Von Elisabeth Schlammerl, München
30. Juni 2009 Die Woche hat gut begonnen für Michael Rensing, sehr gut sogar. Der FC Bayern München beendete drei Tage vor dem Trainingsstart seine Torwartsuche. Uli Hoeneß verkündete, dass man sich nicht weiter um Manuel Neuer von Schalke 04 bemühen werde. Es gibt auch keine Alternativkandidaten. Wir gehen mit Jörg Butt und Michael Rensing in die Saison, sagte der Manager. Es ist sportlich wohl das erste kleine Erfolgserlebnis seit ein paar Monaten für den Fünfundzwanzigjährigen, dessen Karriere beim deutschen Fußball-Rekordmeister im Frühjahr schon zu Ende schien, noch ehe sie richtig begonnen hatte. Jetzt aber könnte vielleicht doch noch alles so kommen, wie sich Rensing das einmal vorgestellt hatte. Ich sehe es als große Chance, sagte er zur neuen Situation.
Er muss sich mit Butt um die Rolle der Nummer eins streiten. Der Kampf beginnt an diesem Mittwoch, wenn der neue Trainer Louis van Gaal die Mannschaft des FC Bayern zum ersten Training versammelt. Rensing ist bestens vorbereitet auf das Duell mit Butt, denn seit Wochen trifft er sich regelmäßig mit Torwarttrainer Walter Junghans auf dem Gelände des FC Bayern. Er sei ein bisschen gelaufen und habe viele Torwarttrainings absolviert. Ich will es unbedingt wissen, sagt er. Anders als vor einem Jahr ist nun Rensing der Herausforderer. Er trägt zwar das Trikot mit der Nummer eins, aber er fühlt sich nicht mehr als Nummer eins beim FC Bayern. Oder noch nicht wieder. Ein Gespräch mit van Gaal hat es noch nicht gegeben, aber Rensing sieht die neue Konkurrenzsituation nicht als Nachteil, eher als Vorteil. Vielleicht sei es jetzt sogar einfacher, sich zu behaupten. Vor allem nach den Erfahrungen im Frühjahr, als er von Jürgen Klinsmann degradiert worden war. Etwas Extremeres und Schlimmeres kann einem sportlich nicht passieren.

Es fehlte das Vertrauen in Rensing
Vor einem Jahr hatte er Oliver Kahn beerbt, den großen deutschen Torwart-Titanen - und wurde stets mit dem Vorgänger verglichen. Ich hatte mir schon vorgestellt, dass es schwer werden würde, aber nicht so schwer, gibt er zu. Die Mannschaft war keine große Hilfe, denn es lief von Anfang an nicht rund in der Saison. Die Bayern kassierten viele Gegentreffer. Nicht weil Rensing zu viele Fehler unterliefen, sondern weil die gesamte Defensive zu oft patzte, die Verunsicherung im gesamten Team groß war. Es fehlte das Vertrauen, ein bisschen das der Kollegen, aber vor allem das des Trainers. Er wisse, das müsse man sich erarbeiten, sagt Rensing. Aber dazu brauche man eben auch Zeit. Zeit, die man beim erfolgsverwöhnten FC Bayern nicht bekommt.
Am Ende traf es ihn allein. Aber Trainer Klinsmann nahm Rensing nicht einfach nur aus dem Tor und beförderte den Vertreter Butt zur neuen Nummer eins. So, wie es geschah, kam es einer Demontage gleich. Rensing schien verbrannt für den FC Bayern, ein Abschied aus München unausweichlich. Aber ich lass' mich nicht so leicht verbrennen, sagt er jetzt mit der Aussicht auf eine Rückkehr ins Tor.
Neuer hat nichts, was ich nicht auch habe
Rensing kurierte eine Fingerverletzung aus, die er sich nach dem Verlust des Stammplatzes zugezogen und die ihm wenigstens den Frust der Ersatzbank erspart hatte. Und er wartete ab, was passiert. Nur einmal, kurz nach dem Ende der Saison, meldete er sich zu Wort und sagte, wenn eine neue Nummer eins kommen würde, dann gehe ich. Denn ein Torhüter, der viel Geld kostet, ist erst einmal gesetzt, weiß er. Egal, wie die Leistungen im Training sind. Viele Torwart-Kandidaten waren genannt worden, aber ernsthaft hatten die Bayern offenbar nur an Manuel Neuer Interesse. Als der Schalker ins Gespräch kam, klang es schon wieder ein bisschen anders, kampfeslustig. Der habe nichts, verkündete Rensing, was ich nicht auch habe.
Da ließen sich natürlich ein paar Dinge finden, die Neuer dem Münchner voraus hat, mal abgesehen von rund 40 Bundesligaspielen. Manchmal ist Rensing sehr selbstbewusst, vielleicht eine Spur zu selbstbewusst. Noch immer, obwohl er daran arbeitet. Ich werde mit mehr Demut an die Sache herangehen, sagt er. Und mit Kritik anders umgehen als in der vergangenen Saison. Er habe Fehler gemacht, gibt er zu. Weniger sportlich, als vielmehr im Umgang mit den Medien. Als ihm über Wochen ein paar Gegentore angelastet worden waren, zog er sich zurück und gab keine Interviews mehr. Da war ich zu dünnhäutig, sagt er. Ich hätte mich stellen müssen. Womöglich bekommt er nun beim FC Bayern doch noch einmal eine Chance zur Korrektur. Elisabeth Schlammerl

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ddp, dpa, picture-alliance/ dpa