Fußballvermarktung

Alle Macht den Zuschauern

Von Patrick Bernau

27. Juli 2008 Die Manager der Fußball-Bundesliga ärgern sich. Eigentlich wollten sie ja, dass die Spiele der Fußball-Bundesliga von Sommer 2009 an erst nach 22 Uhr im kostenlosen Fernsehen gezeigt werden und vorher nur im Bezahlfernsehen. Dann wären nämlich die Übertragungsrechte für das Bezahlfernsehen wertvoller geworden – und umso mehr Geld hätte die Bundesliga dafür verlangen können. Doch das Bundeskartellamt hat das verboten. Stattdessen müssen die wichtigsten Szenen der Spiele schon vor 20 Uhr frei zu empfangen sein.

Das freut die Fußballfans. Sie hätten aber noch mehr Grund zur Freude, wenn das Kartellamt konsequenter gewesen wäre. Das findet zumindest der Ökonom Justus Haucap an der Universität Erlangen-Nürnberg, der auch der Monopolkommission vorsitzt. Dann gäbe es wohl bald mehr Spiele im Fernsehen, und zwar kostenlos.

Das Problem hat einen Namen: Zentralvermarktung. Das heißt: Die Fernsehrechte für alle Bundesligaspiele werden zentral von der Deutschen Fußball Liga (DFL) verkauft, die die Bundesliga organisiert – und nicht etwa von Bayern München oder dem VfL Wolfsburg, also den einzelnen Heimvereinen, die die Spiele ausrichten. „Nüchtern betrachtet, handelt es sich bei der Zentralvermarktung um eine Kartellvereinbarung“, sagt Kartellamtschef Bernhard Heitzer. Das Kartellamt hat die Zentralvermarktung trotzdem ausnahmsweise genehmigt. Doch es ist wie so oft mit Kartellen: Wenn sie ganz verboten wäre, wäre Fußball für die Fans ein noch größerer Genuss als heute.

Live-Übertragungen wären vermutlich günstiger

Denn die Live-Übertragungen wären vermutlich günstiger. Schließlich hat Kartellamtspräsident Heitzer selbst festgestellt: In England, wo die Premier League noch härter vermarktet wird, sind die Bezahlsender viel teurer. Denn mit der Zentralvermarktung schafft die Fußballliga ein Monopol auf die Spiele – nicht nur bei sich, sondern auch bei den Sendern. Die können dann umso mehr für das Abo verlangen. „So entscheiden die Vermarktungskartelle, was im Fernsehen gezeigt wird“, sagt der Hamburger Sportökonom Jörn Quitzau. Viele Spiele der Premier League sind im Fernsehen gar nicht live zu sehen.

Das ist in Deutschland nicht so – zum Glück für den Fan. Doch sein Glück könnte noch größer werden: Wenn Vereine wie Energie Cottbus ihre Spiele selbst an die Fernsehsender verkaufen dürften, könnten solche Spiele sogar öfter live im kostenlosen Fernsehen zu sehen sein, vermutet der Ökonom Justus Haucap. Denn dann könnten kleinere Sender die Spiele auch einzeln kaufen. Was dann passiert, hat der MDR am Freitagabend am Beispiel der dritten Liga gezeigt: Er übertrug das Spiel zwischen Rot-Weiß Erfurt und Dynamo Dresden. Andere Spiele würden vielleicht gleichzeitig ins Internet übertragen. Zwar fürchten manche wie der Magdeburger Ökonom Joachim Wiemann, dass dann Bayern am Ende nur noch auf Premiere spielt. Doch diese Gefahr hält Jörn Kruse von der Bundeswehr-Uni Hamburg für gering: Premiere habe so wenig Zuschauer, dass die Bayern dann Schwierigkeiten mit ihren Sponsoren bekämen.

So könnte sich alles auf eine Weise einpendeln, die Fußballmanagern und Fans gefällt. Stattdessen haben jetzt die Bundesliga-Manager und das Kartellamt zentral geplant, wann die Deutschen Fußball gucken dürfen. Fußball, eine Planwirtschaft.

EU hat Fußballkartelle in Europa grundsätzlich erlaubt

Dass diese Zentralplanung überhaupt erlaubt ist, liegt an der Europäischen Union. Die hat Fußballkartelle in Europa grundsätzlich erlaubt – mit einem Argument, das die Liga-Manager überall in Europa wiederholen wie die Zuschauer in der Fankurve ihre Lieder: Gerade Vereine wie der VfL Wolfsburg und Energie Cottbus seien auf die Zentralvermarktung angewiesen. Denn wenn nicht die Bundesliga das Geld für die Fernsehrechte verteile, bekämen Wolfsburg und Cottbus viel weniger Geld ab als heute. Dann könnten sie sich weniger Spieler leisten, und die Spiele in der Bundesliga würde langweilig. Das Vermarktungsmonopol der DFL sei wichtig für den Wettbewerb zwischen den Vereinen.

Und wie wichtig es ist, dass der sportliche Wettbewerb zwischen den Vereinen funktioniert, zeigt zum Beispiel Spanien: Wo Real Valladolid keine Chance mehr hat, sein Spiel gegen Real Madrid zu gewinnen, mag bald kaum noch jemand das Spiel überhaupt sehen.

Doch dieser Wettbewerb funktioniere auch ohne Finanzausgleich, glaubt Henning Vöpel beim Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut. Zwar hätten dann die kleineren Vereine tatsächlich weniger Geld, aber das gehe ja allen Vereinen so – am Ende verdienten zwar manche Fußballspieler weniger, an der Verteilung auf die Vereine ändere sich aber nichts. „Klose spielt dann nach wie vor bei Bayern München und Mike Hanke bei Hannover 96.“ Der Finanzausgleich verhindere sogar, dass die Qualität in der Liga steige und sich ein Verein finde, der auch in der Champions League Erfolg hat. Vöpel: „Er verhindert, dass Cristiano Ronaldo bei Bayern München, Miroslav Klose bei Hannover 96 und Mike Hanke bei Arminia Bielefeld spielt.“

Mike Hanke ins Ausland

Nun könnte es passieren, dass Spieler wie Mike Hanke in so einer Situation nicht zu Arminia Bielefeld wechseln, sondern ins Ausland. Dann wäre das Ungleichgewicht in der Bundesliga tatsächlich größer geworden. Darum halten viele Ökonomen es tatsächlich für wichtig, dass Vereine wie Arminia Bielefeld nicht allzu arm werden.

Doch dafür brauche man die fanfeindliche Zentralvermarktung nicht, argumentiert der Hamburger Ökonom Jörn Quitzau. Die Bundesliga-Manager könnten stattdessen auch festlegen, dass Bayern München und Bayer Leverkusen Geld in einen Topf zahlen müssen, aus dem Energie Cottbus und Arminia Bielefeld Zuschüsse bekommen. Dann könnten die Fans ihre Lieblingsvereine öfter im Fernsehen oder im Internet sehen. Energie Cottbus hätte immer noch genügend Geld – und die Bayern würden vermutlich auch mitmachen. Die wissen nämlich ganz genau, wie wichtig die kleineren Vereine für den Fußball sind: Als St. Pauli 2003 kurz vor der Pleite stand, half Bayern München aus und kam kostenlos zum Benefizspiel nach Hamburg.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa

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