Cottbus

Kampf dem Drei-Jahres-Rhythmus

Von Matthias Wolf, Cottbus

22. Juli 2008 Es ist Sommerpause, auch in Cottbus. Doch von Ruhe in der Hölle der Lausitz, wie das Stadion der Freundschaft, genannt wird, keine Spur. Auch jetzt nicht, um 19 Uhr, wenn die Spieler längst Feierabend haben. Unten, auf dem Rasen, gibt Bernd Anderlick laute Kommandos. Er scheucht die neue 26 Jungs und Mädchen starke Balljungen- und Fahnenträgermannschaft mit einer riesigen rot-weißen Flagge über den Platz. „Ein bisschen schneller, hoch das Teil. Und immer lächeln!“

Oben, auf der alten Westtribüne, sind die Maler am Werk. Sie pinseln im Akkord, während auf der Südseite des Stadions ein Kran immer wieder Stahlrohr-Teile für die neue, über drei Millionen Euro teure Tribüne heranschafft. Hier wird gearbeitet, bis es dunkel wird. Am 8. August soll alles fertig sein, dann hat Cottbus ein geschlossenes Stadion, so wie alle anderen Vereine auch. „Dann sieht das bei uns nicht mehr aus wie ein Dorfkickplatz, sondern es ist eine richtige Arena“, sagt Ulrich Lepsch stolz.

Hart aber erfolgreich: Energie-Trainer Bojan “Krassnikar“ Prasnikar

Hart aber erfolgreich: Energie-Trainer Bojan "Krassnikar" Prasnikar

„Wir werden wieder gegen den Abstieg kämpfen, ganz klar“

Der Präsident sitzt an diesem Abend gleich nebenan, in der Geschäftsstelle, die immer noch eine Containerburg ist. Vier Stunden lang brütet er mit seinen Vorstandskollegen auch und vor allem darüber, wie „wir es schaffen können, uns als kleiner Verein in der Bundesliga zu etablieren“, sagt Lepsch. Die Zeiten, als sie in der strukturschwachen Region den Aufstieg nur als Urlaub von der zweiten Liga begriffen, sind vorbei.

Stolz sind sie, der einzige Ost-Erstligaklub zu sein: „Um dabei zu bleiben, tun wir alles, was die Verbesserung des Kaders und die Infrastruktur betrifft“, so Lepsch. Natürlich sind sie nicht so vermessen und zählen sich schon zum Inventar. Der FC Energie geht in seine fünfte Bundesligasaison und kämpft gegen eine Art Rhythmus: Die jüngere Vereinsgeschichte seit der Wende ist geprägt von Drei-Jahres-Etappen. Drei Jahre Oberliga, drei Jahre Regionalliga, drei Jahre zweite Liga, drei Jahres Bundesliga, drei Jahre zweite Liga - und nun? Wieder nur noch ein Jahr Eliteklasse? „Wir werden wieder gegen den Abstieg kämpfen, ganz klar“, sagt Lepsch, „aber der Abstand zu den anderen ist kleiner geworden und damit auch die Wahrscheinlichkeit größer, dass wir drin bleiben.“

„Die besten Nerven für den Existenzkampf“

Einmal mehr hofft er auf Gegner, die unten rein rutschen und sich im Existenzkampf nicht zurechtfinden, so wie der 1. FC Nürnberg in der vergangenen Saison. „Wir haben die besten Nerven für den Existenzkampf“, behauptet Kapitän Timo Rost: „Wer uns schon vorher wieder abschreibt, der ist selber schuld.“ Vom Etat her gehören die Lausitzer mit ihren 23 Millionen Euro wieder zu den Kleinsten in der Liga.

Auch die Neuen im Team sind wieder weitgehend Unbekannte: Savo Pavicevic (FK Novi Sad), Cagdas Atan (Trabzonspor) und Marco Kurth (Erzgebirge Aue) für die Defensive. Zudem Stürmer Emil Jula vom rumänischen Klub Otel Galati und Danny Galm (Eintracht Frankfurt Amateure) sowie Torhüter Nummer drei, Philipp Pentke (FC Augsburg).

Sparkassendirektor wirbt weiter fürs Sparen

Viele Fans konnten auch nicht verstehen, dass der Verein (bisher nur zwei Millionen Euro Transferausgaben) sich auf dem Spielermarkt wieder einmal zurück hielt - obwohl in der vergangenen Saison neun Millionen Euro Gewinn vor Steuern gemacht wurden und der noch vor zweieinhalb Jahren vor der Insolvenz stehende Klub längst schuldenfrei ist. Lepsch, von Beruf Sparkassendirektor, sagt dazu immer wieder: „Wir geben auch weiterhin nur soviel aus, wie wir sicher einnehmen.“

Man könne nicht davon ausgehen, dass die Ertragslage immer so gut sei und werde deshalb nur dann noch einmal einkaufen, „wenn sich was richtig Gutes ergibt“. Billig muss es obendrein sein. Vornehmlich finden sie diese Spieler in Osteuropa. Bisher kein einziges Talent aus den eigenen Reihen an die Bundesliga herangeführt zu haben - das ist vielleicht der letzte Makel des FC Energie, den es noch zu beseitigen gilt, sagt Lepsch: „Wir gehen bei unserer Nachwuchsförderung jetzt ganz neue Wege.“

Prasnikar der „Krassnikar“

Trainer Bojan Prasnikar hat sich in die Ausbildung der Jugendspieler mit eingeschaltet. Ansonsten hat auch er die Philosophie des Klubs längst verinnerlicht. „Es ist eine besondere Leistung, wenn man mit weniger viel mehr erreicht als andere, die mehr haben.“ Seinen Spielern hat er auch in der Vorbereitung täglich eingeimpft, dass sie mehr arbeiten müssen als andere. „Natürlich haben viele Vereine die besseren Spieler“, sagt Prasnikar, „das müssen wir wieder mit Herz und Leidenschaft ausgleichen.“

Einige Profis, wie Rost, haben auch schon unter Drillmeister Eduard Geyer trainiert und sind unter Petrik Sander immer wieder die Treppen zur Skiflugschanze in Oberhof hoch gelaufen. „Aber so hart und viel wie unter Prasnikar“, den einige intern schon „Krassnikar“ nennen, weil seine Übungseinheiten nie unter zwei Stunden dauern, „mussten wir noch nie laufen“, erklärt der Mittelfeldspieler.

Mit zwei Punkten war Energie im September 2007 abgeschlagener Letzter, als der Slowene kam, viele Trainerkandidaten wie Jürgen Kohler sagten ab. „Zum Glück“, betont Lepsch heute, „wir haben den besten Trainer bekommen, den wir uns vorstellen können.“ Prasnikar peilt in dieser Saison Rang dreizehn an und darf sich der Rückendeckung seines Tennispartners Ulrich Lepsch absolut sicher sein. Prasnikars Vertrag wurde bis 2010 verlängert. Er gilt für Liga eins und zwei. Prasnikar habe eine Jobgarantie, betont Lepsch. Doch wirklich ein Thema ist der Abstieg in Brandenburg nicht. Schließlich richten sie sich gerade häuslich ein in der Bundesliga.



Text: FAZ.NET
Bildmaterial: dpa, picture-alliance/ dpa, REUTERS

 
Aktuell keine Veranstaltungen
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche