Von Jörn Ebner
14. August 2006 Vor zwanzig Jahren schrieb Bill Viola, daß ihm die Arbeit mit Videobild und Klang ein Mittel zur Untersuchung von Leben und Dasein bieten; die Technologie sei uninteressant, vielmehr entstünden neue Formen und Mittel der Wahrnehmung ihrer jeweiligen inneren Notwendigkeit. Entsprechend steht in Violas Werk das existentielle Gefühlsleben im Zentrum, gefilmt mit zuweilen eigens angefertigten Kameras.
Jetzt nimmt Bill Viola die Sage von Tristan und Isolde zum Anlaß, um wieder über fundamentale Gefühle zu sinnieren. Das mehrteilige Love/Death: The Tristan Project, das die Galerie Haunch of Venison in ihren Räumen und an einem Ort unweit der Tower Bridge präsentierten, ist zunächst die Weiterentwicklung eines Wagner-Opernprojekts mit Regisseur Peter Sellars, das 2005 in Paris uraufgeführt wurde.
Reinigungsritual
Allerdings ist nur eine der insgesamt elf Videoarbeiten unbearbeitet aus der Opernversion übernommen worden: Das 52 Minuten lange, stumme Diptychon Purification begleitete den ersten Akt von Tristan und Isolde. Darin werden synchron eine Frau und ein Mann bei ihren rituellen Waschungen in einer mittelalterlich anmutenden Kulisse gezeigt. Die anderen Videos sind entweder neu oder für die Londoner Ausstellung bearbeitet - ohne Ton in der Galerie und mit brodelndem Getöse in einer viktorianischen Knabenschule; doch zu keinem Zeitpunkt unterfüttert Wagner-Musik die Bildwelten.
Viola arbeitet mit seiner bewährten Trickkiste bedeutungsschwangerer Symbolik: Figuren schweben durch Wasser, entfernen sich voneinander oder nähern sich einander. Becoming Light zeigt ein nacktes Paar, das langsam von der Wasseroberfläche in die Tiefe sinkt, bis eine letzte Atemblase seine Anwesenheit verdeckt; in Kreuzesform ist das Wasser erhellt. The Fall Into Paradise ist das genaue Gegenteil: Beginnend mit einem einzigen Lichtpixel, erscheint endlich ein bekleidetes Paar im Wasser.
Himmelwärts
In Violas Universum stehen diese Körperkonstellationen für Erotik und Liebe; wo aber Einzelgestalten durch den flüssigen Raum treiben wie in Isolde's Ascension, da bedeutet dies Tod. Dramatisch allerdings inszeniert Viola die Himmelfahrt des Geliebten: Tristan's Ascension beginnt mit einem weißgewandet aufgebahrten Mann, auf dessen Körper ein nach oben strömender Wasserfall erst tröpfelt, dann prasselt bis der geschüttelte Körper schließlich himmelwärts treibt.
In Firewoman paart Viola Wasser mit Feuer: Eine verhüllte menschliche Silhouette sitzt vor laut prasselnden Flammen und fällt nach einiger Zeit geräuschvoll aufklatschend in Wasser. Daraufhin verschmelzen die schwappende Wasseroberfläche und das Feuer, bis sich das Züngeln in mäandernden Linien aufgelöst hat. Diese Großprojektion findet ihr Gegenstück in Passage Into Night, wo eine Figur durch flimmernde Wüstenluft fünfzig Minuten lang auf die Kamera zugeht. Allerdings tritt hier die Symbolik hinter die malerische Qualität der Bilder zurück; Farben und Formen schwimmen in weichen Feldern ineinander.
Kontraste
Noch stärker tritt das Malerische in dem kleinformatigen Diptychon Bodies of Light hervor: Zwei nackte Figuren stehen im Dunkeln knietief im Wasser. Eine Lichtquelle bewegt sich vertikal, einem Scanner gleich, durch das Bild; während sie die Körper erleuchtet, sind überblendete Zeichnungen menschlicher Innereien und Muskeln zu sehen. Die Bilder, in stark grobkörnigem Schwarzweiß, scheinen pergamentartig.
Dieses Hervorheben der Materialität des Videobilds findet sich auch im kleinformatigen Triptychon Poem B (The Guest House), in dem Viola seine formal stark konstruierten und symbolisch überladenen Sequenzen mit sehr weltlichem Material kontrastiert. Eine Vielzahl unterschiedlicher Bildfolgen steht in Bezug zu dem Gesicht einer alten Frau, das über die längste Zeit fast unbewegt erscheint. Viola setzt ein Leben in Szene; die zusammenhanglosen Bilder bedeuten die Lebenserinnerungen der alten Frau.
Es bleibt also dabei: Bill Viola versiegelt weiterhin Zeit in einem Rahmen, der die Kunstgeschichte andeutet. (Die Videos, vorwiegend für Flachmonitore, Auflage 3; Kleinformate Auflage 5. Preise von 100 000 bis 500 000 Dollar.)
Bis 2. September.
Text: F.A.Z., 12. August 2006
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