Von Anne Reimers, London

Im Wirbel des Marktes: Francis Bacons "Selbstporträt" war mit 19,25 Millionen Pfund das teuerste Los der Auktionswoche
04. Juli 2007 Bei den Abendauktionen für Nachkriegskunst und Gegenwartskunst lieferten sich Christie's und Sotheby's in London - wie bei den Moderne-Auktionen zuvor - ein enges Rennen um die spektakulärsten Rekorde und höchsten Umsätze. Auch Phillips de Pury profitierte von der Marktstärke zeitgenössischer Kunst, besonders jener aus China. Und nicht nur die anonymen Sammler an den Telefonen der Spezialisten spielten in London ihre Karten aus, sondern auch einflussreiche amerikanische und europäische Galeristen und Berater kamen zum Zug.
Die Abendauktion bei Christie's gab einen Vorgeschmack auf das anstehende Marathon mit insgesamt 1031 Losen, verteilt auf die evening sales und day sales der drei Häuser: Mehr als zwei Stunden lang schwang Jussi Pylkkänen bei Christie's den Hammer, und neunzig der angebotenen 101 Lose fanden einen neuen Besitzer. Das Ergebnis? Wieder ein europäischer Auktionsrekord für zeitgenössische Kunst, mit einem Umsatz von 75,8 Millionen Pfund. Nach der Benefiz-Versteigerung der Cap Collection - hier wurde ein neuer Rekord für Thomas Schütte aufgestellt mit einer Million Pfund (Taxe 200.000/400.000) für die beiden überlebensgroßen Aluminium-Plastiken Große Geister Nr. 9 und No. 14 - kamen acht Spitzenwerke aus der Kölner Sammlung Delil zum Aufruf. Der Erfolg dieser monochromen Arbeiten - des Blaus von Yves Klein und des Weiß von Fontana und Manzoni - war auch auf die konservativen Schätzungen zurückzuführen.
Mit einer gefältelten Leinwand, einem Achrome von 1958/59, fiel ein neuer Auktionsrekord für Piero Manzoni: Ein in England lebender Sammler zahlte dafür 1,9 Millionen Pfund (500 .000/700.000) am Telefon des Spezialisten Brett Gorvy und stach so den New Yorker Galeristen Nick McLean aus. Zusammen mit weiteren 59 Werken der Delil-Sammlung, die am folgenden Tag verkauft wurden, konnten umgerechnet siebzehn Millionen Euro einem Kinderhospiz in Olpe gestiftet werden.
Neuer Rekord für Lucian Freud
Christie's stellte allein in der Abendauktion vierzehn neue Rekorde auf. Neben Rosemarie Trockel und R. B. Kitaj erzielte auch Paula Rego mit Moth aus der Merian-Sammlung bei 320.000 Pfund (250.000/350.000) ihren bisher höchsten Zuschlag. Aus dieser Sammlung stammte auch das Spitzenlos bei Christie's, das Lucian Freud für einen Tag zum in einer Auktion höchstbezahlten lebenden europäischen Maler machte (Kunstmarkt vom 23. Juni): Bruce Bernard fand mit sieben Millionen Pfund (4,5/5,5 Millionen) die erhoffte Beachtung und überholte den bestehenden Freud-Rekord von 4,15 Millionen Pfund (mit Aufschlag) für Red Haired Man on a Chair von 1962/63. Der ungenannte Käufer hatte zuvor auch Peter Doigs Figures in Trees für 950.000 Pfund, innerhalb der Taxe, erworben.
Die meisten der 21 Werke aus der Merian-Kollektion erzielten Hammerpreise im Bereich der Schätzungen, einige blieben jedoch hinter den Erwartungen zurück: Für Bacons Two Men Working in a Field bot ein Herr im Saal 4,5 Millionen, bei geschätzten fünf bis sieben Millionen - Rang drei des Abends. Überraschend war der Rückgang von Frank Auerbachs großem Tree in Mornington Crescent (1/1,5 Millionen); dennoch kein Ende der Auerbach-Renaissance: Kleinere Formate von Auerbach, wie das farbige Primrose Hill Study - Autumn Evening, für das die Züricher Galeristin Doris Ammann 750.000 Pfund bewilligte, und Head of J.Y.M, das für 720.000 Pfund nach Asien ging, überstiegen die obere Taxe um etwa 200.000 Pfund.
Doris Ammann ersteigerte von ihrem Platz in der ersten Reihe aus auch ein Gemälde Bacons, das aus dem weitgehend vom Künstler selbst zerstörten Frühwerk stammt; sie bewilligte 3,8 Millionen Pfund (4/6 Millionen) für Landscape with a Car, um 1945/1946, das von Fotografien Hitlers in seinem offenen Paradewagen inspiriert sein soll.
Auch kleinere Formate Andy Warhols waren beliebt. Gerade 30,5 mal 30,5 Zentimeter misst ein schwarzrotes Selbstporträt, das mit 60.000 Pfund die doppelte obere Taxe erforderte. Eine Jackie erzielte 1,25 Millionen Pfund (300.000/500.000). Zurückgewiesen wurden erst im Februar vermittelte, größere Formate wie eine Brigitte Bardot und Vesuvius: Bei sechzehn Warhols im Angebot zeigten sich die Grenzen selbst seiner Anziehungskraft. Der New Yorker Händler Jose Mugrabi ergänzte seine Warhol-Sammlung mit Four-Foot Flowers für 2,3 Millionen und einer Two Dollar Bill (Front) für 180.000 Pfund, je innerhalb der Schätzung. Zum zweitteuersten Werk wurden, wie erwartet, Warhols drei übereinander angeordnete Marilyns; ein europäischer Sammler bewilligte die untere Taxe von fünf Millionen Pfund als einziger Interessent.
Spitzenlos: Francis Bacons Selbstporträt
Bei Sotheby's am folgenden Abend kam mehr Stimmung auf. Die Künstlerin Tracey Emin, die gerade den britischen Pavillon auf der Biennale in Venedig bespielt, war eigens vorbeigekommen, um das Publikum beim Verkauf der ersten fünf Lose anzufeuern - Arbeiten, die britische Künstler für einen wohltätigen Zweck eingereicht hatten. Zwar erzielte Emins Neonschrift Keep me safe mit 50.000 Pfund (15.000/20.000) einen guten Preis, den Applaus erntete aber Jay Jopling von der White Cube Gallery, als er das fünfte Los, eine kreisrunde Farbexplosion mit aufgeklebten Schmetterlingen von seinem Hauskünstler Damien Hirst, für eine Million Pfund erwarb - passende Einleitung für einen Abend, an dem Rekorde gebrochen und Künstler zu Königen gekrönt wurden.
Das Spitzenlos, Francis Bacons Selbstporträt, wurde nach einem Bietgefecht zum teuersten Los der gesamten Auktionswoche: Ein amerikanischer Privatsammler bewilligte 19,25 Millionen Pfund (8/12 Millionen) dafür. Das verzerrte Porträt war seit 1980 nicht mehr auf dem Markt. Der Auktionator Tobias Meyer führte es auf die mehr als zehnjährige Beziehungspflege zurück, dass die europäische Sammlerfamilie das 1978 entstandene Werk nun bei Sotheby's eingereicht hatte. Für Erheiterung sorgte Meyer, als er das Werk versehentlich in Dollar zuschlagen wollte und sich Protest dagegen im Saal erhob.
Damien Hirst weit voraus
Unschlagbar blieb an diesem Abend Damien Hirst: Mit einem Zuschlag bei 8,6 Millionen Pfund (3/4 Millionen) für Lullaby Spring, seinen Arzneischrank mit 6136 Pillen, überholte er, wie bereits berichtet, Lucian Freud nach nur 24 Stunden wieder - als in einer Auktion teuerster lebender Künstler überhaupt und stellt damit den Weltrekord von Jasper Johns ein. Zuletzt war im Mai in New York ein anderer Arzneischrank, Lullaby Winter, für umgerechnet 3,7 Millionen Pfund (inklusive Aufgeld) verkauft worden.
Gerhard Richter ist gleich zweimal in den Top Ten vertreten: Gregor Muir von Hauser & Wirth erwarb eine an Caspar David Friedrich erinnernde Teyde-Landschaft von 1971, die der Einlieferer vom Künstler selbst erworben hatte, für 2,3 Millionen Pfund (1,4/1,8 Millionen). Richters knalliger Stuhl aus einer deutschen Sammlung wurde einem asiatischen Bieter am Telefon bei 1,9 Millionen Pfund (1,4/1,8 Millionen) zugeschlagen. Der Graffiti-Künstler Banksy - zum ersten Mal auf einer Londoner Abendauktion vertreten - erzielte mit seiner Leinwand Pie Face 160.000 Pfund, und Peter Doigs Orange Sunshine, für das sich auch Jay Jopling interessierte, wurde für 1,6 Millionen Pfund einem europäischen Privatsammler am Telefon zugeschlagen. Jopling kaufte stattdessen Gurskys Hong Kong, Shanghai Bank für 300.000 Pfund (180.000/250.000), während die New Yorker Galerie Gagosian mit 850.000 (1/1,5 Millionen) für Figures in a Landscape von Lichtenstein ein Schnäppchen machte.
Neuer Rekord für chinesischen Künstler
Unter den fünf Fontanas im Angebot erzielte das weiße Concetto Spaziale, Attese mit neun Schnitten bei 2,2 Millionen Pfund einen Auktionsrekord für den Künstler; kleinere Fontanas in Blau, Grün und Pink blieben unter der 400.000- Pfund-Grenze. Auch bei Sotheby's blieben von acht Warhols drei unverkauft, darunter ein Dollar Sign (1,8/2,5 Millionen) mit ausgebügelter Falte. Alle sieben Werke aus China überstiegen ihre Schätzungen: Den neuen Rekord für einen chinesischen Künstler stellte Yue Minjun mit 1,9 Millionen Pfund (700.000/ 900.000) für The Pope auf; deutlich ist der Bezug auf Bacon und Velázquez. Tobias Meyer kommentierte den Trend, der sich an diesem Abend bestätigte: Die neuen Sammler kaufen nicht bestimmte Namen, sondern die besten Werke. Sotheby's erzielte einen Rekordumsatz für das Haus mit zeitgenössischer Kunst in Höhe von 72,4 Millionen Pfund, mit 66 verkauften von 72 ausgebotenen Losen: erstmals ein Durchschnitt von mehr als einer Million Pfund pro Los.
Die Erfolgsserie für zeitgenössische Chinesen fand bei Phillips de Pury ihre Fortsetzung: Die 38 chinesischen Werke aus einer Privatsammlung wurden, bis auf drei, vermittelt. Der Auktionator Simon de Pury versuchte, den wenigen am Ende noch im Saal verbliebenen Gästen Gebote zu entlocken, doch die meisten Lose der Auktion wurden am Telefon verkauft. Die höchsten Zuschläge brachten Zeng Fanzhi mit einem blutigen Motiv aus der Hospital Series für 750.000 Pfund (200.000/ 300.000) und der mit hysterisch lachenden Gesichtern bekannt gewordene Yue Minjun mit Free and at Leisure Series No. 12 für 580 .000 Pfund (350 .000/ 450.000).
Erfolge russischer Künstler
Während die meisten Lose nahe der Schätzungen abschnitten - so auch das Spitzenlos, Basquiats Grillo, mit 4,4 Millionen -, sorgten russische Künstler für Erfolge: Ilya Kabakov überholte Warhol; zweitteuerstes Los des Abends wurde La Chambre de Luxe zum Hammerpreis von 1,8 Millionen Pfund (400.000/600.000). Und Eric Bulatovs Gemälde Ne Prisionyatsa wurde nach einem Bietgefecht bei 800.000 Pfund (100.000/150.000) einem Kunden am Telefon zugeschlagen. Vladimir Dubossarsky und Alexander Vinogradov waren die Newcomer des Abends, als sich eine Dame im Saal gegen ihre Mitstreiter durchsetzte mit dem Gebot von 110.000 Pfund (15.000/20.000) für Night Fitness von 2004. Mit 99 (von 114) verkauften Losen erzielte Phillips de Pury einen Umsatz von 23,3 Millionen Pfund. anne reimers
Text: F.A.Z., 30.06.2007, Nr. 149 / Seite 48
Bildmaterial: Christie's, Sotheby's
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12:33Ein sehr guter Beitrag, Gratulation!
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