Von Lisa Zeitz, New York

Mit Blick auf die Skyline von Manhattan: Jean Prouvés "Maison Tropicale" wird auf vier bis sechs Millionen Dollar geschätzt
29. Mai 2007 Wenn Häuser Reisepässe brauchten, dann hätte die Maison Tropicale schon viele Stempel. Der Designer und Architekt Jean Prouvé (1901 bis 1984) hat das hochmoderne metallene Fertighaus als eines von nur drei Prototypen für Afrika in seinem Studio in Maxéville bei Nancy produziert und 1951 in Brazzaville, der französischen Kolonialhauptstadt Kongos, aufgebaut. Als stilvoller und praktischer Wohnsitz des Direktors einer Aluminiumfirma wurde das Haus mit einer Grundfläche von zehn mal achtzehn Metern auf schwarzen Stelzen errichtet und mit einer umlaufenden Galerie ausgestattet. Die Außenwände aus Aluminium sind beige lackiert. Hunderte von blauen Bullaugen filtern das Sonnenlicht, und silberglänzende Jalousien spenden Schatten. Das Innere ist ein hallenartiger Raum, der je nach Bedarf in Zimmer unterteilt werden kann.
Beinahe fünfzig Jahre lang stand die elegante Maison Tropicale zwischen Palmen in Brazzaville und litt bald unter Bürgerkriegen und Verwilderung. Von den vielen Einschusslöchern ist heute noch ein einziges als letztes Beweisstück erhalten; die anderen wurden durch sorgfältige Restaurierung geflickt: Denn als Retter der utopischen Architektur tauchte im Jahr 2000 der französische Antiquitätenhändler Eric Touchaleaume auf. Der sympathische Mann mit kurzgeschorenem Haar und stets braungebrannter Haut pflegt eine Obsession für Jean Prouvé und hat jahrelang von den drei nur selten und ungenügend publizierten tropischen Häusern geträumt. Es gelang ihm schließlich, alle aufzuspüren, eines am Niger und zwei am Kongo. Und so kaufte er die Häuser gleich alle drei, ließ sie wieder in ihre Einzelteile zerlegen und brachte sie auf abenteuerlichem Weg zurück nach Frankreich. Allein fünf Monate musste er warten, bis eine Bahnlinie für den Transport überhaupt erst wieder instand gesetzt werden konnte.
Nomadisches Museum für Jean Prouvé
Eine der drei Maisons Tropicales vermittelte Touchaleaume an den pensionierten amerikanischen Bankier Robert Rubin, der sie dem Centre Pompidou inzwischen als Dauerleihgabe überlassen hat. Das größte der drei Fertighäuser will Touchaleaume in ein nomadisches Museum für Jean Prouvé umwandeln. Um diesen Traum zu verwirklichen, verkauft er das dritte nun mit Hilfe von Christie's. Am 5. Juni wird es am Rockefeller Center für geschätzte vier bis sechs Millionen Dollar versteigert. Es wird das letzte und teuerste von mehr als hundert Losen aus der Sammlung von Touchaleaume sein, darunter Möbel von Prouvés Zeitgenossen und Freunden wie Charlotte Perriand, Le Corbusier und Pierre Jeanneret, aber auch Stühle, Sessel und eine Vitrine von Prouvé selbst.
Touchaleaume hatte das bei Christie's angebotene Maison Tropicale in Frankreich für ungefähr zwei Millionen Dollar restaurieren lassen und dann vergangenes Jahr für kurze Zeit an der Seine in malerischer Sichtweite des Eiffelturms ausgestellt. Jetzt steht das elegante Aluminiumgehäuse in Long Island City im Stadtteil Queens, was für viele New Yorker fast so exotisch wirken mag wie Brazzaville; denn die oberen Zehntausend von Manhattan mögen sich vielleicht in Cannes und in Berlin auskennen, aber die vier anderen New Yorker Boroughs betreten sie normalerweise nicht. Die Lage ist einzigartig, direkt am industriell geprägten Ufer des East River vor der bombastischen Skyline von Manhattan. Auf der einen Seite erhebt sich einer der majestätischen Pfeiler der Queensboro Bridge, deren Metallstreben zufällig im gleichen Beigeton gestrichen sind wie die Wände von Prouvés Konstruktion. Auf der anderen Seite ragen die Schornsteine eines baufälligen Kraftwerks in die Höhe. Das unkrautüberwucherte Grundstück dazwischen gehört den nicht weit entfernten Silver Cup Studios, die unter anderem die Fernsehserie The Sopranos produzieren und an dieser Stelle bald eine Milliarde Dollar in zwei Hochhäuser mit Luxusappartements investieren wollen.
Das Haus als Skulptur
Unterstützt wird Touchaleaumes Projekt außerdem von einem Verein names Long Island City Cultural Alliance, der sich darum bemüht, Queens als Sitz der Künste bekannt zu machen. Hier befinden sich nicht nur der Socrates Sculpture Park, das PS1 Contemporary Art Center und das sehr sehenswerte Noguchi Museum, auch namhafte Künstler haben in Long Island City ihre Ateliers, darunter der Bildhauer Joel Shapiro, der japanische Superstar Takashi Murakami und seit kurzem Matthew Barney und seine Frau Björk.
Für ihre zweiwöchige Sonderausstellung haben Christie's und Touchaleaume am Ufer des East River eine Lichtung in das Gestrüpp schlagen lassen, den Platz mit Kies bedeckt und ein großzügiges Podest aus dunklen Holzdielen errichtet. So wird nicht nur die Maison Tropicale wie eine Skulptur zur Geltung gebracht, sondern es ist auch ein atemraubendes Setting für New Yorker Cocktailparties entstanden. Wenn hinter Manhattan die Sonne untergeht, funkeln die Wolkenkratzer in der Dämmerung wie die Schaufenster bei Tiffany's.
Ein Spielhaus für die Oberschicht
Prouvé selbst sah sich so ganz und gar nicht als Architekt für eine Oberschicht, sondern als constructeur für die Massen, doch sein avantgardistisches Design traf nicht immer den Geschmack des Volkes. Jetzt hat ihn die Oberschicht für sich entdeckt und sammelt seine Kreationen: Gar ein ganzes Haus von ihm zu besitzen dürfte als Kronjuwel jeder Designsammlung gelten. Christie's zählt auf die lange Liste reicher Kunden, Liebhaber von Antiquitäten des 20. Jahrhunderts und Käufer zeitgenössischer Kunst. Viele von ihnen haben Immobilien an den Stränden von Puerto Rico, Kalifornien, Florida oder den Hamptons. Da gibt es einige Kandidaten für ein schönes Spielhaus, das sich in sechs Containern bequem verschicken lässt.
Ein Heim für unterwegs: Jean Prouvés Fertighaus „Maison Tropicale“ wird bei Christie’s in New York versteigert. Nur drei Prototypen existieren überhaupt.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP
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