Sport verbal

Und das Fußball-Wort des Jahres ist ...

Von Thomas Klemm

31. Dezember 2008 Der Fußball feiert sich ja am liebsten selbst und ständig, und darum hat er eine Reihe von Anlässen erfunden, um tolle Titel zu vergeben: Deutschlands Fußballer des Jahres, Europas Fußballer des Jahres, Weltfußballer des Jahres, Fußball-Schiedsrichter des Jahres, Fußballtrainer des Jahres, Fußballspiel des Jahres, Fußballbuch des Jahres, Fußballspruch des Jahres (und damit längst nicht genug).

Was in letzter Zeit leider etwas vernachlässigt wurde, ist die Kür zum Fußball-Wort des Jahres, und die muss an dieser Stelle unbedingt nachgeholt werden. Also, sehr verehrte Damen und Herren, das Fußball-Wort des Jahres ist - tätärätä, trommeltrommeltrommel -, nein, weder „TSG Hoffenheim“ noch „1899 Hoffenheim“ und auch nicht „das Projekt Hoffenheim“; das Wort des Jahres soll sich ja nicht auf eine außergewöhnliche Erscheinung beziehen, sondern ein allgemeines Phänomen widerspiegeln. Darum ist das Fußball-Wort des Jahres das genaue Gegenteil von „Hoffenheim“. Es lautet: Ergebniskrise.

„Hier herrscht kein Chaos, sondern eine Ergebniskrise“

Ergebniskrise, das passt nicht nur bestens zum Begriff „Finanzkrise“, den die Gesellschaft für deutsche Sprache kürzlich zum Wort des Jahres 2008 gekürt hat. Das Wort war in diesem Bundesliga-Jahr auch im Munde vieler Vereinsfunktionäre, um sportliche Rückschläge beschönigend zu beschreiben. Nach dem Motto: Jaja, die Mannschaft hat ein paarmal nicht gewonnen, sie hat die Erwartungen nicht erfüllt, aber das hat überhaupt rein gar nichts mit der guten Arbeit zu tun, die im Verein geleistet wird.

So erscheint die Ergebniskrise, von der in Schalke, Bremen, München und anderswo die Rede war, als ein Ereignis, das über die Klubs hereingebrochen ist, ohne dass jemand konkret dafür zur Verantwortung gezogen werden kann (außer dem Trainer, der dann und wann als Krisenopfer herhalten muss). Eine Ergebniskrise gilt somit als eine kleine Betriebsstörung, die losgelöst erscheint vom großen und ganzen Unternehmen. Ganz im Sinne des Leverkusener Sportdirektors Rudi Völler, der einst feststellte: „Hier herrscht kein Chaos, sondern eine Ergebniskrise.“

Auf Umwegen doch wieder beim „Projekt Hoffenheim“ gelandet

Wer den Begriff erstmals im Fußball gebraucht hat, ist nicht ganz klar. Wahrscheinlich war es Harald „Toni“ Schumacher, der als Trainer des damaligen Zweitligaklubs Fortuna Köln vor knapp zehn Jahren das heutige Modewort vorwegnahm. Ob Schumacher wusste, dass er sich aus der Wirtschaftssprache bedient hatte?

In der Ökonomie wird von einer Ergebniskrise gesprochen, wenn Zielvorgaben bezüglich Gewinn und Rentabilität nicht mehr eingehalten werden. Die Übernahme des Wortes zeigt, wie sehr der Kapitalismus (bis in die Begrifflichkeit hinein) den Fußball beeinflusst. Somit wären wir auf Umwegen doch wieder beim „Projekt Hoffenheim“ gelandet.

Text: F.A.S.
Bildmaterial: Thilo Rothacker

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