Kunstmesse

Die Zukunft liegt in Schanghai

Von Sandra Kegel

15. September 2007 "Werke, die ich vor wenigen Jahren von jungen Künstlern für fünfzig Dollar kaufen konnte, kosten heute eine Million" - der Frankfurter Galerist Lothar Albrecht, der sich seit längerem auf dem chinesischen Markt engagiert, kann es noch immer nicht fassen. Wenn es um China geht, liegen Begeisterung und Furcht nah beieinander, auch in der Kunst. Einerseits ist das ferne Land mit seinen 1,3 Milliarden Menschen und seiner postkommunistischen Gesellschaft fremd. Andererseits rückt es ökonomisch immer näher, und das Interesse an chinesischer Gegenwartskunst wächst. "Es passiert Hochspannendes in Asien, aber der Markt ist noch immer zentriert auf Europa und Amerika", sagt Lorenzo Rudolf, der deshalb zusammen mit seinem Schweizer Landsmann Pierre Hubert in Schanghai die erste internationale Messe Chinas für zeitgenössische Kunst organisiert hat. Für Galeristen aus Europa wie Lehmann aus Dresden ist das eine Herausforderung. Zumal, wenn man keine chinesische Kunst im Sortiment hat. Neugier ist dennoch vorhanden: Havekosts blutiges Heiligenbild wird begutachtet, mehr noch entzückt die Chinesen der von Tatjana Doll auf drei Metern hingetuschte "Porsche" (30.000 Dollar).

Chinesische Starkünstler gut vertreten

Hundertdreißig Galerien aus 23 Ländern sind nach Schanghai gekommen, zur Hälfe aus Asien sowie aus Amerika und Europa, darunter Hilger und Krinzinger aus Wien, Forsblom aus Helsinki, Crousel und de Noirmont aus Paris, Mayer, Nagel, Schultz und Arndt & Partner aus Deutschland. Zu den Stars der Messe zählen neben Lucian Freud, Warhol und einem Picasso vor allem Chinesen wie der Dokumenta-12-Teilnehmer Ai Weiwei oder der Polit-Pop-Künstler Wang Guangyi. Der in Paris lebende Wang Du zeigt seine Installation aus 50 000 Fotografien von Schanghai bei Godin Paris (250.000 Euro), Gu Dexin, der, bei Continua aus San Gimingnano/Peking unter Vertrag, auf dem Vorplatz eine Fläche mit Äpfeln ausgelegt hat, die von einer Walze überrollt werden.

Kaum Beunruhigung bei den Behörden

Auch wenn den Veranstaltern der gesamte asiatische Kontinent am Herzen liegt, ist der Schwerpunkt doch zweifellos China: Nur vereinzelt trifft man auf Werke aus Korea oder Indien, etwa den dunkel-verrätselten Parabolspiegel von Anish Kapoor (750.000 Dollar).

Unruhe löste bei der staatlichen Zensurbehörde die jüngste Aktion von Klaus Littmann aus, der während der Messe erstmals auch in China eine Intervention im öffentlichen Raum veranstaltet. 84 chinesische Studenten marschieren, von Littmann choreographiert, durch die Stadt mit Plakatschildern, auf denen Botschaften von Künstlern wie Robert Rauschenberg ("o-zone") oder Ben Vautier ("Wir sind allein") zu lesen sind.

Das bauwütige, grell glitzernde Schanghai symbolisiert wie wohl keine andere Stadt die Zukunft, das, was aus China einmal werden könnte. Nicht wenige glauben, so hört man dieser Tage wiederholt, dass genau in diesen Gefilden auch die Zukunft des Kunstmarkts liegt.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 09.09.2007, Nr. 36 / Seite 63
Bildmaterial: Aizpuru, Juliette McCawley, Marlborough

 
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