FAZ.NET-Spezial: Uefa-Cup

Der „Cup der Verlierer“ als liebstes Kind der Deutschen

Von Tobias Rabe

22. Februar 2008 Vier von fünf - die deutsche Ausbeute in den Rückspielen der Zwischenrunde im Uefa-Cup ist überaus erfreulich. Von Franz Beckenbauer einst zum „Cup der Verlierer“ herabgewürdigt, ist der Wettbewerb derzeit das liebste Kind der Bundesliga-Klubs. Doch Vorsicht vor überzogenem Optimismus ist geboten: Anfang März folgen erst die Hinspiele des Achtelfinales. Noch ist wenig gewonnen für Deutschland - sieht man einmal vom gefestigten Platz in der Fünfjahreswertung ab -, zumal ein Klub aus dem deutschen Quartett garantiert ausscheiden wird - die unglückliche Auslosung macht es möglich.

Im Achtelfinale empfängt Bayer Leverkusen zunächst den Hamburger SV zum nationalen internationalen Kräftemessen, eine Woche später entscheidet sich im hohen Norden der Republik, wer die Segel streichen muss. Diese Konstellation ist besonders schade, haben doch beide Mannschaften zuletzt bewiesen, dass sie das Zeug haben, weit, sogar sehr weit im Uefa-Cup kommen zu können. Bayers Gala gegen Galatasaray kombinierte das seit Jahren bekannte spielerische Offensiv-Potential mit Effektivität. Hamburgs torloses Remis gegen Zürich reichte nach dem souveränen 3:1 im Hinspiel in der Schweiz ebenfalls zum ungefährdeten Einzug in die nächste Runde.

Ein souveränes Quartett und ein ganz knappes Duell

Mit dem gleichen Ergebnis wie Bayer setzten sich die Bayern durch, nicht ganz so glanzvoll, aber dennoch souverän gegen einen limitierten Gegner aus Aberdeen. Erfreulich ist für „Mathematiker“ Hitzfeld, dass er einige Stammspieler ungestraft für das Bundesliga-Spitzenspiel gegen Hamburg am Sonntag schonen konnte. Auch die beiden Tore von Lukas Podolski wird der zum Saisonende ausscheidende Münchner Fußball-Lehrer mit Wohlwollen registriert haben. Bremens glanzloser 1:0-Erfolg in Braga mit dickem Hinspiel-Polster war nicht viel mehr als 90-minütiges Kraftsparen vor dem Ligaauftritt in Frankfurt schon am Samstagnachmittag.

Während das letztlich erfolgreiche Quartett mehr oder weniger souverän ins Achtelfinale einzog, war nach der vermeidbaren wie ungünstigen 0:1-Niederlage in Lissabon für den 1. FC Nürnberg schon vor dem Rückspiel klar, dass es ein Duell mit knappem Ausgang geben wird. Ein „Abschenken“ der Zusatzbelastung Uefa-Cup hätte das Team um den neuen Trainer Thomas von Heesen den Fans im ausverkauften Stadion nicht antun dürfen. Also kämpften und spielten sie, immer in der Hoffnung, das so bitter benötigte Erfolgserlebnis vielleicht gegen das gar nicht mehr so große Benfica vergangener Jahrzehnte feiern zu können.

Von Heesen ist nun vor allem als Psychologe gefragt

Nach den Treffern von Charisteas und Saenko sah es tatsächlich so aus, als wenn der in der nationalen Liga abstiegsbedrohte „Club“ auf der europäischen Bühne für einen Paukenschlag hätte sorgen können. War den Nürnbergern die Verunsicherung zunächst noch in jeder Spielsituation anzumerken, steigerte sich das Selbstwertgefühl mit den Toren deutlich sichtbar mit jeder Minute. Erst Cardozos unbarmherziger Todesstoß in letzter Minute riss den „Club“ ins Tal der Tränen, di Marias Ausgleich hatte nur noch statistischen Wert an einem dieser besonderen Europapokal-Abende.

Nun stehen die Nürnberger am Scheideweg. Solch ein dramatisches Aus kann eine Fußball-Mannschaft zerbrechen lassen, auch wenn der Fokus zurecht nicht auf dem Uefa-Cup, sondern dem Alltagsgeschäft Bundesliga lag. Doch diese schmerzlichen Sekunden, als Benfica mit einem einzigen Glücksschuss die Arbeit von 180 Minuten zerstörte, brennen sich, ob man will oder nicht, ins Gedächtnis ein. Wie reagiert das Team im Abstiegsgipfel gegen Cottbus, wenn es kurz vor Ende knapp führt? Thomas von Heesen ist nun vor allem als Psychologe, denn als Fußball-Trainer gefragt.

Der Uefa-Cup muss zum „Cup der Gewinner“ werden

In der Champions League wehrt sich als einziger deutscher Vertreter Schalke 04 durchaus achtbar gegen das Aus. Nach dem 1:0 gegen Porto stehen die Chancen gar nicht so schlecht für das Vordringen in den Kreis der aktuell acht besten Teams des Kontinents. Im Uefa-Cup muss nun ein Quartett in knapp zwei Wochen beweisen, dass die deutsche Qualität international zumindest im Uefa-Cup ausreicht, um über das Achtelfinale deutlich hinauszukommen (Siehe auch: Das Uefa-Cup-Achtelfinale im Überblick).

Leverkusen oder Hamburg, einer wird im direkten Duell leider auf der Strecke bleiben. Die Bayern haben mit dem RSC Anderlecht, zumal sie zunächst in Belgien antreten müssen, eine lösbare Aufgabe erwischt. Bremen, ebenfalls zunächst auswärts, misst sich mit den Glasgow Rangers, die zwar in Schottland eine feste Größe sind, international aber oft nicht viel mehr als britischen Kampf zu bieten haben. Doch der Weg zu Zählbarem ist ein weiter. Dennoch: Es wird Zeit, den Uefa-Cup im EM-Jahr zu einem „Cup der deutschen Gewinner“ zu machen.



Text: FAZ.NET
Bildmaterial: ddp

 

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