Von Brita Sachs
22. Juni 2007 In Jakob Spindlers kleinem Pultsekretär möchte man die Ergonomie des Rokoko ausmachen: Weiche, eingebaute Polster stützen angenehm die Arme beim Schreiben auf der schräg angelegten Unterlage. Viele Fächer geben in Reichweite Möglichkeit zur ordentlichen Aufbewahrung von Briefen, Tinte, Siegellack und dergleichen. Beim Schließen des Deckels verschwindet dann alles hinter eleganten Intarsien, und indem der Bayreuther Hofschreiner es noch mit vergoldeten Bronzerocaillen beschlug, unterstrich er das Image eines Möbels für höhere Stände. Auf 30.000 Euro taxierte Neumeister das Spindler-Stück, das am 27. Juni die Auktion für Kunst und Kunsthandwerk veredelt. Außerdem wird eine Dresdner Kommode der Zeit um 1740/50 angeboten, deren Beschläge einem Kurfürsten würdig mit AR und sächsisch-polnischem Wappen verziert sind (Taxe 25.000 Euro).
Fayencen aus der Manufaktur Holitsch in Mähren bietet die einst in Budapest aufgebaute Sammlung Pál Holitscher: Knapp fünfzig buntdekorierte Stücke repräsentieren die Produktion des 18. Jahrhunderts vom Teller bis zum Zeusfigürchen, von Deckelterrinen in Rosenform bis zum Krug mit aufgeschriebener Papageno-Melodie (von 120 bis 2000 Euro). Höher liegen die Erwartungen beim Silber, wo ein Deckelkrug auf 12.000 Euro zielt, in dessen Wandung der Augsburger Daniel Schwestermüller um 1690, von der Antike inspiriert, eine Darstellung Alexanders des Großen beim Besuch des Diogenes in der Tonne trieb. Später wird ein Elfenbeinbecher, auf dem Leberecht W. Schulz 1831 sein Schnitztalent mit Pferden in einer Landschaft bewies, für 8000 Euro angeboten.
Russische Kunst in Führungsrolle
Den Bildernachmittag eröffnet Graphik mit Canalettos reizvoller Radierung Die Terrasse (3000) und mit einer Familienszene, auf der Chodowiecki mit feinem Pinsel zeichnete, wie es ist, wenn es mit drei Kleinkindern nicht nur lustig zugeht (1800). Bei den Alten Meistern fallen Gemälde aus dem Nachlass des Künstlers Hans Best auf. Insbesondere eine heilige Familie mit St. Hieronymus, die man dem engeren Umkreis des ferraresischen Renaissancemalers Il Garofalo zugeordnet hat und auf 20.000 Euro schätzt. Eine Küchenmagd, die - umgeben von Unmengen Wildbret und Gemüse - Fisch zerlegt, stellte ein flämischer Künstler in der Art Frans Snyders' dar (15.000), und Jan Wyck signierte eine Darstellung einer Hirschjagd, kurz bevor die Meute zuschlägt (13.000).
Im weiteren Verlauf dürfte russische Kunst die Führung übernehmen: Nicht nur mit Roubauds gefälliger Schilderung von Tscherkessen auf der Falkenjagd (36.000), sondern vor allem mit einer stürmischen Meeresküste, wo zwischen Wolkenlast und aufgewühltem Wasser ein dunkles Dampfschiff über den Horizont zieht. Ivan Konstantinovic Ajwazowski, der Autor des 1897 vollendeten Bildes, gilt als einer der bedeutendsten russischen Marinemaler. Nicht nur sein Zar schätzte ihn hoch - auch William Turner bemerkte sein Talent, als der sich für einige Zeit in Italien aufhielt (60.000).
Text: F.A.Z., 23.06.2007, Nr. 143 / Seite 44
Bildmaterial: Neumeister
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