Von Angelika Heinick
19. Januar 2007 In wenigen Jahren hat sich die Brüsseler Foire des Antiquaires de Belgique von einer nationalen Traditionsveranstaltung zum internationalen Ereignis gemausert. In der Halle A des ehemaligen Rangierbahnhofs Tour & Taxis machen vor allem die französischen Händler dem belgischen Markt ihre Aufwartung. Neben ihren belgischen Kollegen, etwas mehr als die Hälfte der Aussteller, bilden sie mit rund dreißig Prozent von 130 Teilnehmern das stärkste ausländische Kontingent der 52. Ausgabe. Der Grund für diese Präsenz ist weniger in nachbarschaftlicher Anhänglichkeit als in einem günstigen belgischen Steuergesetz zu suchen, weshalb zahlreiche vermögende Pariser Kunden ihr Domizil nach Brüssel verlegt haben.
Die restlichen Teilnehmer kommen aus Deutschland und Holland, Italien, Großbritannien, Luxemburg, Monaco und der Schweiz. Der Ehrgeiz, sich hinter Maastricht und der Pariser Biennale des Antiquaires einen glanzvollen dritten Platz zu erobern, ist ungebrochen. Die Messevorsitzende Grethe Zeberg verfolgt den Erneuerungskurs einer mit jahrzehntelanger Tradition befrachteten Institution. Lange Zeit undenkbar, so Grethe Zeberg, stelle die moderne und zeitgenössische Kunst mittlerweile ein Viertel des Brüsseler Messeangebots.
Von der Antike bis zum Art déco
Dennoch hat die Foire des Antiquaires de Belgique ihr breitgefasstes Angebot von der Antike über Stammeskunst, Ostasiatika, Möbel und Kunsthandwerk bis hin zum Art déco beibehalten. Die Gestaltung der Halle besticht durch das aufwendige, aber gekonnt unaufdringliche Dekor in hellen Grautönen. Zu den ältesten Exponaten der Messe gehört die ägyptische Granitskulptur eines Kopfes aus der Zeit des Pyramidenbaus im Alten Reich. Dieses roh in den Stein gemeißelte Fragment der Figur eines Würdenträgers ist auf 2600 bis 2400 vor Christus datiert und kostet bei Sycomore Ancient Art aus Genf 850.000 Euro.
Ein kleiner Tapir aus massiver Bronze, der im China zur Zeit der Streitenden Reiche (475 bis 221 vor Christus, 60.000 Euro) vielleicht zum Beschweren eines Teppichs diente, steht bei der Zen Gallery in Brüssel aktuellster chinesischer Kunst gegenüber: China China, ein Paar 190 Zentimeter hoher gesichtsloser Bronzefiguren im Mao-Anzug des Bildhauers Zhu Wei, kostet in einer Auflage von zwölf Exemplaren stolze 150.000 Euro. Nicht Monumentalität, sondern die Feinheit der Ausführung charakterisiert die kleine Keramikvase auf drei Füßen der Maya (450 bis 750 nach Christus), die Mermoz (Paris) für 160.000 Euro bereithält: Die mehrfarbige Bemalung rund um das Gefäß gibt eine Palastszene wieder, dessen Herr, wie es sich damals gehörte, den Besuch auf einem Thron mit Jaguarfell sitzend empfing.
Nagelfetisch aus dem Kongo
Mehr noch als die präkolumbische Kunst gehört die Stammeskunst zu den traditionellen Stärken der Messe - diesmal führt Dartevelle aus Brüssel einen konde, einen Nagelfetisch aus dem Kongo des 19. Jahrhunderts, ins Feld. Die stehende hölzerne Figur mit geweißtem Gesicht, die in der erhobenen rechten Hand eine Lanze hält, kommt aus dem Totenreich - die eingeschlagenen Nägel sollten den Geist der Statue wecken. Die Skulptur aus der Baseler Sammlung Tschopp wird mit mehr als 300.000 Euro beziffert.
Der frühere, üppige Kunstkammercharakter der Brüsseler Messe ist einer aufgelockerten Präsentation, vor allem der herausragenden Stücke, gewichen. Die Pariser Galerie Flore trumpft mit einem Zyklus von fünf Wandteppichen königlicher Herkunft auf: Le Manège Royal, um 1670 in der Brüsseler Manufaktur Anselme de Brol gewebt, stellt den Reitunterricht Ludwigs XIII. dar. Der Zyklus, einst im Besitz der französischen Krone, wurde bei der Revolution beschlagnahmt und verkauft. Der nächste Besitzer der prachtvoll erhaltenen Teppiche muss zwischen 1,5 und zwei Millionen Euro anlegen.
Bronzefigur ist spektakulärstes Messeobjekt
Königlich ist auch der Preis von mehr als 250.000 Euro für einen hübschen silbernen, mit Opalen besetzten Drehspiegel von Kolomann Moser aus dem Jahre 1904 bei L'Ecuyer. Eine Tabaksdose des französischen Art déco, eine Lackarbeit auf Metall von Jean Dunand, nimmt sich mit 12.000 Euro bei Janssens van der Maelen geradezu erschwinglich aus.
Ronny van de Velde hat eine anspruchsvolle Auswahl von Félicien Rops bis Picasso, Picabia und Dubuffet zusammengetragen und von James Ensor ein Jugend- und ein spätes Gemälde zusammengehängt. Der mit schriller Palette auf Holz gebrachte Sturm auf gefährlich schillernder See von 1938 (150.000 Euro) hat mit dem beschaulichen Seestück des sechzehnjährigen Malers von 1876 (65.000 Euro) nichts mehr gemein. Der besten Tradition belgischer Phantastik begegnet man bei Harold t'Kint de Roodenbeke mit einer farbenprächtigen, großformatigen Gouachezeichnung von Leon Spilliaert, Feuerwerk, der Zirkus von 1927, aus dem Besitz seiner Tochter Madeleine (um 100.000 Euro).
Jos Jamar aus Antwerpen hat vermutlich das spektakulärste Objekt der Messe mitgebracht: Panamarenkos Selbstporträt Brazil ist eine 1,30 Meter hohe Bronzefigur eines Fliegenden mit durchsichtigen Flügeln. Wie die Brüsseler Messe scheint er Anlauf zu nehmen, um sich in die Höhe zu schwingen.
Bis 28. Januar. Täglich von 11 bis 19 Uhr geöffnet, Donnerstag bis 22.30 Uhr. Der Eintritt kostet 10 Euro, der Katalog ebenfalls.
Text: F.A.Z., 20.01.2007, Nr. 17 / Seite 43
Bildmaterial: Barrere, Mermo, Oscar de Vos, Sycomore, Trigano, Zen Gallery
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