FAZ.NET-Spezial: Art Forum Berlin

Muss Kunst gut sein?

Von Rose-Maria Gropp

05. Dezember 2007 Der Gedanke, dass der Kunstmarkt die Kunst beherrscht, ist keineswegs neu. Aber vielleicht stimmt er in dieser Klarheit gar nicht mehr. Schon längst haben wir uns von der Idee verabschiedet, dass es überhaupt noch um die Kunst gehe (was in jenen Zeiten, als das Wünschen noch geholfen hat, so gewesen sein mag). Jetzt sollten wir endlich auch die Hoffnung aufgeben, dass es überhaupt noch „den Kunstmarkt“ gibt. Es gibt zuvörderst Spielarten von Repräsentation und Mechanismen der Verteilung von Kapital auf einem weltweiten Schauplatz, der folgerichtig zunehmend fragmentiert ist.

Eigentlich sehnen wir uns doch nur in jene kaum vergangenen Zeiten zurück, als der Kunstmarkt noch ein wenigstens halbwegs vorstellbarer, wenngleich komplizierter Kosmos war, den immerhin definierbare und namhaft zu machende und, je nach Temperament, Laune und Einstellung, zu geißelnde Kriterien und Machtdemonstrationen regierten. Ach, und damals, vor bald zwei Jahrzehnten, als der Marktplatz implodierte: Da konnte man die Big Players noch beim Namen nennen, konnte sich die armen (mit zweitklassigen Impressionisten überfütterten) Japaner als Verlierer ausgucken oder einen überforderten australischen Bierbrauer, der sich einen Van Gogh gönnen wollte, aber dann doch nicht bezahlen konnte.

Schaumschlägereien

Eine gewisse Schadenfreude durchwehte die eher kunstferne Welt angesichts solcher Spekulationen und Skandale. So war es eben: Der Kunstmarkt war böse, und die Kunst war gut. Natürlich ging es wieder weiter und aufwärts, und noch vor ein, zwei Jahren überboten sich Bücher und Zeitschriften mit Hinweisen, wie in die Kunst zu investieren wäre, um maximalen Gewinn dabei zu erzielen - auf dem Kunstmarkt. Das war auch die Zeit, in der sich, vor allem für den hochgeheizten Bereich der Gegenwartskunst, die zierliche Metapher einer „Blase“, die demnächst „platzen“ könnte, heranbildete. Die Blase ist inzwischen Schaum von gestern. Allerdings auch die Vorstellung von einem irgendwie noch überschaubaren Kunstmarkt.

Die inzwischen arg unklare Lage ließ die vorlauten Investitionstipps verstummen zugunsten einer neuen Spezies von Literatur. Es geht nicht mehr um Wie-spiele-ich-mit, sondern um Wie-funktioniert-das-denn. Da können nun viele Auskunft geben über den Kunstmarkt, wortgewandte Skeptiker oder analysefreudige Schöngeister, mit gesundem Menschenverstand oder Metaphernstärke. Je weniger zu durchschauen ist, umso beredter die Enthüllungsliteratur. „Auf den ersten Blick scheint der heutige Kunstmarkt bis in seinen Kern ein Produkt der westlichen Moderne zu sein“, schreibt Piroschka Dossi in ihrem Buch „Hype. Kunst und Geld“ (dtv 2007): „Doch bei näherer Betrachtung der in seinem Inneren aktiven Triebkräfte zeigen sich auffallende Ähnlichkeiten zu einem Phänomen, das Anthropologen von der Massim-Inselgruppe abseits der östlichen Spitze Neuguineas kennen.“

Auf der Suche nach Maßstäben

Die Rede ist vom Kula genannten Muscheltausch ranghoher Männer dort als feine Analogie zum Bieterduell im Auktionssaal. Mit ähnlichem Bestreben nach dem ganz Grundlegenden kommt endlich auch die Kunst selbst wieder ins Visier. Das aktuelle Mantra lautet: Der Kunstmarkt ist böse, und die Kunst ist auch nicht so gut. Qualität heißt das neue Zauberwort. Da haben wir den von Wolfram Völcker unter dem dramatischen Titel „Was ist gute Kunst?“ herausgegebenen Sammelband (Hatje Cantz 2007); im Vorwort ist zu lesen: „In Zeiten eines rasant boomenden Kunstmarktes mit ebenso schillernden wie ,lauten' Veranstaltungen, ,prominenten' Käufern und immer neuen Rekordmeldungen gilt es, einen hohen Anspruch an Qualität in der Kunst bewusst zu etablieren und beizubehalten.

Die Kunst selbst und nicht unmittelbar der Kunstmarkt muss im Mittelpunkt des Interesses stehen . . . Die Konzentration auf qualitativ besonders hochwertige Kunst wird auch dem Bildungsauftrag gerecht, den Galerien und Kunstmessen für die breite Öffentlichkeit leisten und in dessen Folge wir das Interesse der Menschen an Kunst wecken und bewahren.“ Diese Sätze hat Gérard A. Goodrow geschrieben, Direktor der Art Cologne und neuerdings der Art Cologne Palma de Mallorca. Goodrows Worte in unser aller Ohren - schön wär's! Man lese die klugen Beiträge der befragten Kunsthistoriker im Buch - und das hehr berufene Phantasma der Qualität zerfällt in melancholische Krümel: Die „qualitas occulta“ entzieht sich, „uns fehlt heute ein begriffliches Leitsystem“, sagt Gudrun Inboden, und sie zitiert Rilke mit seiner „Rettung des Sichtbaren ins Unsichtbare“.

Der Markt als Künstler

Die „Qualitätsprüfung“ der Kunst ist also auf der Tagesordnung und erzeugt starke Forderungen: „Gute Kunst muss schielen“, verlangt Hanno Rauterberg (“Und das ist Kunst?!“, Fischer 2007), „sie behält sich selbst im Auge, ihr Blick aber gilt denen, deren Blicke ihrem Blick begegnen . . . Sie will eigene Bilder finden und begreift es als Qualität, wenn sich ein paar Menschen diese Bilder genauer anschauen. Wenn sie verharren, sich vielleicht sogar erkannt fühlen. Wenn jenes Wechselspiel aus Sehen, Fühlen, Denken einsetzt, das Kunst heißt.“ Wolfgang Ullrich mag es weniger tief, dafür ganz prosaisch. Unter dem Titel „Gesucht: Kunst!“ (Wagenbach 2007) macht er sich auf die Suche nach dem „Phantombild eines Jokers“.

Ihm sind die Künstler im Betrieb weniger „Schöpfer“ denn „Wertschöpfer“. Der Markt ist ihm etwas wie der eigentliche „Künstler“, der gemäß einer „plutokratischen Logik“ funktioniert. Recht hat er, auch mit dieser Schärfe im Urteil; denn das Wesen der Plutokratie macht die Unberechenbarkeit des aktuellen Kunstmarktgeschehens aus. Man brauchte sich in Venedig zur Eröffnung der Biennale bloß anzuschauen, wie des russischen Milliardärs Roman Abramowitschs Yacht „Extasea“ vor den „Giardini“ vor Anker lag, als reines Zeichen der Realität gleichsam. Fragen wir noch einmal anders: Wieso soll plötzlich der Kunstmarkt für die Kunst verantwortlich sein? Als bringe er schlechte Kunst gewissermaßen hervor, weil er auch den Verkauf von schlechter Kunst betreibt.

Wunschkriterium Qualität

Und ganz so, als wäre der Markt umgekehrt jemals ein Schöpfer von Qualität gewesen, jener amorphen Beschaffenheit, die uns ohnehin keiner erklärt. Wir tun so, als trete (der Vergleich sei gestattet) der Kreationismus plötzlich auch im Kunstbetrieb an die Stelle jenes Darwinismus, der neben der Arterhaltung auch die Auswahl sicherstellt. Gérard A. Goodrow hat die charmante Bemerkung gemacht, „dass am Ende immer die Kunstwerke und Künstler in die Kunstgeschichte eingehen werden, die die höchste Qualität aufweisen. Zweitrangige Werke werden dagegen durch das engmaschige Raster fallen und auf lange Sicht keine Bedeutung erlangen.“ Bedauerlicherweise spielt diese Ansicht ins Utopische.

Und fragen wir weiter: Muss die Kunst überhaupt wirklich gut (was immer das sei) sein? So gesehen war die Documenta 12, die gerade in Kassel zu Ende gegangen ist, ein kühnes und aufsässiges Unternehmen. Die Ausstellung fragte nicht nach Qualität, selbst wenn sie diese für sich behauptete. Sie setzte vielmehr der Beschleunigung Befremdung entgegen, der Hyperventilation des Kapitals die schöne, zeitraubend verschwenderische Übung der Betrachtung. Das inzwischen allenthalben zitierte Motiv der „Migration der Form“ war eigentlich ein Vorsatz zur Entschleunigung.

Diese Entschleunigung dem rasenden Kunstmarkt, vor allem dem Auktionsmarkt, anzudienen ist absurd. Aber die Kunstmessen sind im Grunde die altmodischsten Orte dieses Markts, die letzten Refugien des Flanierens, der Betrachtung, der Urteilsbildung. Die Tatsache, dass sie seit einigen Jahren zu Amüsiermaschinen hochgefahren werden, verdeckt das. Vielleicht lässt sich aber ein Anspruch an die Messen formulieren; denn sie sind auch die letzte demokratische Bastion dessen, was da Kunstmarkt heißt. Eine gelungene Kunstmesse könnte eine Verkaufsveranstaltung sein, die sich der ungesunden Dynamik entzieht. Eben entschleunigt.



Text: F.A.Z., 28.09.2007, Nr. 226 / Seite K1
Bildmaterial: AFP, DPA, Helmut Fricke, Patrick Painter

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