Von Rose-Maria Gropp
12. April 2007 Der warme April dieses Jahres begrüßt gleich drei deutsche Messen in drei verschiedenen Städten; zwei von ihnen sind der Kunst von der Klassischen Moderne bis in die unmittelbare Zeitgenossenschaft gewidmet. Die interessierte Gemeinde weiß es längst: Zunächst hatte die Fine Art Fair Frankfurt den Termin auch für ihre zweite Ausgabe im Frühling bekanntgegeben. Dann erklärte die Art Cologne, dass auch Köln seinen traditionsreichen Kunstmarkt vom späten Herbst ins Frühjahr verlegen wolle, weshalb wir, knapp eine Woche nach der Frankfurter Schau, die zweite Art Cologne innerhalb eines halben Jahres besuchen werden. Schließlich besann man sich in der rheinischen Nachbarstadt Düsseldorf auf eine vorübergehend unterbrochene Gewohnheit und meldete die neuerfundene dc duesseldorf contemporary an, die jetzt nur einen Tag nach der Kölner Messe ihre Tore öffnen wird. Das geneigte Publikum hat schon glücklichere Planungen erlebt, aber selten so deutlich ergebnisorientierte; denn kaum werden alle drei Veranstaltungen unbeschädigt aus der Konkurrenz hervorgehen können.
Es hatte sich inzwischen schon eine einheitliche Sprachregelung eingebürgert, die jeden Chef einer jeden Kunstmesse nachgerade fröhlich die anfallenden Neben- oder Satellitenmessen als willkommene Ergänzungen begrüßen ließ. Diese kameradschaftliche Übung unterblieb im jetzt gegebenen Fall dann doch weitgehend: Wer, wie die Düsseldorfer Premiere, als Fair for Contemporary Art mit gut siebzig internationalen Galerien gegen die 41. Ausgabe der Leistungsschau am anderen Rheinufer, mit rund 180 Galerien unter dem Motto International Fair for Modern and Contemporary Art, antritt, kann dabei nicht ernsthaft an friedliche Koexistenz auf Dauer denken. Tatsächlich können sich die Teilnehmerlisten beider Messen sehen lassen: Die nochmals abgespeckte Art Cologne setzt dabei auf ihren Open Space als großzügigen Marktplatz für raumgreifende Werke, und Düsseldorf hat eine Reihe der umschmeichelten amerikanischen Galerien vorzuweisen.
Ungleiche Rivalen
Dabei könnten die Leiter der direkten Rivalinnen nicht unterschiedlicher sein: Direktor in Diensten der KölnMesse bleibt für die Art Cologne der schöngeistige und kunstliebende Gérard Goodrow, der auf eine behutsame schrittweise Erneuerung setzt. Für Düsseldorf zeichnet die neugegründete Gruner + Jahr ArtEvents International GmbH verantwortlich, für die der Volkswirt Walter Gehlen agiert. Gehlen ist gewissermaßen Handlungsreisender in Kunstmessen. Er verwaltet auch wieder eine Kölner art.fair 21 im kommenden November, und übrigens hatte er im vergangenen Jahr eine parallele Veranstaltung zur ersten Fine Art Fair Frankfurt avisiert, die aber dann nicht zustande kam.
Während also im Rheinland das dort ansässige, vielberufen kunstfreudige Publikum über Sein oder Nichtsein entscheiden wird, hat Frankfurt seine splendid isolation im Zirkus der Messen klassischer Machart weiter ausgebaut. Unbeschadet des unerwartet herrschenden Gedränges, womöglich dadurch sogar beflügelt. Endlich ist es mit Kunstmessen wie mit dem Leben überhaupt: Es kommt nicht darauf an, dass man es macht, wenn es alle machen, sondern wie man es macht, wenn man es macht. Für diese Erkenntnis steht der Frankfurter Messechef Michael Neff schon notorisch mit seiner Person ein. Bereits seine Premiere 2006 in der riesigen Halle 9 der Frankfurt Messe legte sich gar nicht erst auf die Gegenwart fest, sondern unter dem Titel High & Low auf unterschiedliche künstlerische Manifestationen von gleichrangiger Güte. Die aktuelle Ausgabe seiner Messe taufte er Quality Street - sagen wir es so: Schließlich ist schon jedes Bonbon eine Kleinplastik.
Riskanter Alleingang
Auf das Merkmal der Alleinstellung setzt Neff, der völlig freie Hand genießt, radikal. Wo die anderen die immer gleichen, umworbenen Galerien mit Flötentönen in ihre Kojen locken, schafft er die Stände gleich ganz ab. Frankfurt macht Ernst mit einer Messe, die ganz als kuratierte Schau erscheint - und die sich obendrein einer einzigen Gattung verschreibt, der Skulptur. Alle, die mitreden können oder wenigstens wollen, forderten ja immer lauter die Kunstmesse der noch nicht gesehenen Art. Hier wird sie jedenfalls Gestalt, buchstäblich, auf 9000 Quadratmeter Fläche ohne Stellwände. Die Namen lauten Max Klinger oder Jan de Cock, Hans Steinbrenner und Georg Baselitz, Paul McCarthy oder Thomas Locher. Ganz folgerichtig enthält schon das Faltblatt zur Quality Street keine Aufzählung der Galerien, sondern ein Künstlerverzeichnis. Da taucht zum Beispiel gleich als erster im Alphabet der französische Künstler Saâdane Afif auf (bei Mehdi Chouakri), der sich mit seinen Ereignissen zwischen Pop, Musik und Environment nicht fürs Still-im-Raum-Stehen, wohl aber für die Durchdringung von kulturellen Räumen empfohlen hat.
Der letzte Name der Liste ist die Chinesin Yin Xiuzhen, die in Peking lebt und arbeitet (bei Alexander Ochs): Auch Xiuzhen setzt sich in ihren Performances, Videos und Objekten mit den Mechanismen des Transfers auseinander; sie wird ab Juni China bei der Biennale in Venedig vertreten. Beide sind längst keine Entdeckungen mehr, jedoch eher nachdenklicheren Unternehmungen vorbehalten, als es Verkaufsschauen gemeinhin sind. Und manche weitere Nennung macht neugierig: Neues von Valie Export (bei Charim) oder von Thomas Hirschhorn (bei Arndt & Partner), Carsten Höller (bei Esther Schipper) und Gerwald Rockenschaub oder Alexander Wolff (bei Ben Kaufmann). Frankfurt wagt mit dieser Wandelhalle, was die anderen sich nicht getraut haben, eine Messe, die daherkommt wie eine veritable Ausstellung. Dabei ist Neff keiner, der sein persönliches Qualitätsurteil gegen alle Flaggen stur durchgesetzt haben wird; er ist viel zu schlau, nicht auch auf andere zu hören. Doch die Fine Art Fair ist weltweit die erste und einzige Verkaufsschau, die ein solches Risiko fährt. Dafür ist die große kleine Stadt mit den vielen hohen Häusern schon zu loben. Das allfällige ceterum censeo wird ohnehin nicht ausbleiben - verkaufen oder in Schönheit sterben.
Wider die Übersättigung
Dass die Fine Art Fair Frankfurt jetzt auf Skulptur setzt, hat, dafür steht die Künstlerliste, nichts damit zu tun, dass vor gut zwei Jahren Gerd Harry Lybke, einflussreicher Chef der Galerie Eigen + Art und Macher des Malerwunders der Neuen Leipziger Schule, aus Gründen ureigener Nachwuchspflege das dreidimensionale Basteln zur neuen Leitzunft ausrief. Es gibt dafür wesentlich triftigere Gründe. Neben Neffs eigenen Präferenzen ist Quality Street sicher auch eine ambitionierte Antwort auf den Open Space der Art Cologne (der natürlich seinerseits eine Reaktion auf die plastischen Expansionen der allmächtigen Art Basel war, die jedes Jahr im Juni herrscht). Entscheidend wird aber die Bedeutung sein, die bildhauerischem Schaffen als Retourkutsche auf den Dekorationstick der neunziger Jahre zukommt - und als angemessenes Medium zugleich für die Fragen der Territorialisierung, auf die vom Juni an Roger M. Buergels Documenta 12 zweifellos starke Antworten geben wird. Denn Plastik erschöpft sich eben nicht im erratischen Herumstehen einzelner Objekte; in den drei Dimensionen, die ihr zur Verfügung stehen, verfangen sich die Realität und die Utopie.
Nach der (Über-)Sättigung mit großformatigen Leinwänden, die noch farbfeucht aus den Ateliers geholt werden und die obendrein vor unklarer Bedeutung nur so dampfen, kommt ein heißer Sommer für die Skulptur: Bei der Biennale in Venedig bestückt die Bildhauerin Isa Genzken den deutschen Pavillon; die Skulptur Projekte Münster kehren nach zehn Jahren wieder; endlich wird auch Buergel seine riesigen sozial-plastischen Gewächshäuser für die Documenta - die in der Kasseler Karlsaue schon stehen, nachdem die Schafe die Wiese inmitten der zerklüfteten Stadt abgekaut und gedüngt haben - nicht von den Architekten Lacaton & Vassal haben bauen lassen, um da nur Bilder aufzuhängen.
Unsere antike Moderne
Bei all diesen aufregenden Veranstaltungen hat sich das gern und oft gescholtene Frankfurt doch jetzt sehr hübsch hingestellt - mit seinem Vorspiel in Sachen Plastik für die Gesellschaft. Deshalb schickt uns die Fotografie von Barbara Klemm auf dieser Seite auf eine kleine Bildungsreise: Ein offensichtlich zusammengeflickter Torso geht eine Liebesbeziehung ein zur hohen Maschinenkulisse aus dem 19. Jahrhundert. Archäologie der Moderne und der Antike in einem. Die Moderne ist unsere Antike, behauptet die Documenta 12. Die Skulptur schlägt anmutig die Brücke von der Bildung zur Ästhetik.
Text: F.A.Z.
