Von Michael Hierholzer
11. April 2007 Frankfurt ist eine Installation. Eine soziale Skulptur. Eine skulpturale Performance. Wer die kleinste Metropole der Welt zum Gesamtkunstwerk erhebt, gerät nicht so leicht in jenen Erklärungsnotstand, der unvermeidlich eintritt, wenn man an herkömmlichen Kunstbegriffen festhalten will.
Da erglüht beispielsweise nächtens die höchste architektonische Erhebung Deutschlands in sattem Gelb. Es handelt sich unverkennbar um die Farbe, mit der die Commerzbank auch sonst für sich wirbt. Doch nicht die Werbestrategen haben es zu verantworten, dass Norman Fosters Hochhaus oben herum leuchtet, sondern der Lichtkünstler Thomas Emde. Er hat hier auch schon andere Gebäude erleuchtet und für die Stadt eine Lichtkonzeption entworfen. Für das Foyer des Bankhochhauses gestaltete er ein gewaltiges Farb-Vlies, das wie so vieles in Frankfurt merkwürdig unentschieden zwischen Dekoration, Architektur, Kunstobjekt, großer Geste und Beiläufigkeit oszilliert.
Apotheose des schnöden Mammons
Bestes Beispiel dafür ist die ganz unironische Apotheose des schnöden Mammons auf dem Willy-Brandt-Platz, den auf der gegenüberliegenden Seite die Städtischen Bühnen säumen. Ottmar Hörls Riesen-Euro vor der Europäischen Zentralbank wird in nahezu allen Fernsehberichten über die Frankfurter Finanzwelt als Symbol für die Stadt der Bankentürme gezeigt, nicht als herausragendes Kunstwerk, sondern gelegentlich geradezu triumphal als Sinnbild für das alles und jeden umfassende Kapital, als Denkmal weniger für eine Europa einigende Währung als für den Götzen Geld. Kritische Geister rümpfen die Nase ob des aufgeblasenen Euro-Zeichens, das gar nicht auf Dauer mitten in der Stadt plaziert werden sollte, wegen des großen Erfolgs freilich weiterhin den Finanzstandort präsentiert. Immerhin ist Hörl gelungen, was die Avantgarde nie angestrebt hat: eine allgemeinverständliche Plastik zu schaffen, die aber auch gar keine Zweifel an ihrer Bedeutung beim Publikum schürt. Das ist bei den meisten Kunstwerken anders. Und war es auch, als sich Finanzwirtschaft und Kunst anschickten, in Frankfurt eine Verbindung der eigenen Art einzugehen.
Als die Kunst in die Bank einzog, fühlten sich viele irritiert, provoziert, wenn nicht persönlich beleidigt. Sie hatten sich zwischen Familienfotos auf dem Schreibtisch, Blumen-Kalendern und Sportauto-Reliefs an den Wänden ganz gut eingerichtet. Nun aber wurden sie mit Beuys und Konsorten konfrontiert. Schade um die schönen neuen Arbeitsplätze in den Zwillingstürmen, die man gerade bezogen hatte, mit um so herrlicheren Aussichten auf die zersiedelte Umgebung, je weiter oben die Büros lagen. 1984, ausgerechnet, war das Jahr, als die glanzvolle Firmenzentrale fertiggestellt wurde. Etwa 2000 Mitarbeiter siedelten in die Soll und Haben genannten Wolkenkratzer aus Stahl, Stahlbeton und Glas um, in Gebäude, die wegen ihrer verspiegelten Fassaden sogleich den Eindruck erweckten, sich gegen die Umwelt abschotten zu wollen. Als Ausdruck von Diskretion oder aber von Geheimniskrämerei wurde die architektonische Undurchsichtigkeit damals interpretiert. Während sich doch innerhalb der Häuser die Verantwortlichen den Kopf darüber zerbrachen, wie man aus dem Kreis des Berufsmenschentums ausbrechen und sich der Vielfalt der Welt da draußen öffnen könne.
Neue Unübersichtlichkeit
Kluge Leute in den Chefetagen fahndeten nach Strategien, um die Angestellten fit zu machen für die postmoderne Wirklichkeit und deren neue Unübersichtlichkeit. Die Dinge hatten sich verändert. Es gab keine klaren Orientierungen mehr. Dieses Gefühl verfestigte sich schon zehn Jahre vor dem Fall der Berliner Mauer und beunruhigte nicht nur die Sozialwissenschaftler, sondern auch die Spitzen der Wirtschaft. Einen neuen Zugang zur Komplexität des globalen Geschehens brauchte die Deutschland AG mit ihrem finanziellen Flaggschiff, der Deutschen Bank. Die Spezialisten auf allen Ebenen der Hierarchie sollten ihren Horizont erweitern, um mit den Herausforderungen der Gegenwart besser umgehen zu lernen.
Dass zu solcherlei Horizonterweiterung die nicht mehr schönen Künste Wesentliches beitragen könnten, hatte Herbert Zapp, von 1977 bis 1994 Mitglied des Vorstands der Deutschen Bank, schon Ende der siebziger Jahre erkannt. 1979 begann er, seine Vorstellungen zu realisieren und eine Sammlung aufzubauen, die sich der Kunst der unmittelbaren Gegenwart verschrieb.
Weltgewandtheit und Marktanteile
Mit der Ausstattung der Frankfurter Doppeltürme wurde das Kunstkonzept der Deutschen Bank weithin bekannt. Viele Unternehmen haben es kopiert, modifiziert. Die Grundidee jedoch ist dieselbe geblieben: Die Mitarbeiter sollen an die zeitgenössische Kunst herangeführt werden, in der Auseinandersetzung mit ihr eine individuelle Bereicherung erfahren und sich eine größere Weltgewandtheit aneignen, die dem Unternehmen und seinem Kampf um Marktanteile irgendwie zugute kommen soll. So gibt es in den großen Frankfurter Banken und in anderen Wirtschaftsunternehmen, die auf die bildende Kunst setzen, nach wie vor regelmäßig Führungen durch die Sammlungen und etliche Veranstaltungen mit Künstlern und Kunstvermittlern, um den Menschen zu erklären, was ihre Firma ihnen auf die Gänge und in die Großraumbüros gestellt und gehängt hat und warum.
Kunst ist Teil der corporate identity geworden, sie verspricht einen Image-Gewinn, ist ein Mittel der Repräsentation und nicht zuletzt eine Wertanlage. Viele Firmen haben nach Nischen gesucht, wenn es darum ging, ihre Gebäude mit Kunst zu veredeln. So hat die Deutsche Börse ihr schmuckes Bürogebäude im Frankfurter Stadtteil Hausen mit zumeist monumentaler Fotokunst ausgestattet, darunter Arbeiten von Andreas Gursky. In jahrelanger Arbeit hat Luminita Sabau für die DG-Bank (heute DZ-Bank) eine der weltweit besten Sammlungen mit Werken von Fotokünstlern aufgebaut. Aber die Aktivitäten der in Frankfurt ansässigen Großunternehmen beschränken sich nicht auf die eigenen vier Bürowände: Die bundesweit kulturell engagierte KPMG Deutsche Treuhand-Gesellschaft fördert unter anderem Ausstellungen im Portikus, Frankfurts kleiner Kunsthalle, die von der Städelschule, der Staatlichen Hochschule für bildende Künste, betrieben wird. Die Dresdner Bank war mit ihrer Ponto-Stiftung eine Vorreiterin bei der Förderung junger Künstler. Das traditionsreiche Bankhaus Metzler wirkt still und oft im Hintergrund, fördert viele Kulturinstitutionen der Stadt, darunter auch die Museen. Dagegen agiert die Deutsche Bank mittlerweile als Kunstunternehmen im internationalen Stil und leistet sich mit der Guggenheim Berlin einen privaten Ausstellungsbetrieb.
Abnehmende Ignoranz
Die Einstellung zur Kunst in den Frankfurter Bankentürmen habe sich, berichten die dafür Verantwortlichen übereinstimmend, grundlegend geändert: Kunst sei für fast alle Mitarbeiter keine Provokation mehr wie noch vor 25 Jahren, sagt Ariane Grigoteit, die Direktorin Deutsche Bank Kunst. Fragen, was das denn alles solle, oder Einlassungen von der Art, dass wie dieser oder jener Künstler jedes Kind malen könne, seien stark zurückgegangen. Auch Silke Müller-Schuster von der Deka-Bank ist davon überzeugt, dass die meisten mittlerweile den Werken etwas abgewinnen können; negative Reaktionen seien selten. Die Kunstsammlung der Deka-Bank ist das jüngste Beispiel für jene Einheit von Kultur und Kapital, wie sie für die Frankfurt Banken-Hochhäuser typisch geworden ist. Ganz wie die anderen Hochhäuser hat nun auch das Trianon-Gebäude, in dem die Deka-Bank residiert, musealen Charakter gewonnen. Jede Etage wird mit Kunst versorgt. Und hat ihr eigenes Thema - Urbanität, Konsum, Täuschung, Neuer Expressionismus.
In den Deutsche-Bank-Türmen wurden die Etagen einst nach Künstlern benannt - Joseph Beuys, A. R. Penck, Gerhard Richter, Sigmar Polke bis hin zu jüngeren Kräften. 50 000 Werke umfasst die Kollektion mittlerweile; man hat sich auf Arbeiten auf Papier spezialisiert, aber immer wieder stehen beispielsweise auch einmal Plastiken auf dem Einkaufszettel: Wenn etwa eine neue Filiale irgendwo auf der Welt eröffnet wird. Vor den Doppeltürmen findet sich mit Max Bills Skulptur Kontinuität eine der bemerkenswertesten Kunstwerke im Frankfurter öffentlichen Raum. Die jüngste Erwerbung der Deutschen Bank hat mit Michael Neffs, des Direktors der Fine Art Fair Frankfurt, ausschließlich auf die Skulptur bezogener, aktueller Kunstmesse Quality Street zu tun: Paul McCarthys aufblasbare Plastik Bound to Fail wird den Haupteingang eben zur Fine Art Fair zieren; die Deutsche Bank ist Hauptsponsor des Kunstereignisses. Das Kunstkonzept, sagt Ariane Grigoteit, ist aktueller und wichtiger denn je. Ein Investment, das sich bisher schon in mehrfacher Hinsicht gelohnt habe - materiell wie ideell.
Ausweichquartiere
Aus den Frankfurter Zwillingstürmen wird die Kunst demnächst erst einmal entfernt. Drei Jahre soll die Sanierung der Gebäude dauern. Während dieser Zeit werden Teile der Kollektion an diversen Orten der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Eines der Ausweichquartiere für die Mitarbeiter ist der 2004 eröffnete IBC Tower, der teilweise jetzt schon von der Deutschen Bank genutzt wird. Und natürlich hat das Finanzinstitut auch diesen Bürogebäudekomplex längst mit Kunst verfeinert. Mitten in einem Großraumbüro etwa hat Ina Weber einen altmodischen englischen Club installiert, einen gläsernen Anachronismus mit Ledersesseln, Holzvertäfelung, Nischen samt Büchern, einem flauschigen Teppichboden, auf den die Künstlerin selbst sorgfältig Kaffeeflecken hingetupft hat. Für das Foyer hat Olaf Metzel eine hängende Farbplastik geschaffen: Die Ästhetik des Bildschirmschoners wird hier ins Gigantische gewendet.
Auch bei der diesjährigen Frankfurter Kunstmesse werden sich wieder die Damen und Herren von den Ankaufskommissionen verschiedener Unternehmen tummeln. Legendär die Auftritte der sogenannten Erzengel, die einst im Auftrag der Deutschen Bank von Koje zu Koje schritten und, so erzählt man sich, schon am Morgen des ersten Messetags ohne langes Feilschen bei diesem oder jenem Werk zuschlugen. Auf der Art Frankfurt, wie die Kunstmesse 1999 noch hieß, ging etwa Neo Rauchs Bild mit dem Titel Weiche in den Besitz des Finanzinstituts über; zu diesem Zeitpunkt war der epochale Erfolg des Künstlers noch nicht absehbar. Wie viel die Bank für die Kunst ausgeben kann, bleibt ein gut gehütetes Geheimnis. Von vierzig Millionen Euro für die gesamte Kulturförderung jährlich wurde einmal gemunkelt. Dass die bildende Kunst dabei nach wie vor einen Vorrang besitzt, bestreitet niemand.
Text: F.A.Z., 12.04.2007, Nr. 85 / Seite X2
Bildmaterial: Wonge Bergmann
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