nicht mehr, wie ihnen geschieht, weil ich so viele Komplimente mache. Ich bin ein Mensch, der gerne loben will, aber das ging nicht in den ersten drei Monaten. Dafür war die Leistung nicht gut genug.
Ich kann die Zeit vor mir, mit Klinsmann, nicht beurteilen. Ich weiß nur, dass die Spieler mich immer gemocht haben, vom ersten Tag an. Ich war sehr kritisch, sehr hart die ersten drei Monate, aber sie haben mich immer gemocht.
Barcelona, Manchester United, Chelsea sind immer noch einen Schritt zu weit voraus. Aber jetzt können wir auch gegen solche Mannschaften gewinnen. Nur würde ich mein Geld nicht darauf wetten.
Das war die größte Enttäuschung meiner Karriere. Aber ich werde noch eine WM mitmachen, oder auch eine EM, das ist für mich dasselbe. Ich will dieses Gefühl erleben. Ich denke, dass Bayern mein letzter Klub ist. Und dann gehe ich nach Portugal, und dort warte ich auf ein schönes Angebot von einer guten Nationalmannschaft.
Abwarten. In zwei Jahren bin ich vielleicht Deutscher.
Das Gespräch führte Christian Eichler.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa, REUTERS