Von Angelika Heinick, Paris
13. April 2007 So ehrwürdigen Alters und von solch imposanter Körpergröße zeigte sich bislang noch kein Empfangskomitee bei Christie's in Paris: Derzeit schmücken ein Wollnashorn, ein Höhlenbär und ein Mammut - vielmehr die Skelette der vor 10.000 bis 12.000 Jahren ausgestorbenen Zeitgenossen des Neandertalers und des Homo sapiens - die Eingangsräume an der Avenue Matignon. Christie's versteigert dort am 16. April, zu Beginn einer Auktion von Möbeln und Kunsthandwerk, knapp neunzig Lose mit frühgeschichtlichen Skeletten und Fossilien.
Die Sammlung fossiler Fische, Vögel und Reptilien kommt aus dem Besitz von Jean Bouhanna, einem französischen Tierarzt, der als Junge mit dem Fund eines versteinerten Seeigels seine Begeisterung für Fossilien entdeckte. Seine Leidenschaft führte Jean Bouhanna nach Italien, nach Monte Bolca in der Provinz Verona, einer seit dem 16. Jahrhundert bekannten Lagerstätte fossiler Fauna und Flora des etwa 50 Millionen Jahre zurückreichenden Eozäns im frühen Tertiär. Die Petrefakte sind Zeugnisse des warmen tropischen Meeres, das vor der Entstehung der Alpen Teile von Italien bedeckte. Prunkstück seiner Sammlung ist der Eoplatax Papilio oder Engelsfisch, dessen Nachfahren noch heute in tropischen Gewässern leben: Das in den Kalkstein gedrückte Exemplar mit dreieckiger Schwanzflosse und den wie Flügel aufgefalteten Bauch- und Rückenflossen gehört zu den schönsten seiner Art - nur vier weitere sind bekannt - und wird auf 50.000 bis 80.000 Euro geschätzt. Die in den zu Kalkgestein verhärteten Schlammsedimenten der Provence verewigte Gestalt eines Vogels aus dem etwas jüngeren Oligozän vor rund 34 bis 23 Millionen Jahren drückt den Zauber eines von der Natur geschaffenen Kunstwerks aus (8000/12.000 Euro).
Präsidiale Größe
Auf die 45 Lose umfassende Sammlung Bouhanna mit einem Gesamtschätzwert von 100.000 bis 150.000 Euro folgt ein Ensemble in Russland gefundener Trilobiten oder Gliederfüßler, die aus der fernen Zeit zwischen Cambrium und Perm (vor 545 bis 250 Millionen Jahren) erhalten sind. Das prachtvollste Exemplar ist der Trilobit Cheirurus Exell, der in aufgebäumter Pose mit hochgereckten Schwanzstacheln wie lebendig versteinert wirkt (12.000/15.000 Euro). The President, so der Name des Mammuthus primigenius von 4,80 Metern Länge und einer Höhe von 3,80 Metern, ist aufgrund seiner Statur und seines Schätzwerts von 150.000 bis 180.000 Euro eine Attrakation. Wie die Skelette des Mammuts und des mit zwei starken Hörnern bewehrten Wollnashorns (55.000/ 65.000 Euro), beides sibirische Funde, stammt auch der in einer Grotte im Ural entdeckte, 2,30 Meter hohe Höhlenbär (20.000/ 25.000 Euro) aus der Sammlung eines Pariser Geschäftsmanns.
Französische Paläontologen betrachten die Auktion, bei der man zudem erstmalig in Frankreich über Christie's Live im Internet mitbieten kann, mit Argwohn: Christian de Muizon vom Museum national d'Histoire Naturelle in Paris befürchtet eine Preisinflation, bei der die Museen nicht mithalten können. Außerdem gebe es ein Problem mit der Bestimmung der Herkunft der Objekte, erklärte er. Man könne den Skeletten nicht ansehen, aus welchen Teilen sie zusammengesetzt sind.
Kaum Chancen für Museen
Im Juli 2005 hatte das Museum im Pariser Drouot den Schädel eines Dinosauriers per Vorkaufsrecht erworben und nach Feststellung zu starker Restaurierungen wieder zurückgegeben. Tatsächlich haben die französischen naturhistorischen Museen, die über geringe Ankaufsetats verfügen, auf dem Markt kaum eine Chance. Zum bisher höchsten Preis von 8,3 Millionen Dollar und dank Sponsorenhilfe konnte das Field Museum in Chicago 1997 bei Sotheby's in New York das Skelett eines Tyrannosaurus Rex erwerben.
Noch ein weiteres ungewöhnliches Los bietet die Auktion: Ein 150 Kilo schwerer, 1967 in Russland geborgener Seymchan-Meteorit aus Stein, Eisen und Olivinkristallen, auf dessen Oberfläche sich beim Eintritt in die Erdatmosphäre im fusionierenden Metall durch Reibung Wellenlinien gebildet haben. Mit 90.000 bis 120.000 Euro hat auch dieser Bote aus unendlicher Ferne seinen Preis.
(Am 16. April bei Christie's in Paris.)
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 08.04.2007, Nr. 14 / Seite 63
Bildmaterial: Christie's
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