Energie Cottbus

Der Vulkan in der Lausitz

Von Matthias Wolf, Cottbus

09. Mai 2008 In dieser Woche zeigte Bojan Prasnikar auch der Öffentlichkeit einmal sein zweites Gesicht. Der ältere Herr mit den grauen Schläfen und den buschigen Augenbrauen war bisher stets als freundlicher Gesprächspartner aufgetreten, selbst nach empfindlichen Niederlagen und in den Monaten auf dem letzten Tabellenrang behielt er die Contenance.

Nun aber, nach dem 1:1 seines FC Energie Cottbus beim Karlsruher SC driftete er, der in seiner Heimat Slowenien auch schon als Schuldirektor arbeitete, deftig in die Gossensprache ab. Vor laufender Fernsehkamera schimpfte der Trainer über den unberechtigten Freistoß, der zum Gegentor führte und über drei Gelbe Karten, die ihn zur Neustrukturierung seiner Defensive gegen den Hamburger SV zwingen. Auf den letzten Metern hat auch den bisher gefassten Mitfünfziger der Stress im Abstiegskampf voll erfasst. „Es geht um sehr viel“, war ihm bald darauf die Sache schon peinlich, „wir müssen alle die Nerven bewahren.“

Präsident Lepsch kennt das emotionale Gemüt seines Trainers

Nur ganz kurz ist bei Prasnikar die Maske gefallen. „Der Mann ist in Wahrheit ein Vulkan“ behauptet Ulrich Lepsch, der Cottbuser Präsident, der mit ihm einmal pro Woche Tennis spielt und weiß, wie verbissen der ehemalige Nationaltrainer Sloweniens sein kann. „Wenn er aus sich heraus geht, dann wackelt der Tisch im Raum“, sagt Lepsch.

Seine Wutausbrüche fürchten auch die Spieler. Er hat schon einzelne Spieler zornig angebrüllt und in die Kabine geschickt. „Wer einmal die Zügel schleifen lässt, der ist ganz schnell raus, denn Prasnikar ist ein Disziplinfanatiker“, so Kapitän Timo Rost. Die Osteuropäer, in der Überzahl bei Energie, knöpft er sich auch gerne mal auf Serbokroatisch vor – und übersetzt es dann ins Deutsche, die Amtssprache bei Energie, die er täglich besser beherrscht.

Prasnikar, der Malocher

Abseits des Platzes wirkt Prasnikar wie der nette Onkel. Einer, der gerne in einem Thermalbad planscht, in dörflicher Umgebung im Spreewald wohnt und dessen größter Wunsch – neben dem Klassenerhalt – ein eigenes Fahrrad ist. Kommt seine Tochter Lara, zehn Jahre alt, nach Cottbus, dann spielt er mit ihr Fußball und schwärmt, wie viel Talent sie habe.

Genau so einen Typ der Extreme, betont Lepsch, hätten sie gebraucht in der Lausitz. Unter Prasnikars Vorgänger Petrik Sander, so Rost, hätte zuletzt jeder Spieler gemacht, was er wollte. Lethargie hatte viele erfasst. Prasnikar ist ein Malocher, der selbst nach Triumphen wie gegen Bayern München nicht feiert, sondern gleich heim fährt und sich die Videobänder vom nächsten Gegner anschaut. „Zukunft ist wichtiger als Vergangenheit, auch im Fußball“, sagt der Diplom-Sportlehrer, der Energie eine beachtliche Spielkultur anerzogen hat. „Einen Entwicklungssprung“ sieht Lepsch dank Prasnikar, der schon im Alter von 25 Jahren als Spielertrainer mit NK Smartno in die erste slowenische Liga aufstieg.

„Die anderen haben bessere Spieler, also müssen wir mehr arbeiten“

Mittlerweile machen viele in Cottbus drei Kreuze, dass Jürgen Kohler, der eigentlich schon zugesagt hatte, kurz vor Ultimo kalte Füße bekam. Wohl auch, weil einer wie Udo Lattek, in Unkenntnis der wahren Gründe für die Entlassung von Sander, betonte: Wer etwas auf sich halte, der heuere nicht in Cottbus an. „Ich hatte gleich ein gutes Gefühl und wusste, dass das meine Chance ist“, sagt Prasnikar, der eher zufällig in der Lausitz landete. Aus Journalisten- und Spielerberaterkreisen kam der Tipp, dass in dem kleinen Dorf Smartno ob Paki eine große Trainernummer sitze, die auf die Bundesliga brenne.

Seitdem hat er in sieben Monaten immerhin 31 Punkte geholt, mit Methoden, über die sie anderswo die Nase rümpfen würden. Prasnikar ist ein Trainer der alten Schule. Von Athletikcoaches, Psychologen oder Ernährungsberatern hält er wenig – er bestimmt alleine. Seine Trainingseinheiten sind nie kürzer als zwei Stunden. „Die anderen haben bessere Spieler, also müssen wir mehr arbeiten“, sagt er und hält seinen Spielern ständig eine Taktiktafel unter die Nase. Er ist hart in seinen Urteilen. Ein bisschen oberlehrerhaft, sagen die Profis. Manchmal kämen sie sich vor wie kleine Kinder, auch wenn Prasnikar vom „Spielplatz“ spricht und das Fußballfeld meint. Aber er habe „viele gute Ideen. Mit seinem Detailwissen über den Gegner verblüfft er uns immer wieder“, sagt Rost.

In Cottbus werden die Klischees wieder herausgekramt

Prasnikar, der kluge Taktiker. Der NK Maribor sensationell in die Champions League geführt hat, oder Sloweniens Nationalelf zu Siegen wie gegen Italien. „Ohne Plan geht nichts“, sagt er, der so gerne in Bildern spricht, „man kann nicht eine verkehrsreiche Straße überqueren, ohne auf die Autos zu achten, und nur auf sein Glück hoffen.“ Energie Cottbus hat die andere Straßenseite, das sichere Ufer, noch nicht erreicht.

Weshalb sie in der kleinsten Bundesligastadt noch einmal mobil machen. Das Stadion wird wohl zum zweiten Mal in dieser Saison ausverkauft sein. Die Klischees werden wieder bemüht. „Wenn wir es schaffen, mit unseren geringen Möglichkeiten, wäre das ein neues Wunder“, sagt Manager Steffen Heidrich, der in Karlsruhe schon die Nerven verlor und auf der Tribüne landete. Prasnikar behauptet, er sei ganz ruhig vor dem HSV-Spiel, das er ein Finale nennt. Intern, weiß Timo Rost, werde er aber das Team wieder so anspornen, „dass wir ein Feuerwerk abbrennen“.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ddp, dpa

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