Von Elisabeth Schlammerl, München
03. Dezember 2007 Da hat Uli Hoeneß einfach nicht aufgepasst und ist mitten hineingetreten in diese Falle, die ihm gelegt wurde. Und nun müssen sie beim FC Bayern womöglich bis zur Winterpause erklären, warum Lothar Matthäus vermutlich doch keine Chance haben wird, Trainer Ottmar Hitzfeld zu beerben. Weder kurzfristig noch mittelfristig. Höchstens ganz, ganz langfristig.
Der Manager hatte auf die Frage eines Fernsehmoderators, ob er sich den Weltmeister von 1990 als Trainer beim FC Bayern vorstellen könne, geantwortet, dass man sich nun, anders als in der Vergangenheit, auch mal mit diesem Thema beschäftigen könne, weil Matthäus ja jetzt den Trainerschein machen wolle.
Was hat Hoeneß da angerichtet?
Mit diesem Satz, der viel Interpretationsspielraum lässt, hat Hoeneß einiges angerichtet. Die Trainerdiskussion ist seit der Kritik des Vorstandsvorsitzenden Karl-Heinz Rummenigge an Hitzfeld ohnehin in vollem Gange in München. Die Vereinsführung war während der Länderspielpause Mitte November vor allem mit Dementis beschäftigt. Jetzt, rund um den Bayern-Sieg in Bielefeld (Siehe auch: 1:0 in Bielefeld: Bayern gewinnen ohne Glanz) haben die Gerüchte wieder neue Nahrung bekommen, und bei Teilen des Boulevards war die Aussage des Bayern-Managers ein Signal, Matthäus' Rückkehr zu forcieren. Denn eines ist sicher: Für die Medien wäre der redselige Matthäus ein riesiger Gewinn.
Die Debatte um Matthäus ist ganz sicher nicht im Sinne von Hoeneß. Der wollte vielleicht nur nett sein im Fernsehen. Endlich einmal wieder, nachdem er zuletzt zu den Fans ein bisschen garstig gewesen war und deshalb nun viele denken, dass der Münchner Manager ein sehr unfreundlicher Mensch ist. Außerdem hat sich das Verhältnis der Bayern-Führung zu Lothar Matthäus tatsächlich sehr gebessert und normalisiert nach dem Streit um die Gage für sein Abschiedsspiel.
Im Sommer 2003 hatte der deutsche Rekordnationalspieler den deutschen Rekordmeister verklagt, und in diesem Zusammenhang war damals der legendäre Satz von Hoeneß gefallen: "Solange ich hier etwas zu sagen habe, wird Matthäus bei Bayern nicht mal Greenkeeper."
Als Trainer bislang nie der Idealfall
Matthäus war damals beleidigt, obwohl er den Posten des Rasenpflegers an der Säbener Straße noch nie angestrebt hatte. Er wollte schnell ganz nach oben, am liebsten Teamchef der deutschen Nationalmannschaft werden. Aber er hat dann doch kleiner angefangen und oft bei der Wahl seiner Arbeitgeber nicht gut oder lange genug hingeschaut. Meistens war er deshalb immer schnell wieder weg. Mit Rapid Wien wäre er zu Beginn seiner Trainerkarriere beinahe abgestiegen, was allerdings nicht unbedingt an ihm lag.
Mit Partizan Belgrad wurde er danach zwar Meister, aber schon nach gut einem Jahr endete die Episode. Er übernahm die ungarische Nationalmannschaft, hoffte vermutlich auf den großen Wurf, die WM-Qualifikation, aber die Magyaren waren eher Rumpelfüßler auf dem Rasen. Sein Plan scheiterte, und er wechselte nach Brasilien zum Weltklub Atletico Paranaense - sechs Wochen später war er wieder weg. Matthäus führte private Gründe an, aber vielleicht trieb ihn die Hoffnung zurück, daheim in Deutschland den in die Kritik geratenen Teamchef Jürgen Klinsmann ein halbes Jahr vor der WM beerben zu können.
Klinsmann blieb bekanntlich, und Matthäus ging nach Salzburg. Einen Tag war er dort Cheftrainer, ehe ihm Giovanni Trapattoni vor die Nase gesetzt wurde. Er hat als Assistent ein Jahr durchgehalten, länger, als viele prophezeiten, aber dann kritisierte er die Torverhinderungstaktik des Italieners laut. Zu laut, wie Klubchef Mateschitz fand und ihn entließ. Seitdem ist Lothar Matthäus auf der Suche. Wo immer ein Trainer entlassen wird oder auch nur ein Trainerstuhl wackelt, der Franke ist im Gespräch - oder bringt sich selbst ins Gespräch.
Ein Angebot der Bayern kann man nicht ablehnen
Er will sich als erstklassiger Trainer profilieren und hätte allein aufgrund seines Fußballsachverstandes, seiner Gabe, ein Spiel lesen zu können, und seines Instinkts auch beste Voraussetzungen, erfolgreich zu sein. Aber seine ehrliche, manchmal naive Art stand und steht ihm im Weg. Er kann seine Absichten nicht verbergen und manchmal auch nicht seine kindliche Freude, wenn ein Klub wie der FC Bayern ihn lobt. "Ein Angebot der Bayern kann man nicht ablehnen", sagte er nach Hoeneß' Worten im Fernsehen. Dass es überhaupt kein Angebot war, merkte Matthäus offensichtlich gar nicht.
Es gibt nur wenige ehemalige Profis in Deutschland, die derart von öffentlicher Aufmerksamkeit, von ihrer Popularität abhängig sind wie Matthäus. Nicht die Mannschaft, sondern er ist der Star. Aber beim FC Bayern wäre nicht er der Star, sondern die Mannschaft. Lothar Matthäus war ein großer Spieler, aber es gibt Zweifel, ob er jemals ein großer Trainer wird. Es fehlt ihm manchmal die Zurückhaltung, der natürliche Reflex auf Distanz. Und Bayern kann sich auf der Trainerposition keine Experimente erlauben. Matthäus sollte sich keine großen Hoffnungen auf ein baldiges Engagement bei den Münchnern machen - und lieber noch etwas warten mit der Haussuche.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 02.12.2007, Nr. 48 / Seite 18
Bildmaterial: dpa
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